im einzelnen nicht ohne Glück , aber in der Hauptsache griff er fehl , und während er ihrer Reizbarkeit klugerweise mit Nachgiebigkeit begegnete , war er , ihrer Caprice gegenüber , unklugerweise darauf aus , sie durch Zärtlichkeit besiegen zu wollen . Und das entschied über ihn und sie . Jeder Tag wurd ihr qualvoller , und die sonst so stolze und siegessichere Frau , die mit dem Manne , dessen Spielzeug sie zu sein schien und zu sein vorgab , durch viele Jahre hin immer nur ihrerseits gespielt hatte , sie schrak jetzt zusammen und geriet in ein nervöses Zittern , wenn sie von fern her seinen Schritt auf dem Korridore hörte . Was wollt er ? Um was kam er ? Und dann war es ihr , als müsse sie fliehen und aus dem Fenster springen . Und kam er dann wirklich und nahm ihre Hand , um sie zu küssen , so sagte sie : » Geh . Ich bitte dich . Ich bin am liebsten allein . « Und wenn sie dann allein war , so stürzte sie fort , oft ohne Ziel , öfter noch in Anastasiens stille , zurückgelegene Wohnung , und wenn dann der Erwartete kam , dann brach alle Not ihres Herzens in bittre Tränen aus , und sie schluchzte und jammerte , daß sie dieses Lügenspiel nicht mehr ertragen könne . » Steh mir bei , hilf mir , Ruben , oder du siehst mich nicht lange mehr . Ich muß fort , fort , wenn ich nicht sterben soll vor Scham und Gram . « Und er war mit erschüttert und sagte : » Sprich nicht so , Melanie . Sprich nicht , als ob ich nicht alles wollte , was du willst . Ich habe dein Glück gestört ( wenn es ein Glück war ) , und ich will es wieder aufbauen . Überall in der Welt , wie du willst und wo du willst . Jede Stunde , jeden Tag . « Und dann bauten sie Luftschlösser und träumten und hatten eine lachende Zukunft um sich her . Aber auch wirkliche Pläne wurden laut , und sie trennten sich unter glücklichen Tränen . Fünfzehntes Kapitel Die Vernezobres Und was geplant worden war , das war Flucht . Den letzten Tag im Januar wollten sie sich an einem der Bahnhöfe treffen , in früher Morgenstunde , und dann fahren , weit , weit in die Welt hinein , nach Süden zu , über die Alpen . » Ja , über die Alpen « , hatte Melanie gesagt und aufgeatmet , und es war ihr dabei gewesen , als wär erst ein neues Leben für sie gewonnen , wenn der große Wall der Berge trennend und schützend hinter ihr läge . Und auch darüber war gesprochen worden , was zu geschehen habe , wenn van der Straaten ihr Vorhaben etwa hindern wolle . » Das wird er nicht « , hatte Melanie gesagt . - » Und warum nicht ? Er ist nicht immer der Mann der zarten Rücksichtsnahmen und liebt es mitunter , die Welt und ihr Gerede zu brüskieren . « - » Und doch wird er sich ' s ersparen , sich und uns . Und wenn du wieder fragst , warum ? Weil er mich liebt . Ich hab es ihm freilich schlecht gedankt . Ach , Ruben , Freund , was sind wir in unserem Tun und Wollen ! Undank , Untreue ... mir so verhaßt ! Und doch ... ich tät es wieder , alles , alles . Und ich will es nicht anders , als es ist . « So vergingen die Januarwochen . Und nun war es die Nacht vor dem festgesetzten Tage . Melanie hatte sich zu früher Stunde niedergelegt und ihrer alten Dienerin befohlen , sie Punkt drei zu wecken . Auf diese konnte sie sich unbedingt verlassen , trotzdem Christel ihren Dienstjahren , aber freilich auch nur diesen nach , zu jenen Erbstücken des Hauses gehörte , die sich , unter Duquedes Führung , in einer stillen Opposition gegen Melanie gefielen . Und kaum , daß es drei geschlagen , so war Christel da , fand aber ihre Herrin schon auf und konnte derselben nur noch beim Ankleiden behilflich sein . Und auch das war nicht viel , denn es zitterten ihr die Hände , und sie hatte , wie sie sich ausdrückte , » einen Flimmer vor den Augen « . Endlich aber war doch alles fertig , der feste Lederstiefel saß , und Melanie sagte : » So ist ' s gut , Christel . Und nun gib die Handtasche her , daß wir packen können . « Christel holte die Tasche , die dicht am Fenster auf einer Spiegelkonsole stand , und öffnete das Schloß . » Hier , das tu hinein . Ich hab alles aufgeschrieben . « Und Melanie riß , als sie dies sagte , ein Blatt aus ihrem Notizbuch und gab es der Alten . Diese hielt den Zettel neben das Licht und las und schüttelte den Kopf . » Ach , meine gute , liebe Frau , das ist ja gar nichts ... Ach , meine liebe , gute Frau , Sie sind ja ... « » So verwöhnt , willst du sagen . Ja , Christel , das bin ich . Aber Verwöhnung ist kein Glück . Ihr habt hier ein Sprichwort : Wenig mit Liebe . Und die Leute lachen darüber . Aber über das Wahrste wird immer gelacht . Und dann , wir gehen ja nicht aus der Welt . Wir reisen bloß . Und auf Reisen heißt es : Leicht Gepäck . Und sage selbst , Christel , ich kann doch nicht mit einem Riesenkoffer aus dem Hause gehn . Da fehlte bloß noch der Schmuck und die Kassette . « Melanie hatte , während sie so sprach , ihre Hände dicht über das halb niedergebrannte Feuer gehalten . Denn es war kalt , und sie fröstelte