bei sich , als ich erblindete . Jetzt lebe ich nur allein von seiner Güte . Als er vor zwei Monaten nach Meschhed Ali mußte , nahm er mich mit , weil dort meist Perser sind , deren Sprache er weder spricht noch versteht . Jetzt befanden wir uns auf dem Rückwege . Das Wasser ging uns aus , und fast verschmachtet mußten wir mitten in der Wüste halten bleiben . Wir waren überzeugt , daß Allah unsern Tod beschlossen habe . Mehr weiß ich nicht zu sagen ; das andere wißt nur ihr . « Das war die ganze Auskunft , welche er uns erteilte . Ich sah Halef an , daß er wieder fragen wollte , winkte ihm aber ab . Es gab einige Punkte , über welche ich trotz der Schweigsamkeit und Zurückhaltung des Mekkaners gern Auskunft haben wollte . Er war unser Gast und dabei ein unglücklicher , blinder Mann , wahrscheinlich auch noch sonst beklagenswert , und gegen solche Leute ist man nicht gern zudringlich ; aber wenn man bei Wohlthaten auch nicht grad zu wissen braucht , wem man sie erweist , so gab es hier doch andere , sehr triftige Gründe , es nicht bei dem bisherigen , ganz unzureichenden Aufschlusse bewenden zu lassen . Ich erkundigte mich also , jedoch in rücksichtsvollem Tone : » Möchtest du uns wohl sagen , welchem Berufe El Ghani angehört ? « » Er ist Schech el Harah72 , « antwortete er . » Und wie ist sein eigentlicher Name ? « » Habt ihr ihn gesehen ? « » Ja . « » Auch mit ihm gesprochen ? « » Ja . « » Hat er euch seinen Namen nicht gesagt ? « » Nein . « » So erlaube , daß ich ihn auch zurückbehalte ! Er ist mein Wohlthäter , dem ich zur Dankbarkeit verpflichtet bin ; ich habe also kein Recht , das zu sagen , worüber zu schweigen er seine Gründe gehabt haben wird . « » Ich achte diese deine Dankbarkeit , obwohl ich der Ansicht bin , daß ein ehrlicher Mann seinen Namen nicht zu verschweigen braucht . Du hast den deinen auch noch nicht genannt ! « » Effendi , willst du mich der Unehrlichkeit zeihen ? « » Nein . Es genügt mir , von El Ghani erfahren zu haben , daß man dich El Münedschi nennt . Aber wann ihr hier mitten in der Wüste Halt gemacht habt , das darf ich wohl erfahren ? « » Es war am Jom es Sabt73 früh . « » Also vorgestern . Wann bist du da eingeschlafen ? « » Sofort , als ich vom Kamele gefallen war ; zum Absteigen fehlte mir die Kraft . « » Während dieses Schlafes hat dir von einem andern Leben , von einer andern Welt geträumt ? « » Effendi , darüber laß mich schweigen ! Ich träume nicht . Was du für Traum hältst , ist etwas ganz anderes . Du bist ein berühmter Gelehrter ; aber alle deine Gelehrsamkeit reicht nicht aus , das zu begreifen , was ich dir darum lieber verschweige . « » Ich meine im Gegenteile , daß ich als Gelehrter es leichter begreifen würde als ein Ungelehrter . « » Nein . Du würdest es für eine Krankheit halten , während es doch grad ein Beweis der höchsten geistigen Gesundheit ist . Ich bitte dich , nicht in mich zu dringen , und mich jetzt wieder mit El Ghani zu vereinigen ! « » Die Erfüllung dieses Wunsches ist leider jetzt nicht möglich . El Ghani ist fort . « » Fort ? Wohin ? « » Nach Mekka . « » Ohne mich ? ! « » Ja . Er hielt dich für tot und hatte dich schon eingescharrt . Als er mit seinen Leuten fortgeritten war , nahm ich dich aus dem Grabe und fand , daß du noch lebtest . « » Tot ? Begraben schon ? « fragte er entsetzt . » Allah sei mir gnädig ! El Ghani weiß doch , daß ich stets sehr bald wieder zu mir zurückkehre ! « Mit diesen Worten hatte er mir sein Geheimnis schon halb verraten , ohne es in seiner Aufregung zu bemerken ; die andere Hälfte dachte ich mir hinzu . Darum fragte , wie man sich auszudrücken pflegt , ich ihn grad auf den Kopf : » Wie lange pflegtest du in solchen Fällen gewöhnlich nicht bei dir zu sein ? « » Nur einige Stunden , « antwortete er prompt . » Du wußtest dann , wo du gewesen warst ? « » Ja , ganz genau . « » Und dieses Mal hat es länger als zwei volle Tage gedauert . Es handelte sich auch nicht bloß um den bei dir üblichen Zustand , sondern du warst scheintot . Die Anstrengungen des langen Rittes und die Entbehrung des Wassers , der Einfluß deiner Nervenkrankheit , die ich allerdings nicht wie du als den Beweis der höchsten geistigen Gesundheit bezeichne , und dazu der Umstand , daß du ein außerordentlich starker , mit Tabak durch und durch vergifteter Raucher zu sein und darum sehr wenig zu essen scheinst , kurz , diese und vielleicht auch noch andere Gründe , welche ich nicht kenne , haben zusammengewirkt , den Zustand herbeizuführen , den wir als scheintot bezeichnen . « » Scheintot ! « sagte er . » Zwei volle Tage habe ich gelegen ! Solltest du recht haben . Es wäre entsetzlich gewesen , wenn ich begraben worden wäre , ohne wirklich tot zu sein ! Scheintot ! Es giebt ja überhaupt keinen wirklichen Tod , denn das , was ihr so nennt , das ist eben nichts anderes als scheinbarer Tod . Es ist das Ablegen des irdischen Kleides , welches wir unter dem Namen Körper hier getragen haben , aber niemals wieder tragen werden . Dieser Körper bleibt zurück , um sich in seine Grundbestandteile wieder aufzulösen