ihn längst gethan . Vor vier Jahren war durch die Redaktion einer der ersten Zeitungen ein Aufruf an den Taschenspieler d ' Orlowsky und die Verwandten von dessen Ehefrau ergangen , er hatte alle namhaften Blätter durchlaufen , aber bis zur Stunde war niemand erschienen . Das konnte das junge Mädchen freilich nicht sagen . » Ich werde heute noch die nötigen Schritte thun , « fuhr der Professor fort , » und glaube , daß ein Zeitraum von zwei Monaten völlig genügt , um Aufschluß zu gewinnen ... Bis dahin stehen Sie noch unter meiner Vormundschaft und im dienstlichen Verhältnisse zu meiner Mutter . Sollte sich jedoch , wie ich fürchte , keines Ihrer Anverwandten auffinden lassen , dann - « » Dann bitte ich um meine sofortige Freiheit nach Ablauf der gestellten Frist ! « unterbrach ihn Felicitas rasch . » Nein , das klingt denn doch zu abscheulich ! « rief die Regierungsrätin entrüstet . » Sie thun ja wirklich , als hätte man Sie in diesem Hause des Friedens und der christlichen Barmherzigkeit gemartert und gekreuzigt ! ... Undank ! « » Sie meinen also , umseren ferneren Beistand entbehren zu können ? « fragte der Professor , ohne den Zorneserguß der jungen Witwe zu beachten . » Ich muß dafür danken . « » Nun gut , « sagte er nach einem Moment des Schweigens kurz , » nach Verlauf von zwei Monaten soll Ihnen freistehen , zu thun und zu lassen , was Sie wollen ! « Er wandte sich ab und schritt nach dem Fenster . » Du kannst gehen ! « gebot Frau Hellwig rauh . Felicitas verließ das Zimmer . » Also noch ein achtwöchentlicher Kampf ! « flüsterte sie , während sie durch die Hausflur schritt . » Es wird ein Kampf auf Leben und Tod werden . « 13 Drei Tage waren seit des Professors Ankunft vergangen ; sie hatten das einförmige Leben in dem alten Kaufmannshause völlig verwandelt , aber für Felicitas waren sie wider alles Erwarten ruhig verflossen . Der Professor hatte sich nicht wieder um sie bekümmert ; er schien den Verkehr mit ihr auf die erste und einzige Unterredung beschränken zu wollen . Sie atmete auf , und doch - seltsamerweise - hatte sie sich nie mehr gedemütigt und verletzt gefühlt , als jetzt ... Er war einigemal in der Hausflur an ihr vorübergegangen , ohne sie zu sehen - freilich war er da ärgerlich gewesen und hatte ein grimmiges Gesicht gemacht , was ihn durchaus nicht verschönte . Frau Hellwig ließ es sich nämlich trotz aller seiner Bitten und Vorstellungen nicht nehmen , ihn hinunter in das Wohnzimmer zu bescheiden , wenn Besuchende aus ihrem Bekanntenkreise kamen , die ihn zu sehen wünschten . Er erschien notgedrungen , aber dann stets als sehr unliebenswürdiger , schroffer Gesellschafter ... Es kamen aber auch viele andere täglich , die von Heinrich hinaufgewiesen wurden in das zweite Stockwerk - Hilfesuchende , oft sehr dürftige , armselige Gestalten , die Friederike zu jeder anderen Zeit ohne weiteres an der Schwelle zurückgewiesen haben würde ; sie schritten jetzt zum Aerger der alten Köchin und eigentlich auch gegen den Wunsch und Willen der Frau Hellwig über die schneeweiß gehaltene , förmlich gefeite Treppe des vornehmen Hauses und fanden droben ohne Unterschied Einlaß und Gehör . Der Professor hatte hauptsächlich Ruf als Augenarzt ; es waren ihm Kuren gelungen , die andere anerkannt tüchtige Fachmänner in das Bereich der Unmöglichkeiten verwiesen hatten - der Name des noch sehr jungen Mannes war dadurch plötzlich ein glänzender und gepriesener geworden . Frau Hellwig hatte Felicitas das Abstäuben und Aufräumen im Zimmer ihres Sohnes übertragen . Der kleine Raum erschien völlig verwandelt , seit er bewohnt wurde ; vorher mit ziemlichem Komfort ausgestattet , glich er jetzt weit eher einer Karthäuserzelle . Ein gleiches Schicksal wie den Guirlandenschmuck hatte die bunten Kattunvorhänge ereilt - sie waren sofort unter den Händen des Professors als lichtraubend gefallen ; ebenso hatten einige unkünstlerische , mit großer Farbenverschwendung illuminierte Schlachtenbilder an den Wänden weichen müssen ; dagegen hing plötzlich ein sehr alter , in eine dunkle Ecke des Vorsaales verbannter Kupferstich , trotz seines zerbröckelnden , schwarzen Holzrahmens , über dem Schreibtische des Bewohners . Es war ein wahres Meisterstück der Kupferstecherkunst , eine junge schöne Mutter vorstellend , die ihr Kind zärtlich in ihren pelzverbrämten Seidenmantel hüllt . Die wollene Decke auf dem Sofatische und mehrere gestickte Polster waren als » Staubhalter « entfernt worden , und auf einer Kommode standen statt der Meißner Porzellanfiguren die Bücher des Professors , dicht aneinander gedrängt und symmetrisch geordnet . Da sah man kein umgeknicktes Blatt , keine abgestoßene Ecke , und doch wurden sie ohne Zweifel viel gebraucht ; sie steckten in sehr unscheinbarem Gewande und waren je nach der Sprache , in der sie geschrieben , uniformiert - das Latein grau , Deutsch braun etc. ... » Genau so versucht er die Menschenseelen zu ordnen , « dachte Felicitas bitter , als sie zum erstenmal die Bücherreihen sah , » und wehe , wenn eine über die ihr angewiesene Farbe hinaus will ! « Den Morgenkaffee trank der Professor in Gesellschaft seiner Mutter und der Regierungsrätin ; dann aber ging er auf sein Zimmer und arbeitete bis zum Mittage . Er hatte gleich am ersten Morgen den Wein zurückgewiesen , den Frau Hellwig zu seiner Erquickung hinaufgeschickt ; dagegen mußte stets neben ihm eine Karaffe voll Wasser stehen . Es schien , als vermeide er geflissentlich , sich bedienen zu lassen - nie benutzte er die Klingel ; war ihm das Trinkwasser nicht mehr frisch genug , so stieg er selbst hinunter in den Hof und füllte die Karaffe aufs neue . Am Morgen des vierten Tages waren Briefe an den Professor eingelaufen . Heinrich war ausgegangen , und so wurde Felicitas in das zweite Stockwerk geschickt . Sie blieb zögernd vor der Thür stehen , drin wurde gesprochen ; es war eine Frauenstimme , die , wie