der Doktor , wie immer vorbehaltlich , » wohl ein Pascher gewesen sein , durch welchen sich mein Patient hinter meinem Rücken vielleicht Zigarren verschaffen wollte . Oder vielleicht ein Gläubiger , der einen Versuch machte , sein Geld einzutreiben . « Lisette hingegen erklärte , bei ihr stände es fest , daß es derselbe Schwindler gewesen , der - sie merkte ihm gleich etwas Verdächtiges an - » den armen , guten Jungen « am Tage vorher ganz offenkundig besucht hatte und dann , Gott weiß warum , im geheimen wiedergekehrt sein dürfte . Damit war aber noch immer nicht Klarheit in die Sache gebracht . Und trotz aller Nachforschungen blieb das Rätsel , wer der Fremde gewesen , in welchen Beziehungen er zu Forster gestanden , ungelöst . Maria hatte sich in eine an Stumpfheit grenzende Ergebung eingesponnen . Möchten sie doch auf die Wahrheit kommen ! - sie würde nicht leugnen , sie würde sterben . In vermessener Zuversicht baute sie auf die Gnade des Allbarmherzigen . Er wird sie zugrunde gehen lassen an dem Gefühl ihrer Schuld , sie büßen , sühnen lassen durch den Tod . Es war ihr ein Trost , sich das zu wiederholen . Mit einem Gefühl der Schmach wie dasjenige , das sie in ihrer Brust trägt , kann man ja nicht leben ... Ihr steht etwas bevor , unfaßbar , das nicht auszudenken ist - das Wiedersehen mit ihrem Manne . Sie wird seinen Blick nicht ertragen können , sie wird ihn empfangen mit dem Geständnis : Ich habe dich betrogen , einmal in einer fluchenswerten Stunde , in schnödem Taumel . Aber dich wieder betrügen , mit Bewußtsein und Berechnung ; meinen entweihten Mund deinem Kusse bieten - das werde ich nie . Er kam und war unsagbar glücklich , wieder da zu sein , und sie stand regungslos vor ihm - und schwieg . Wie die anderen schrieb er ihr übles Aussehen , ihre düstere Stimmung dem fürchterlichen Eindruck zu , den der Tod Wolfis auf sie hervorgebracht hatte . Der Doktor beglückwünschte ihn zu der Richtigkeit dieser Ansicht und gebrauchte dabei viele Fremdwörter , wie es sich geziemt für einen Landarzt , der eine vornehme Patientin behandelt . Fräulein Lisette nahm zu jener Zeit etwas Gehaltenes und Siegreiches in ihrem Gang und ihren Gebärden an . Ihr Herz , das nie eine heißere Neigung gekannt hatte als die zu dem » Kinde « , machte im Spätherbste Frühlingsrechte geltend . Sie liebte , sie schmeichelte sich , geliebt zu werden ; scharenweise umflogen ihre Gedanken den teuren Gegenstand , und nur hier und da stellten sich einzelne von ihnen bei der einst ausschließlich Verehrten und Verhimmelten ein . Lisette fand es überflüssig , ihre Leidenschaft zu verhehlen , und sprach unbefangen von dem , der sie ihr einflößte . » Er schwebt halt immer auf meinen Lippen « , sagte sie einmal schalkhaften Tones zu der Gebieterin mitten in einem Bericht über die Ankunft einer Sendung Tischzeugs , in den sie den Doktor ungemein kunstvoll eingeflochten hatte . » Wer ? « fragte Maria . Und nun legte die alte Jungfrau ihr längst angekündigtes Geständnis ab , und die geringe Aufmerksamkeit , die ihr anfangs geschenkt wurde , steigerte sich allmählich , und plötzlich geschah das Außerordentliche - Maria lachte . Hermann , der eben eintrat , hörte es , und seine Freude kannte keine Grenzen . » Wer hat dich lachen gemacht ? - Sie , Lisette ? Goldene Lisette ! - was soll ich für Sie tun ? ... Ich gründe ein Kammerdamenstift , und Sie werden Oberregentin . « Er stürzte auf sie zu und küßte sie auf jede Wange , daß es schallte . » Was hat sie dir vorgebracht ? « wandte er sich an seine Frau , rückte einen Sessel neben das Kanapee , auf dem sie saß , und nahm Platz . » Ich will es wissen , ich will Unterricht bei ihr nehmen . « Maria fragte : » Darf ich antworten , Lisette ? « und diese , ein klein wenig verschämt , erwiderte : » Ich bitt . « » Mit deiner Erlaubnis also . - Sie möchte den Doktor heiraten . « Die Betroffenheit Hermanns , die Anstrengung , die er machte , sie zu verbergen , die fröhliche , unendliche Güte , die aus seinen Augen sprach und aus dem unbezwinglichen und harmlosen Lächeln , das seinen Mund umspielte , erregten von neuem Marias Heiterkeit . - So war es möglich , noch - ja , schon so bald konnte sie sich vorübergehend zerstreuen lassen aus ihrer lastenden , berechtigten , ihrer gebotenen Seelenpein ? Einmal lag sie des Nachts , wie so oft , wachend auf ihrem Lager , lauschte den ruhigen Atemzügen ihres Mannes und sann und sann . Und jetzt drang durch die Stille aus dem Zimmer nebenan , in dem das Kind schlief , ein heiserer Ton , ein lautes , rauhes Husten aus kleiner Brust an ihr Ohr . Sie erhob sich sachte , warf ihr Morgenkleid um , glitt mit nackten Füßen , die Pantoffel in der Hand , über den Teppich , trat bei dem Kleinen ein und schob den Vorhang seines Bettchens zurück . Der Schein der Nachtlampe flackerte auf dem glühenden Gesicht des Knäbleins , es röchelte schwer im Fieberschlafe . Maria weckte ihn und die Wärterin und leistete die erste Hilfe , während jene auf ihren Befehl das Kindermädchen aufrüttelte und nach einem Diener läutete , der den Doktor herbeiholte . Dieser kam , sprach kein Wort , sondern handelte still und energisch ; er war in dieser Nacht ein Held an Mut und Besonnenheit . Vorübergehend nur brachte ihn die Wärterin in Zorn , weil sie fassungslos herumstürzte und durchaus den Grafen rufen wollte . » Alberne Person « , rief Weise , sich der Höflichkeit begebend , die ihn sonst auszeichnete . » Der Doktor verbietet es , der Doktor braucht keine Leute