daß sie dein Kind gepflegt hat in seiner Todeskrankheit ... was sie für die Wirtschaft und mich getan hat , das dank ich ihr schon selbst . Schön ist sie freilich nicht , aber gut ist sie , wie es schier keine sonst gibt auf der Welt « , sagte der Leopold weich und glaubte sein Weib zu beruhigen , wenn er wiederholte : » Nein , nein , schön ist sie gar nicht . « Die Lene faßte den flatternden Rockärmel , rüttelte ein wenig daran , schaute ihrem Manne mit vorgestrecktem Kinn von unten auf in die Augen , biß die Zähne übereinander und sagte dann atemlos : » Wahr ist es , du hast keine Ehr ! « » Ich ? « » Ja , die Leut haben recht . « » So . Und warum ? « frug der Leopold und ergriff ihre Hand , während er leise lachte . » Lache nicht so . Warum ? Weil du dich mit einer ehrlichen Frau von deiner Dirn zu reden getraust ! « schrie ihm die Lene zu , entrang ihm ihre Hand , nahm die Röcke zusammen und rannte jählings an ihm vorbei wie ein verfolgtes Kind ; sie bog , ohne sich umzuwenden , rennend um die nächste Ecke , und ehe ihr der Leopold folgen konnte , war sie in dem Gewühle der Menschen und Wagen verschwunden . » Was heißt das jetzt ? « fragte sich der Mann , und auf einige Pulsschlägelänge schaute sich sein Gesicht an , als ob ein Schimmer von befriedigter Eitelkeit , von plötzlicher Hoffnung darüber hinleuchtete , aber bald erlosch der fremde Schein , und der alte schmerzliche Ausdruck kam wieder . Eine Weile wankte er noch den Weg , den sie gelaufen war , und dachte an das , was sie gesagt und getan hatte ; dann , als er die Stadttore hinter sich wußte , kletterte er auf einen jener Wagen , die bis über die letzten Häuser hinausfahren und darum stets vollgestopft sind mit armen müden Menschen , die ihre großen Bündel schwer schleppen können und so , mehr ihre Last als sich selbst , bequemer heimbringen . Der Wagen rollte schwerfällig den langen Weg hinaus , und der Leopold , der hoch oben neben dem Kutscher saß , schwankte bei jedem Stoß wie ein Betrunkener , er grübelte und träumte und achtete nicht darauf , daß unten im Wagen ein paar Nachbarn von Zeit zu Zeit fast fürsorglich hinaufspähten , ob er noch fest auf seinem Platze säße . » Für die Besoffenen hat unser Herrgott eigene Schutzengeln « , sagte der eine überzeugungsvoll . » Auf eine schnelle Art loskriegen hat sie mich wollen , das ist alles « , schloß der Leopold seine Gedankenkette , als der Wagen einen derben Ruck bekam und ihn aufrüttelte aus seinem trübseligen Brüten . Da waren sie schon in der Nähe der Blauen Gans und hielten an , und der Mann kletterte von dem Kutschbock herab . Jetzt sah er , wie einer um den andern herauskrabbelte , lauter Nachbarsleute , so - und nun huschte da bei der knarrenden Laterne auch noch die Strohschneider-Marie vorbei , blieb stehen und nickte ihm zu . Der Leopold wollte grüßen und ihr ein heiteres Gesicht zeigen , aber das Mädchen schlug die Hände zusammen und fuhr dann mit allen zehn Fingern über ihre Wangen , um ihm zu bedeuten , daß sie sein Aussehen erschreckt habe ; er gedachte sie zu trösten und versuchte zu lachen , aber es wurde nur ein grinsendes Verzerren der Muskeln . Die Marie lief weiter , und der Mann schleppte sich heim in seine Stube . Die nächsten Tage vermied er es , mit der Hanne viel zu reden , jedoch seine Augen suchten sie fort und fort . » Wenn die Lene doch daran glaubte ? « sagte er sich und begann abzuwägen , wieviel an Frauenreiz in dieser überschlanken Gestalt sei und ob die Lene wirklich da eine Nebenbuhlerin finden könne , ob - ja - wenn sie ihn so plötzlich mit den großen , ernsten , liebevollen Augen ansah , da wußte er , daß er ein junges Mädchen vor sich hatte , sonst - was kümmerte er sich um ihr stilles Gehaben . - Jetzt merkte er es auch , daß ihr Kopf manchmal viel hübscher war , wenn sie mit ihm sprach , ganz anders , als wenn sie , über ihre Maschine gebeugt , dort am Fenster saß oder mit kurzen Worten irgendwem Rede und Antwort geben mußte . Das Mädel da soll seine Geliebte sein , sagen die Leute , sagt sein eigenes Weib . - » Ob wohl eine andere so viel Schimpf und Leid auf sich nähme wie die Hanne ? « simulierte er , » keine , nicht einmal die leichtsinnige Strohschneider-Marie , die nicht so viel zu verwetten hat wie das arme Ding ... Warum tut sie es ? ... Warum ist mir das früher nie eingefallen ? « Der Mann konnte mit einem Male keine Ruhe finden , er dachte zurück , weit zurück bis in ihre Kindertage , immer schauten die ernsten wehmütigen Augen zu ihm herüber , überall tauchte der dunkle Kopf auf neben dem andern leuchtenden , herrlichen . Immer stand sie im Hintergrunde , nur jetzt , jetzt saß sie da an der ersten Stelle in seinem Hause , zuvörderst in seinem Leben , sie saß geduldig da und wartete ... worauf ? Daß die Lene heimkommt ! Aber die kann ja nicht heimkommen , solange die Hanne dasitzt und für ... für mein zweites Weib gilt ... » Ah , eine Ausrede von ihr « , wehrte er zum Schlusse ab , » die will nicht heim , und der arme Teufel kann in alle Ewigkeit da hocken , kann alt werden bei mir ohne Mann und ich ohne Weib ... Warum bleibt sie aber da ? « frug er sich hartnäckig und rief