fragte Gudstikker und beugte sich herab zu dem Kind , das seine Finger in den Mund steckte und verlegen zu Boden sah . » Wie heißt du ? « wiederholte er streng . » Weiß nicht . « » Wem gehörst du denn ? « » Weiß nicht . « » Wo ist denn deine Mutter ? « » Tot . « » Und dein Vater ? « » Auch tot , « sagte der Knabe , drückte sich scheu an ihn und fragte bang : » Bist du der Herr Jesus ? « Da erschallte ein herzzerreißendes Schreien im Innern des Waisenhauses . » Hörst ? Hörst ? « machte der Knabe und , begann leise zu schluchzen . Gudstikker nahm das Kind bei der Hand und stieg mit ihm die Treppen hinan . Viertes Kapitel Agathon ging in die Küche und aß , was man ihm an Überbleibseln und für die Tafel Unbrauchbarem gab . Dann stieg er in die Bodenkammer , wo er die Nacht verbringen durfte . Von unten klang Musik herauf , Gläserklingen , dumpfe Rufe der Fröhlichkeit , das Schlürfen des Tanzschrittes und das wogende Murmeln der Gespräche . Er wälzte sich lange Zeit schlaflos und ein bitteres Gefühl erfüllte sein Herz , daß er im Haus des reichen Verwandten auf Stroh unter dem Dach schlafen mußte ; denn daß der Baron ein Vetter seiner Mutter war , hatte er Stefan Gudstikker stolz verschwiegen . Sem geschärftes Ohr vernahm durchdringender den Lärm des Festes und es war , als ob ihn eine Stimme riefe . Dunkle Sehnsucht ließ ihn zittern vor Ungeduld ; er sprang aus dem Bett , warf sich wieder in die Kleider und , die Augen noch umschleiert von der Finsternis , stieg er die Treppe hinab mit dem Bewußtsein einer Schuld . Es war ihm gleich , wohin er kam ; er öffnete im zweiten Stock eine Tür ( deutlicher hörte er Musik und Tanz von unten ) und befand sich in einem großen Salon , der noch warm war von erloschenem Kaminfeuer . Er lächelte , die Musik unter ihm ließ die Dunkelheit rings gleichsam erbeben . Da hörte er vom Nebenzimmer ein Geräusch , wie wenn jemand weint und will es nicht hören lassen . Agathon ging hin , öffnete die Tür und stand nun verlegen und bestürzt vor seiner Base , zu deren Verlobung das prunkvolle Fest im Hause gefeiert wurde . Sie saß vor einer Kerze und schluchzte in ihr Taschentuch . Jeanette blickte auf , und vor Erstaunen brachte sie kein Wort hervor . Endlich fragte sie heiser , was er hier zu suchen habe . Agathon zuckte die Achseln . » Nichts , « antwortete er . » Ich habe dich weinen hören . « » Von oben ? Von deiner Kammer ? « Agathon wurde bleich und ließ den Blick verächtlich durch den geschmückten Raum schweifen . » Nein , « sagte er , » nicht von meiner Kammer « . » Nun ? « Agathon schwieg . Die großen , von Tränen nassen Augen des Mädchens erweckten ein Gefühl von Niedrigkeit in ihm . Jeanette nahm ihn bei der Hand . » Nun gestehe . Weshalb bist du gekommen ? Hast du Hunger ? Dann soll man dir geben , was du willst . Auch Wein sollst du haben . Ich will es dem Diener sagen . Oder willst du Geld ? Hier ist meine Börse . « Sie lächelte bitter und wollte aufstehen . Doch Agathon nahm ihre Hand und drückte sie mit großer Kraft so fest zusammen , daß das Mädchen ihn mit einem überraschten Ausdruck des Schmerzes ansah . » Ich bin nicht , was du meinst , « sagte Agathon . » So ? « Ein unsicherer Spott trat auf Jeanettens Gesicht . » Ich bin nicht hungrig , « sagte Agathon leise . » Ich brauche auch kein Geld . Also nimm dein Geld hier weg , sonst muß ich es zum Fenster hinauswerfen . « Jeanette sah lange in Agathons erregtes Gesicht , dann faßte sie ihn plötzlich an beiden Händen , zog ihn zu sich und sagte herzlich : » Nun sprich ! « Agathon schüttelte den Kopf . » Ich glaubte , du hast etwas zu sagen . Ich habe ja nicht geweint . Freilich , woher sollst du Vertrauen zu einem so schlecht gekleideten Menschen haben . « Er lächelte wieder , wandte das Gesicht ab und starrte ins Dunkle . Die Wände schienen sich aufzutun vor seinen Blicken , und aus zahllosen Augen schauten ihn die Sorgen an , unter denen die Menschen Schätze zusammentragen , um sie wieder von Sorgen bewachen zu lassen . » Agathon ! « flüsterte Jeanette . Sie ließ seine Hand nicht mehr los , und er fühlte , wie heiß ihre Hand war . » Ich habe dich stets übersehen wie einen Schatten . Du hast dich auch so schmal gemacht wie ein Schatten , du wunderlicher Agathon . « Agathon antwortete nicht . » Sprich , Agathon , hast du schon viel Böses getan ? Warum zitterst du ? was ist dir ? « » Böses , fragst du ? Was ich getan , war nicht böse . Es war auch nicht gut . Es wäre schlechter gewesen , wenn ich einem Vogel die Flügel genommen hätte . Oder kann es böse sein , wenn es dich erhebt , glücklich macht ? Oder gut , wenn es das ganze finstere Leben erkennen läßt und was man versäumt hat und was andere versäumt haben - ? « Jeanette , tief erregt durch das Wesen des jungen Menschen , flüsterte stockend : » Setz dich zu mir . So . Und nun hör mich an . Sieh , ich soll einen Menschen heiraten , den ich noch nicht zweimal im Leben gesehen habe . Er ist nicht jung , er ist nicht alt , er ist nicht edel , er ist nicht gemein , ich kenne ihn