, die frische Luft atmen ! Dreimal hatte er die Runde um den Gärtnerplatz gemacht , wie einer , der einem Gefängnis entronnen und sich nun in freier Bewegung nicht genug ! thun kann ... Endlich hielt er einen Augenblick , vielleicht um die Pferdebahn zu erwarten ? Er konnte noch keinen bestimmten Gedanken fassen . Alles Menschliche erschien ihm wie eine verschwommene , häßliche Karikatur . Im Warten schweifte sein Erinnern die Seite des Theaters entlang , haftete eine Sekunde am Ausgangspförtchen , um dann im Nu in die Weilersche Bankbude zurückzufliegen ... » Die Sonne ist in den Dreck gefallen - und ich daneben ... Dieser Weiler entwickelt sich ... Je nun , ich werde ihm zeigen , wo Barthel den Most holt . Der thut ja , als ob ich mit ihm Schweine gehütet hätte ! « Inzwischen war die Pferdebahn vorbeigefahren . Drillinger verspürte Hunger . Er trat ins Café Paul . Weiler hatte seinen Schreibknechten noch einige Briefschaften zur Erledigung auf das Pult geworfen , dann herrschte er sie an : » Das Kontor wird heute nicht geschlossen , bis ich wieder zurück bin . Wenn Monsieur Paillard in meiner Abwesenheit noch einmal vorsprechen sollte , melden Sie ihm , daß ich ihn morgen zwischen neun und zehn Uhr in seinem Hôtel besuchen werde , und daß ich die Störung von heute bedaure . Verstanden ? « Die Kontorjünglinge nickten . Eben kam der Ausläufer keuchend zurück und machte vor dem Chef einen tiefen Bückling . » Einen Wagen , Isidor ! « Bis Isidor mit der Droschke vor der Thür erschien , hatte Weiler seine wurstartige Gestalt in den Überrock geknöpft und dem jüngeren Kontoristen noch eine Strafpredigt über seine schlechte Handschrift gehalten . Den Luxus einer solchen Pfote könne er seinen Bediensteten nicht gestatten . Was das für unsolide Schnörkel seien ; die Reellität eines Finanzmannes drücke sich schon in den ebenso eleganten wie festen und schlichten Zügen der Schrift aus ! » Herr von Weiler , ( - Isidor war galizischer Import , k.k. Österreicher und Schnorrant in schönem Verein ) - der Wagen wartet . « Dazu ein Knicks , der die Nasenspitze bis an den Nabel brachte . Nachdem der Bankier mit schwerfälliger Grandezza das Kontor verlassen hatte und mit Isidors Hilfe in die Droschke gekrochen war , ein Kontorist zum andern : » Der schnappt noch über . Er kann sich einen Sperrsitz im Narrenhaus reservieren lassen . Ich gönn ' es ihm . « » Den Baron scheint er noch gründlich einzuseifen . « » Dem gönn ' ich ' s gleichfalls . Der ist auch reif für den Doktor Gudden . « » Die Geschichte mit dem Franzosen ist mir nicht klar . « » Ich halte den Hanswurst für einen Spion . « » Silentium ! Der Pegasus kommt über mich . Gott wie ungeduldig - er wiehert nach seinem Dichter . « » Den Pegasus kenn ' ich ... Ich wette , er möcht ' auch der schönen Frau Raßler einmal seine Kunststücke zeigen . « » Silentium ! Ich bin jetzt ganz Dichtung und Phantasie und umarme alle neun Musen auf einmal . « » Aufschneider . Isidor , Sie haben das Wort . Erzählen Sie mir den neuesten Münchener Skandal ! « Der Galizier nahm aus seiner hintern Rocktasche eine zerknitterte , schmierige Nummer des illustrierten Witzblättchens » Die Kloake « , glättete sie auf dem Knie und überreichte sie mit feierlicher Geberde . 5. Ende der Liebigstraße - am sogenannten » Gries « . Eine alte zweistöckige Baracke mit hohen Dachkammern , wovon die eine als Studierstübchen eingerichtet . Das Fenster gewährt einen prächtigen Blick auf die Isar und die Maximiliansanlagen , die wie ein Wald hart vom Flußufer aufsteigen und den Höhenzug zwischen dem Maximilianeum und dem Dörfchen Bogenhausen mit einem dichten Wipfelstreifen vom Horizonte trennen . Linde Frühlingsluft strömt durch das offene Fenster und spielt leise mit den schlanken Zweigen eines buschigen Rosmarinstocks , der in einer ausgedienten Zigarrenschachtel auf dem äußeren Simse steht . Auf dem weiten Rasenplatz zwischen der Baracke und dem Fluß flattert weiße Wäsche an schwankenden Seilen , von einem Weidenbaum zum andern gezogen . Sanfte Nachmittagsstimmung ruht über der schwach beleuchteten Landschaft . Leichtes Gewölk umzieht träumerisch die Sonne . Schlichting hockte am Schreibtisch beim Fenster , Kuglmeier auf dem Bettrand , die Füße auf dem Stuhl , in einem alten Buche mit Kupfern blätternd . » Höre , Deine Geschichte vorhin von dem nächtlichen Menschenpaar im Astloch , nein , auf dem Wurzelast , war sicher nur eine Vision . « » Vielleicht . « » Übrigens passieren ja tolle Dinge in der Welt . « » Unglaubliche . « Kuglmeier schob den dicken Schweinslederband unter den Kopf und streckte sich im Bette aus . Er trommelte mit den Absätzen auf dem unteren Rand der Lade herum . » Deine Zelle hier ist recht gemütlich , da kann man wie ein Benediktiner ochsen - aber ein anregender Bummel wäre mir lieber . Übrigens möcht ' ich nicht mit Dir tauschen ; meine Bude hat den Vorzug eines pikanten vis-à-vis . Darauf sehe ich immer in erster Linie : abwechslungsreiche Aussicht auf holde Weiblichkeit . Hier außen ist man ja wie am Ende der Welt , nichts als Natur ringsum . Und die Einsamkeit ! Allerdings die Wäschermadeln ... Wer den Seifen- und Waschküchengeruch mag ... Wenn sie ordentlich ausgelüftet , reinlich sind sie ja gewiß und auch nett gekleidet , einladende weiße Schürzchen , vielversprechende kurze Röckchen und so weiter ... Wie stehst Du denn zur schöneren Hälfte der Schöpfung da heraußen ? ... Keine Antwort ... Natürlich so ein Klosterbruder ... Bist Du nicht bald fertig ? Die Hockerei am Schreibtisch ist wirklich nicht gesund , glaube mir ... Ich störe Dich , nicht wahr ? Hast Du nie den Schreibkrampf bekommen ? Ich habe immer gleich so etwas ... « Der kleine Kuglmeier wurde allmählich ungeduldig . Er sprang auf und beschaute