die anderen Schüler fortgingen , zurück und machte den Weg in sein Hotel mit ihm zusammen . Dabei verhehlte er ihm nicht , daß seine Aussichten , das Examen zu bestehen , nicht eben glänzend wären , aber er ließ auch deutlich durchblicken , daß mancherlei zu seinen Gunsten in die Wagschale fiele . - Nehmen Sie beim deutschen Aufsatz alle Kräfte zusammen ! Gelingt der Ihnen so gut wie die häuslichen Aufsätze , so haben Sie viel gewonnen . In der mündlichen Prüfung hoffe ich mir eine gute Leistung im Übersetzen aus dem Griechischen und Lateinischen ins Deutsche . Zeigen Sie , daß Sie den Geist der Alten schnell erfassen können ! Daß Sie so manches , zumal Mathematik und alles Grammatikalische , so vernachlässigt haben , ist schlimm , sehr schlimm , aber , wenn Sie zeigen , daß Sie dafür anderen Dingen um so mehr Liebe entgegenbringen , dann wird sich das gelinder ansehen lassen . Und nun noch dies : Was Sie auf der Schule in Hinsicht der sittlichen Führung gefehlt haben , machen Sie das auf der Universität gut ! Wenn Sie , wie ich hoffe , auf unsrer Landesuniversität studieren werden , so wird es mir eine liebe Aufgabe sein , Sie in den Augen zu behalten . Vergessen Sie das nicht ! Stilpe antwortete mit edler Offenheit und in gut zu Tage geförderten Sätzen , die eine heiße Dankbarkeit und tiefe Vorsatznahme alles Guten schön erkennen ließen . Der Kommissarius : So sei es ! Ich hoffe , wir werden uns auch in veränderten Verhältnissen noch sehen und sprechen . Meine Anteilnahme für Sie gründet sich auf eine gute Meinung und wird so lange andauern wie diese . Denken Sie immer daran ! Es handelt sich um mehr als die Reiseprüfung . Stilpe ( sehr leise und mit einer fast zärtlichen Tonfärbung ) : Ich werde immer an diese gütigen Worte denken und bestrebt sein , mich ihrer würdig zu erweisen . Händedruck und ein tiefer Abwärtsschwung der Schlappmütze . Als der Geheimrat verschwunden war , setzte Stilpe seine Mütze nicht wie sonst auf den Hinterkopf , sondern tief in die Stirne . Er kam sich unendlich brav vor und stieß seine Vergangenheit energisch von sich . Kein Zweifel : Er würde das Examen bestehen ! Und mehr noch : Seine Zukunft war gemacht . Dieser Geheimrat hatte erkannt , was in ihm steckte , und es wäre ein Frevel , sein Vertrauen zu täuschen . Wer weiß , was er mit ihm vor hatte ! Offenbar ganz hohe Posten ! So etwa als litterarischer Regierungssekretär oder ... aber gleichviel : Irgend etwas sehr Angesehenes . Natürlich : Erst studieren , und zwar neben Kunstgeschichte und Litteratur auch Jurisprudenz ! Seine alten Pläne waren durchaus versunken . Hier winkte Außerordentliches ! War nicht auch Goethe Geheimrat und Minister gewesen ? Das wars , was winkte ! Die Verbindung von Staatsmann und Poet . Sollte er etwa wie Lenz untergehn ? Nein : Seine Sturm- und Drangperiode war vorüber . Endgiltig . Hinter ihm Nebel des Wüstseins , vor ihm die breite , sonnenhelle Marmortreppe zu Einfluß und Ruhm und Reichtum . Oh diese Eselhaftigkeit , zu vergessen , daß ohne Reichtum Genuß undenkbar ist . Was wär ich geworden ? Ein genialer Lump ! Eine hungrige Berühmtheit , nein , pfui Teufel , ein Litterat ! Was hätt ich gehabt ? Nichts zu essen und mediokre Weiber , Nähmädchen , höchstens Choristinnen . Nun aber ! Stellung und Ansehen ! Mitten in den höchsten Kreisen ! Ach , diese aristokratischen Damen ! Alles an ihnen Schönheit und Eleganz , rauschende Seide , feinster Geist ! Er sah einen ganzen Hofball vor sich von nackten Schultern und Brüsten , Diademe in duftenden Haaren , heiße Blicke hinter Straußfederfächern . Und er fing gleich zu dialogisieren an : - Ah , Exzellenz , Ihr letztes Drama , wie herrlich ! - Hat es Ew . Hoheit Beifall ? - Ach , ich bin hingerissen ! Und die Herzogin sah ihn glühend an , diese Herzogin , die geistreichste Frau des Hofes , und so jung und schön ! Ah ! Ein ganzer Roman entzündete sich in ihm . Zuletzt lag er der Herzogin zu Füßen und küßte ihr die Kniee , und sie neigte sich über ihn , und er küßte sie auf die ... - Höh ! Schaunard ! Musterknabe ! Favorit ! Prima-Nota-Jüngling ! Die drei Schlappdeckel ! Ekelhaft ! Er machte ein ärgerliches Gesicht : - Was wollt ihr ! ! ! - Na ! Na ! Na ! Stolz und grob wie ein Günstling ! - Ich verbitte mir diese Albernheiten . - Köstlich ! Er verbittet sich ! - er ver-bit-tet sich ! - Unglaublich ! Weil ihm der Geheimrat die Hand gedrückt hat , ist er übergeschnappt . - Das ist ein Zeichen von schwacher Cerebralkonstitution . - Affen ! - Hahahaa ! - Er sieht förmlich frisiert aus . - Guckt nur , wie er die Mütze aufthat ! - Er hat ja einen Heiligenschein ! - Sogar zweie , einen um den Kopf und einen um den Hintern . - Aber ein bischen verblödet sieht er aus . - Man könnte fast stupid sagen . Stilpe machte ein Zeichen der Verachtung , und zwar so : Er fuhr über die dünn stehenden schwarzen Haare seines Schnurrbartes und hustete dann in die Hand . - Der reine Gesandtschaftsattaché ! - Ich glaube , der Geheimrat hat ihm einen Schwur abgenommen , Jurist zu werden . - Habe wenigstens die Gnade , uns zu sagen , ob Du noch mit uns verkehren willst . Das sagte Stöffel . Aber Barmann fuhr hinterdrein : - Was ! Er ! Ob er will ! Ob wir wollen ! Das ist die Frage ! Ein Mensch , der offenbar zu Kreuze gekrochen ist ! Ein Renegat ! Wippert : Ein Feigling ! Barmann : Pater peccavi hat er gemacht ! Stöffel :