selbst empfunden , wie dieses Bild zu ergreifen vermag mit seinem Ernst und seiner träumenden Schwermut . Es war eine von Werners Lieblingsarbeiten . Er hat das Bild ohne Vorlage der Natur gemalt . Und doch diese überzeugende Wahrheit ! In früheren Jahren muß er dieses Motiv einmal in Wirklichkeit gesehen haben . Solche Natur erfindet man nicht . Und ich glaube , daß sich für ihn an diese landschaftliche Szenerie eine teure Erinnerung knüpft . Er hat eine Vorliebe für dieses Motiv , das sich mit veränderten Zügen auf verschiedenen seiner Bilder findet . « Gundi Kleesberg rührte die Nadel wieder , mit den Augen so nahe bei der Arbeit , als wäre sie kurzsichtig . » Eines seiner ältesten Bilder hat mit dem Spätherbst eine auffallende Ähnlichkeit . Und doch , welcher Unterschied ! Damals der heiße , leidenschaftliche Kampf mit dem Vorwurf , auch noch die unsichere Hand , die unter dem Sturm der Seele zittert , ihn nicht in Linien zu bannen vermag . Und jetzt die abgeklärte Ruhe , die freie Beherrschung des Stoffes , der sich äußerlich kaum veränderte . Aber nach innen ist alles vertieft , alles klingt zusammen in Harmonie . Das ist Wirklichkeit , zum Kunstwerk erhoben . Und die Entwicklung dieses Motivs , von jenem ersten Versuch bis heute - ich möchte fast sagen : das ist wie eine Biographie Werners . « Forbecks Stimme wurde warm . » Was einmal lebt in ihm , das hat festen Halt . Sein Herz ist wie eine bessere Welt . Da gibt es kein Vergehen , nur immer ein schöneres Werden . Das gilt nicht nur von ihm als Künstler . So ist er auch als Mensch . Wer das Glück hat , ihn kennenzulernen , muß in Liebe zu ihm aufblicken . « Aus den Augen der Kleesberg fielen zwei schwere Tropfen auf die Arbeit . Schweigen trat ein , und man hörte nur das Plätschern der Fontäne . Diese plötzliche Stille weckte Tassilo aus seiner Lektüre ; er blickte verwundert auf und ließ die Zeitung sinken . Kitty atmete tief , als wäre mit Forbecks Schweigen ein fesselnder Bann von ihr gewichen ; und nun bemerkte sie die nassen Augen der Kleesberg . » Tante Gundi ? « » Was ist denn los ? « fragte Tassilo . Gundi Kleesberg hob das Gesicht ; durch den weißen Puder liefen zwei dunkle Furchen . Sie sagte leis : » Das hat mich sehr ergriffen . Wie Herr Forbeck an seinem Lehrer hängt , das ist schön . « Ihre scheuen Augen streiften den jungen Künstler ; auch noch zwei andere Augen hingen an ihm , groß und glänzend . Forbeck wurde verlegen . » Sie setzen auf meine Rechnung , was nur ein Verdienst Werners ist . Wenn Sie ihn kennen würden - « » Hast du ihn noch nie gesehen ? « fragte Kitty . » Nein ! « Und zögernd , während sie ihre Arbeit wieder aufnahm , fügte Gundi Kleesberg hinzu : » Ich gestehe - da ich ihn als Künstler sosehr verehre , würde es mich lebhaft interessieren - « » Ach so ? Ihr habt wohl die ganze Zeit von Werner gesprochen ? « sagte Tassilo , streifte den langen Aschenstengel von der Zigarre und wandte sich an Tante Gundi . » Wenn Sie neugierig sind : stellen Sie sich Herrn Forbeck um fünfundzwanzig Jahre älter vor , und Sie haben ungefähr einen Begriff , wie Werner aussieht . « » Diese Ähnlichkeit ist auch Ihnen aufgefallen ? « fragte Forbeck , erfreut über Tassilos Worte . » Schon damals , als ich Sie kennenlernte . Ich hab ' auch schon mit Werner darüber gesprochen . Das ist eine merkwürdige physiologische Erscheinung . « Gundi Kleesberg hob den ängstlichen Blick . » Sie sind mit Professor Werner verwandt ? « Tassilo lachte . » Aber dann wäre ja die Sache sehr einfach und natürlich . « Nun wurde auch Kitty neugierig . » Das ist aber doch ein seltsamer Zufall . « » Das ist kein Zufall ! « sagte Forbeck . » Vor Jahren bestand diese Ähnlichkeit nicht . Sie hat sich erst während meines Zusammenlebens mit Werner ausgebildet . Wir haben Nachforschungen angestellt , ob nicht doch unsere Familien irgendwie in verwandtschaftlicher Beziehung stünden . Aber nicht die geringste Spur war zu entdecken , obwohl wir die Kirchenbücher seiner und meiner Heimat bis zurück in die Zeit unserer Urgroßväter durchstöberten . Werner ist Oberfranke , ich bin ein Allgäuer Schwabe . Von unseren Familien saß jede in ihrem heimatlichen Dorf , mit einer Verwandtschaft , die über fünf Stunden im Umkreis nicht hinausreichte . Nein . Diese Ähnlichkeit hat andere Gründe . « In Forbecks Augen war ein träumendes Leuchten . » Ein Zufall hat mich in Werners Weg geführt , er glaubte Begabung in mir zu erkennen und nahm sich meiner an . Nun darf ich seit Jahren mit ihm leben wie der jüngere Bruder mit dem älteren . Werner hat mein Können gebildet , mein Denken und Empfinden geweckt . Er hat in geistigem Sinne aus mir ein Stück seiner selbst gemacht . Bei diesem jahrelangen , innigen Zusammenleben mußte es doch so kommen , daß ich auch äußerlich von ihm annahm , und daß mein völliges Aufgehen in ihm , mein Anschmiegen an seine geistige Überlegenheit und der Ehrgeiz , mit dem ich ihm nachstrebe , sich auch in meinen Zügen ausprägen mußte . « Kitty schüttelte das Köpfchen . » Ist denn so was möglich ? « » Gewiß ! « erklärte Tassilo . » Du hast den lebendigen Beweis vor dir . Unser äußerlicher Mensch in seiner Entwicklung ist nicht nur von dem Rindfleisch abhängig , das wir zu Mittag verspeisen . Auch von allem , was uns durch Kopf und Herz geht . Diese Erscheinung zeigt sich häufig bei Mann und Frau , die in glücklicher Ehe leben . Sie beginnen auch äußerlich einander ähnlich zu werden ,