unter so vielen Gesichtspunkten betrachten ! Wenn das da drüben im Schulhaus so ausfiel , wie man erwartete und wünschte : wem hatte die Welt dafür zu danken ? Keinem andern als dem ehrsamen Meister Nikolaus Grünebaum ! Wenn der betäubte Nachbar oder Bekannte endlich sich aus dem Griff des Meisters losgemacht hatte , so war er wahrend der ersten Minuten durchaus nicht im reinen mit sich darüber , wer denn eigentlich examiniert werde vom Professor Fackler , ob der Oheim Grünebaum oder Hans Unwirrsch , des Oheims Neffe . - Um zwölf Uhr sollte das Examen beendet sein , und von Augenblick zu Augenblick geriet des Oheims Nervensystem in lebendigere Schwingungen . Er nahm den Hut ab und wischte sich mit dem Sacktuch die Stirn ; er stülpte ihn wieder auf , schob ihn nach hinten , schob ihn nach vorn , nach rechts und nach links . Er nahm die langen Rockschöße unter die Arme und ließ sie wieder fallen ; er schneuzte sich , daß man es drei Straßen weit hörte . Er fing an , laut mit sich selber zu sprechen , und gestikulierte dabei sehr zum hohen Ergötzen sämtlicher Gaffer und Gafferinnen in den Ladentüren und hinter den Fenstern der nächsten Umgebung . Die Marktweiber , denen er den ganzen Morgen über den Weg versperrt hatte , setzten öfters ihre Eierkörbe , Gemüsekörbe und Milchkannen nieder , um ihm wenigstens moralisch seinen Standpunkt zu verrücken , aber er war taub für ihre Anzüglichkeiten . Er hätte sich heute selbst von den Hunden verächtlich behandeln lassen . Um drei Viertel auf zwölf nahm er im nächsten Materialladen den sechsten Bittern , und es war die höchste Zeit dazu : denn er fühlte sich so schwach auf den Füßen , daß er fast dem Umsinken nahe war . Von jetzt an hielt er die Uhr , ein Familienstück , für welches ein Raritätensammler viel Geld bezahlt haben würde , krampfhaft in der zitternden Hand , und als die Glocke der Stadtkirche zwölf schlug , wäre er beinahe » fertig und kaputt « nach Haus gegangen , um sich zu Bett zu legen . Er genoß noch einen Bittern ; es war der siebente , und im Verein mit den andern wirkte er , und seine Folgen waren erkennbarer als die der vorhergegangenen . Fest lehnte jetzt der Oheim an der Hauswand ; er lächelte durch Tränen . Von Zeit zu Zeit machte er abwehrende Handbewegungen , als wolle er unberufene Gefühle in ihre Schranken zurückweisen ; es war ein Glück für ihn , daß um diese Stunde der jüngere Teil der Bevölkerung von Neustadt sich den Genüssen des Mittagstisches hingab , es wurden ihm viele Kränkungen und ironische Bemerkungen dadurch erspart . Er fing an , die Aufmerksamkeit der Polizei zu erregen , und sie gab ihm mütterlich besorgt den Rat , nicht länger zu warten , sondern nach Haus zu gehen , was zur Folge hatte , daß er sich nur noch fester an die Wand lehnte und mit mißfälligem Gegrunz , schnaufend und glucksend , die Absicht aussprach , bis zum Jüngsten Gericht an dieser Ecke auf den » Jungen « zu warten . Da er bis jetzt die öffentliche Ruhe noch nicht sehr störte , so zog sich die Polizei ein wenig zurück , behielt ihn aber scharf im Auge , bereit , in jedem Augenblick hervorzuspringen und zuzupacken . Glücklicherweise wachte mit der löblichen Sicherheitsbehörde über dem Meister Niklas auch sein Schutzengel , oder vielmehr der kam eben von einem Privatgeschäftswege zurück , um seine Wache wiederanzutreten . Mit Entsetzen erkannte er , wie die Sachen standen , und seiner Vermittlung war ' s höchstwahrscheinlich zuzuschreiben , daß drüben im Schulhause dem Professor Doktor Fackler auch ein heftiger Schreck mit dem Gedanken an die mit der Mahlzeit harrende Lesbia durch die gelehrte Seele ging . Hastig sah er nach der Uhr und fuhr von seinem Sitz empor ; die andern Herren rauschten ihm nach , secundum ordinem ; die Examinanden , denen allmählich alles vor den Augen schwamm , erhoben sich ebenfalls schwindelnd , schwitzend und erschöpft - nur noch eine kleine Viertelstunde hatte der Oheim Grünebaum durch eigene Kraft das Gleichgewicht zu bewahren ; - um drei Viertel auf eins sank er , fiel er , schlug er dem bleichen , aufgeregten Neffen in die Arme - - - Viktoria ! Gesiegt hatte Hans Unwirrsch , gesiegt hatte der Meister Grünebaum . Der eine über die Fragen der sieben examinierenden Lehrer , der andere über die sieben Bittern - Viktoria ! Professor Fackler wollte auf den Oheim zutreten , um ihm Glück zu wünschen , unterließ es aber ganz erschrocken , als er den aufgelösten Zustand des Trefflichen erkannte ; Moses Freudenstein , Primus inter pares , lachte nicht wenig über die hülflosen und kläglichen Blicke , welche Hans Unwirrsch nach allen Seiten umhersandte ; die gute Stunde jedoch hatte sein Herz weicher als gewöhnlich gemacht , er bot sich dem Freunde zur tätigen Hülfeleistung an , und zwischen den beiden Jünglingen wandelte der alte , heitere Knabe Niklas Grünebaum lächelnd und lallend , schwankend und schluchzend der Kröppelstraße zu . Was wollte es bedeuten , daß der Oheim in der niedern dunkeln Stube sogleich auf den nächsten Stuhl fiel und die Arme auf den Tisch legte und den Kopf auf die Arme ? Was kümmerten sich die Mutter Christine und die Base Schlotterbeck in dieser Stunde um den Oheim Grünebaum ? Gänzlich überließen sie ihn sich selber und den sieben ! Die beiden Frauen waren fast ebenso betäubt und verwirrt wie der Meister : durcheinander schluchzten und lächelten sie , wie jener geschluchzt und gelächelt hatte , und Hans gab ihnen an Rührung und Jubel nichts nach . Der Tag war von den beiden Knaben aus der Kröppelstraße gewonnen ; den ersten Platz unter den Examinanden hatte natürlich Moses Freudenstein eingenommen : aber den zweiten hatte Hans Unwirrsch errungen . Es hatte alles in der Stube ein ganz anderes Ansehen als