als wäre er aus einer andern Welt . Wer ist dieser Phönix ? Baron Oldenburg . Ein Schatten fiel über Melitta ' s lebensvolles Antlitz , wie wenn eine Wolke über eine sonnenhelle Landschaft jagt . Sie starrte auf ein paar Augenblicke vor sich hin , wie wenn sie den Faden des Gesprächs verloren hätte . Dann , wie aus einem Traum erwachend : Ja , was ich sagen wollte - und darum will ich , daß mein Julius studirt . Aber ich schwatze und schwatze und frage nicht einmal , ob Sie nicht hungrig und durstig und müde sind , wozu Sie doch nach Ihren Kreuz-und Querfahrten das vollkommenste Recht haben . Kommen Sie , wir wollen hineingehen und sehen , ob wir nicht Jemand auftreiben können , der uns einige Erfrischungen besorgt . Mich verlangt ebenfalls danach , denn es fällt mir ein , daß ich eigentlich nichts zu Mittag gegessen habe . Sind Sie noch gar nicht in dem Hause gewesen ? Doch , wenigstens in dem Hausflur . Ich fragte eine große Wanduhr , ob ich Frau von Berkow meine Aufwartung machen könne , aber sie antwortete : Schnick-Schnack , Schnick-Schnack ! Da ging ich wieder fort ! Melitta hatte sich erhoben und ihren Strohhut aufgesetzt , ohne sich weiter um die Bänder zu kümmern , von denen das eine über den Busen , das andere über den Rücken lief , und sagte lächelnd , während Oswald im Aufstehen das Buch ergriffen und nach dem Titel gesehen hatte : Für Sie spricht auch wohl jedes Ding seine Sprache ? So ziemlich . Dies Buch zum Beispiel sagt mir : Frau von Berkow könnte mich auch ungelesen lassen , da es so viel bessere Bücher zu lesen giebt . Ja , du lieber Himmel , wir auf dem Lande lesen , was uns die Leihbibliothekare und die Buchhändler zu schicken belieben . Aber , was haben Sie gegen diese Mystères ? Erstens ärgere ich mich , daß ich auf das Buch stoße , wo ich gehe und stehe . In Grünwald lag es auf jedem Tisch ; kaum war ich zwei Tage in Grenwitz , verfolgte es mich auch dahin , und nun muß ich es auch gar bei Ihnen finden . Ich habe es nicht bis über den zweiten Band hinaus bringen können , und Sie sind zu meinem Erstaunen schon im vierten . Wie können Sie sich für diesen Chourineur , diesen Maître d ' école , diese Chouette , und wie das Gesindel sonst noch heißt , interessiren ? Wahrlich , doch kaum so viel , wie für Bestien in der Menagerie . Denn diese sind doch wenigstens Gottes Geschöpfe , während jene nur die Ausgeburten der wüsten Phantasie eines verbrannten Dichtergehirns sind . Sie mögen recht haben , sagte Melitta , während sie jetzt von der Terrasse in den Garten hinabstiegen . Es ist vielleicht ein Unglück , daß solche Bücher geschrieben werden , und ein noch größeres Unglück , daß wir , und besonders wir Frauen , in unserer Erziehung und Bildung so verwahrlost sind , um an diesen Büchern doch eine Art von Geschmack zu finden . Uebrigens nehme ich Alles , was Sue von jenem Gesindel erzählt , auf Treu und Glauben hin , wie die Berichte eines überseeischen Reisenden von den Wundern , die er zu Wasser und zu Land erlebte , um so mehr , als er die Sphären der Gesellschaft , die ich kenne , zum Theil sehr wahr , sehr treu schildert . Ist etwa Rudolphe , Grand Duc régnant de Gerolstein , auch nach dem Leben ? Das weiß ich nicht , aber so viel weiß ich , daß Geschichten , wie die des Marquis d ' Harville und seiner Frau so oder ähnlich alle Tage im Leben vorkommen . Oswald antwortete nicht ; es fiel ihm ein , was er über das Verhältniß Melitta ' s zu ihrem Gemahl gehört hatte , wie Herr von Berkow nun schon seit sieben Jahren in unheilbarem Wahnsinn lag . Eine Ahnung der trauervollen Scenen bis zum Hereinbrechen der furchtbaren Katastrophe überkam ihn ; es that ihm weh , daß unversehens an den Vorhang eines so dunkeln Familiendrama ' s gerührt hatte . Aber zugleich erfaßte ihn eine unendliche Theilnahme für die reizende Frau , die hier in dieser grünen Wildniß die schönsten Jahre ihres Lebens einsam vertrauern sollte . Was hilft ihr Jugend , Schönheit und Reichthum ohne Liebe ! und wird sie wohl so geliebt , wie sie geliebt zu werden verdient , und sie geliebt zu werden wünscht , sie , durch deren sanfte , schmachtende Augen man in unergründliche Tiefen von Zärtlichkeit und Leidenschaft blickt ? Während Oswald so das Schicksal der schönen Frau beklagte , fühlte er , wie ein Quell schmerzlich süßer Gefühle warm aus seinem Herzen hervorbrach , und es bald bis zum Zerspringen füllte . Mit tiefen Athemzügen sog er die weiche , blumenduftgetränkte , warme Luft des üppig blühenden Gartens ein . Wollüstige Schatten erfüllten die lauschigen Boskets ; träumerisch lag der Nachmittagssonnenschein auf den grünen Rasenplätzen ; in den dichten Kronen der Bäume jubelten die Vögel , Schmetterlinge wiegten sich über den sonnentrunkenen Blumenwäldern der Beete . Langsam wandelten die schlanken Gestalten durch das grüne Revier , oft still stehend , hier einen Rosenbusch zu bewundern , der in noch üppigerem Schmucke prangte als seine Nachbarn , dort einem Eichhörnchen zuzuschauen , das sich lustig von Ast zu Ast und von Zweig zu Zweig schwang . Immer mehr überkam Oswald das Gefühl , als wandele er in einem herrlichen Traum ; als träume er nur diesen Sonnenschein , diesen Blumenduft , diesen Vogelgesang ; als träume er nur Melitta ' s süße Stimme , Melitta ' s liebestiefe Augen - und auch Melitta war es , als ob sie heute mit ganz anderen Augen sehe , mit ganz anderen Ohren höre . Der fremde Mann , den sie durch ihre Besitzung führte , war ihr so vertraut ,