leichtflammendes Herz sich angenehm durch Severina beschäftigt fühlte . Das Leben der Schloßbewohner und der Pastorenfamilie war durch lange Jahre ein so gemeinsames geworden , daß kein Tag hinging , an dem man sich nicht sah . Insbesondere Severina hatte sogar im Schloß einige bestimmte Obliegenheiten im Hausstand , die freilich von Fanny nur deshalb erfunden waren , damit das gedrückte Mädchen aus der Nähe ihrer predigenden Erzieherin komme . Joachim begegnete ihr im Hause , auf dem Hofe , bei Fanny ; aber er begegnete ihr auch im Wald und auf Feldwegen , wenn sie im Auftrage Fannys oder des Pastors Kranke besuchte oder nach eigener Neigung allein spazierte oder den kleinen Joachim im Wägelchen ausfuhr , was sie als Gunst von Adrienne neuerdings oft erbat . Seltsamerweise , je häufiger sie sich trafen , je mehr hörte Joachim auf , ihr in Gegenwart der anderen , wie er anfangs eifrig gethan , den Hof zu machen ; das fiel niemand auf , oder wenn doch , so dachte man höchstens , Joachim sei eben mit der Werkeltagsthätigkeit und dem täglichen Zusammenleben in den gewöhnlichen Familienverkehrston zurückgekehrt . Nicht daß bei diesen Begegnungen irgend etwas Besonderes gesprochen worden wäre , im Gegenteil wußten beide wenig zu sagen und schritten meist bloß eine Weile stumm neben einander , sich dann mit zögerndem Händedruck trennend . Es war eine stumme Spannung zwischen ihnen . Joachim dachte , daß diese Begegnung kein Zufall sei und ob das Mädchen ihn wohl wirklich liebe . Severina bebte innerlich vor Scham , daß sie sich nicht überwinden gekonnt und ihm in den Weg gegangen , und vor Angst , daß er irgend etwas sagen könne , was ihr diese schweigende Qual glücklich oder unglücklich enden würde . Um die Wonne des Lebens , die er jeden Tag neu empfand , voll zu fühlen , gehörte für Joachim ein Liebesroman dazu ; dieser entspann sich ihm so anmutig , so reizvoll ; weshalb hätte er eilen sollen , den Zauber zu brechen , der in süßen Zweifeln , ahnungsvollen Blicken liegt ? Er drückte Severinas Hand und suchte ihre Nähe und sagte nichts . Aber eine Stunde kam , da schlugen die Flammen aus ihren Augen ganz über ihm zusammen . Severina war mit dem Kind in den Wald gefahren , sie schob den leichten Wagen vor sich her , mit eintönig rüttelndem Geräusch drehten sich die Räder auf dem festen Boden der Wege , manchmal raschelten sie durch das vorjährige Buchenlaub . Da wurde das goldbraune Blättergehäuf auseinander gewühlt und zeigte die schwere Nässe vom Tau der Nacht , die unter der schon trockenen Oberfläche faulte . Nah und fern trillerten die Vögel im Walde ; der Friede und die Kühle webten zwischen den grauweißen Stämmen . Das Kind im Wagen schlief , ein bläulicher Schleier schützte das Gesichtchen gegen Fliegen . Severina schob gedankenlos weiter und weiter , bis sie an die Waldesgrenze kam , aus deren mit Schlehen- , Hasel-und Hollunderbüschen bewachsenem niederem Erdwall außer der durchschneidenden Chaussee noch vielfach schmale Wege ins freie Feld führten . In einer dieser kleinen Wegesöffnungen stand Severina und schaute auf das vor ihr sich ausbreitende Weizenfeld hin . Rechts und links ging die große Koppel mit dem wogenden Gold am Waldsaum entlang , hob sich geradeaus in sanfter Welle und schränkte so rings den Blick ein . Severina setzte sich an den Rain , die Füße im schmalen , zur Zeit ganz ausgetrockneten Graben , der den Erdwall vom Fußpfad , vom Getreidefeld trennte . Sie saß im hohen Grase , fast schlug es über ihren Knieen zusammen . Vom Schlehengebüsch hinter ihr spielten im leisen Wind blühende Ranken des wilden Hopfens herab , der hier das Buschwerk üppig durchspann . Severina verschränkte die Arme auf den Knieen und starrte mit vorgeneigtem Leibe finster in die Aehrenfülle . Aus dem gelben Saum nickte da und dort eine glühende Mohnblüte heraus . Manchmal scholl der zweitönige Ruf der Wachtel aus dem Korn , oder ein Vogel flatterte mit kurzem , unsicherem Flug zwischen den Aehren auf und schoß wieder hinein . Ach , so hatte Severina schon Jahr um Jahr an derselben Stelle dasselbe Bild der Welt , des Fleckchens Erde , das für sie die Welt bedeutete , gesehen ; es war immer dasselbe gewesen , immer das Leben , das sich in gleichförmiger Thätigkeit abspann , immer zu Hause der gutmütige Vater , der Trost und milde Worte für alles , aber Hilfe für nichts hatte , immer die rasche , viel scheltende , besorgte und eifersüchtige Mutter , die alle Jugendfröhlichkeit als sündhaft verbot , die es verhinderte , daß Severina wenigstens an Magnus einen Freund , einen mitfühlenden Bruder gewann . Magnus durfte neben seiner Mutter niemand lieben , darüber wachte sie rastlos . Nun , das wird Magnus sich gefallen lassen , bis einmal eines andern Weibes Liebe ihm süßer ist als die seiner Mutter . Um Severinas willen hat er keinen Grund , die Tyrannei zu durchbrechen ; er ist ihr immer freundlich , aber innerlichst gleichgiltig begegnet . Wann wird sich dies Leben einmal ändern , wie kann es sich ändern ? Severina ist jetzt zwanzig Jahre alt , und Fannys Güte ist das einzige gewesen , das freundliche Abwechslung in die Tage brachte , die sich sonst hätten eintönig in den Grenzmarken eines Dorfes abgespielt - die Güte einer Fremden ! Jeder Zufall konnte ihr diese rauben oder wenigstens Fanny die Neigung nehmen , die Güte so vielfach zu bethätigen . Früher hatte Severina oft gewünscht , die Pflegeeltern möchten ihr erlauben , draußen selbst ihr Brot zu verdienen , aber das gab die Pastorin nie zu ; ihre Ueberzeugung war , daß das Mädchen im Strudel der Welt untergehen werde und daß nur in einem Pfarrhause die für sie zuträgliche Luft sei . Heiraten ? Der junge Pastor vom nächsten Gut , drüben über der Elbe , hatte ihr wohl zu verstehen gegeben , daß er bald in