Tier . Die andern Priester zittern . Die Knaben weinen leise , ihre Augen werden noch größer . Die sieben großen Priester des Mondtempels zu Hauran haben sich nach uralter Sitte einen furchtbaren Schwur geleistet - sie wollen sterben , wenn sie die schwarze Todesperle in die Finger genommen haben . Und die sieben Knaben , die zum Teil schon älter sind , haben denselben Schwur geleistet wie die Priester . Doch die Knaben dürfen , wenn sie den Schwur geleistet , nie wieder mit andern Menschen zusammenkommen . Nur mit den sieben großen Priestern dürfen sie zusammenkommen . Das Menschenopfer ist ein alter heiliger Brauch . Der Vierzehnte wird immer geopfert . Außer denen , die den Schwur leisteten , weiß kaum ein einziger Mensch , daß im Tempel zu Hauran Menschen geopfert werden . Mit größter Vorsicht wird jeder Neugewählte eingeweiht . Nur diejenigen , die den Tod ernsthaft suchen , werden gewählt . Die Priester wissen , daß die Macht der Ssabier gebrochen ist , und sind darum schon stets bereit , sich opfern zu lassen . Ja - die vierzehn Menschen , die da unten im Opfersaal versammelt sind , haben sämtlich eine wahnsinnige Lust am Opfer - sie sehnen sich nach dem Tode - - - aus übergroßer Liebessehnsucht ward die Todessehnsucht geboren . Die furchtbarsten Lustgefühle durchrasen jetzt - diese vierzehn Menschen da unten , die im besten Freunde den Gott sehen und mit ihm zusammen in den Tod gehen wollen . Doch es bereitet ihnen eine grausame gräßliche Wollust , daß sie nicht zu gleicher Zeit sterben , daß sie nacheinander sterben und über jeden gestorbenen Freund mit wahnsinnigen Qualen - herfallen - wie die Hyänen über die Leichen herfallen . Die feinsten gebildetsten Menschen sind die Priester , sie fühlen die feinsten Dinge - sie wissen so Vieles , das Niemand je geahnt . Und die Knaben sind womöglich noch feiner . Aber diese feinen Nerven sind ein Fluch für die feinen gebildeten Menschen . Sie » leiden « - durch diese feinen Nerven - und müssen sich daher immer nach dem Tode sehnen , im Tode den Erlöser sehen - müssen sich noch mehr quälen - das Gräßlichste und Entsetzlichste ist für die feinen Nerven eine Art Beruhigung . Der ungeheuer große Schmerz soll die kleinen Schmerzen vernichten . Die Vierzehn wollen immer ihren besten Freund töten , weil sie ihn lieben . Und sie wollen sich auch von ihrem besten Freunde töten lassen aus Liebe . Das ist verrückte Liebe - ein großartiger Wahnsinn ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Eines hätte die Armen von der Todessehnsucht erlöst - ein unaufhörliches großes Kunstschaffen , das immer wieder auf Riesenwerke sinnt . Doch das lag ihnen natürlich meilenfern . Und so schlachteten sie sich gegenseitig ab . Und - ja - wer beschreibt , was da unten im Opfersaal vorgeht ? Mit wahnsinniger Verzückung läßt sich der dem Tode verfallene Knabe die Adern öffnen , und die Andern füllen ihre goldenen Becher mit dem Blut des Knaben und trinken das Blut . Und dann küssen Alle den blutenden Knaben - mit einer wahnsinnigen Gier , daß dem Knaben der Atem ausgeht - daß der Knabe erstickt wird . Und dann stößt der Riese Tschirsabâl seinem besten Freunde das heilige Steinmesser in die Brust und kreischt , kreischt - gräßlich ist das Gekreisch . Und dann legen sie den Toten in die Wanne , machen ein Feuer unter der Wanne und schneiden aus dem Körper des Knaben große Fleischstücke mit ihren heiligen Messern heraus - und dann verschlingen sie die Fleischstücke - mit wahnsinniger Verzückung . Sie glauben , sie nähmen die Gottheit in sich auf . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Und nach dem Mahl schleichen Alle davon , und ihre Augen strahlen Fieberglut aus . Wenn sich die Priester dem Volke wieder zeigen - dann erschrickt das Volk - es weiß sich die furchtbaren Gesichter der großen Priester nicht zu erklären . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Auf der Terrasse und in den Grotten des Tempels verteilen jetzt Tempeldiener Brot und roten Wein . Das Brot hat die Form eines Menschenkindes . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Tschirsabâl erscheint wieder oben auf der Terrasse , auf der Safur weilt . Safur empfängt eben den Wein und das Brot - trinkt - trinkt - ißt - ißt - und sieht dann den Priester . Der Dichter sieht das entsetzte Gesicht des Riesen , denkt aber gleich , daß er ihn froh begrüßen muß - der Priester lebt ja noch . Und Safur will stürmisch den Priester umarmen , schreit laut und lachend : » Nun wollen wir leben ! leben ! « Doch der Riese taumelt zurück und ruft dem lebenslustigen Dichter mit furchtbarer Stimme ein einziges Wort zu - » Esel « heißt das einzige Wort . Und dann verschwindet Tschirsabâl hinter dem nächsten Gebüsch - er starrt entsetzt in den Mond und flüstert : » Mond , sei mein bester Freund ! Menschen find ich nicht mehr ! Töte mich ! Töte mich ! Ich halts nicht mehr aus ! « Und er schlägt lang hin . Und der blaue Turban fällt in ein Myrtengebüsch . Dreizehntes Kapitel Indeß - als nun abermals vier Wochen ins Land gegangen sind , spielt sich wieder in Tarubs Küche was ab . Die Tarub steht vor dem Herde und starrt ins Feuer - ihr braunes Gesicht ist ganz rot - und ihre schwarzen Augen flackern noch heftiger als die Flammen des Herdfeuers