wissen wir . Düster zogen sich ihr die dunkeln Augenbrauen zusammen , manche rasch gebrochene Blüte zerriß , ja zerbiß sie , manches junge , kaum ganz entrollte Blatt zerkaute sie , so bitter es schmeckte ... Immermehr gerieth sie in einen Zorn , wo die bei dunkeln Augen eigenthümlich schon vorhandene leichte Entzündlichkeit der obern Wangen sich immermehr steigerte und den heißen Lichtern noch dunklere Schatten gab . Vom Düsternbrook her störte sie jetzt Geräusch . Bald waren es Axtschläge , bald der gleichmäßig klingende Ton einer Säge . Als sie näher kam , bemerkte sie einen Arbeiter vom Schloßhof . Sie neckte sich zuweilen mit ihm . Es war ein fremder Arbeiter vom Westen her , ein gelernter Küfer , der auch für die Brauerei , Brennerei und die Milchwirthschaft des Kronsyndikus mit Fleiß und Geschick große Gefäße baute , Bottiche von gewaltigem Umfang , Tonnen in allen Größen . Rüstig arbeitete er vom Morgen bis zum Abend und zog sich seine Hülfsgesellen selbst ; er hieß Stephan Lengenich und war landeinwärts einer der eifrigsten Kirchenbesucher . Auf dem Schlosse selbst gab es eine Kapelle , doch wurde in ihr nie die Messe gelesen , obgleich der Kronsyndikus von sieben Pfarreien und dem Kloster Himmelpfort selbst Patronatsherr war . Seit Jahren stand er mit seiner Kirche auf gespanntem Fuß und duldete auch z.B. nie , daß die Franciscaner Schloß Neuhof betraten , eine Maßregel , die durch die Auslegung der Polizeigesetze über das Terminiren der Bettelorden von seinem Freunde , dem Landrath , dem » schönen Enckefuß « , nach Kräften unterstützt wurde . Ei , Herr Lengenich ! rief Lucinde mit ihrer etwas tiefliegenden , nicht starken Stimme ; schon wieder eine von den heiligen Eichen des Bonifacius umgehauen ? Wenn Ihnen nur nicht einmal so ein alter Heidengott dabei erscheint und Ihnen was anthut ! Stephan Lengenich sah auf und meinte in der That : Machen Sie keine Scherze , Mamsell Schwarz ! Aber es muß ja sein ! Die alten Fässer faulen und es geht mit dem Brennen der Kartoffeln ins Weite ... ' S ist recht , sagte Lucinde in der treuherzig derben und ruhig sichern Art , die den ihr geläufigen Volkston jetzt schon mit Bewußtsein festhalten konnte , s ' ist recht ! Man soll nicht neuen Most gießen auf alte Schläuche ! Stephan Lengenich horchte ... Lucinde zeigte , daß sie eine Schulmeisterstochter war , auch ein Jahr bei einem Pfarrer gelebt hatte , und fuhr weiterschreitend mit künstlichem Pathos fort : Niemand flicket auch ein altes Kleid mit einem Lappen von neuem Tuche , denn der Lappen reißet doch wieder vom Kleide und der Riß wird ärger . Adjes , Stephan ! Betet ihr einmal ein Ave Maria für eine andere arme Seele als die der Lisabeth , so schließt auch unsereins ein ! Damit ging sie , ohne die Antwort des Arbeiters abzuwarten , den sie an ein allbekanntes Verhältniß mit der ersten Beschließerin des Hofes erinnert hatte . Lucinde schlug den kürzern Weg jetzt wieder zur Anhöhe ein . Es war ein steilerer , aber von Steinen unterstützter Pfad , der zur obern Anhöhe der Schlucht führte . Sie war auf der Hälfte dieses etwas mühseligen Weges , als sie hinter sich laut reden hörte . Sie wandte sich und sah , daß Stephan Lengenich mit einem nach ihr Gekommenen in einem lebhaften Gespräch begriffen war . Widerhallte so schon in dieser Stille an den Bergwänden jedes gesprochene Wort , wie viel mehr noch ein Zank , der allmählich heftiger geführt wurde . Eine schlanke Gestalt in schwarzem Sammetkittel , weiten Sommerbeinkleidern und einem grauen , mit einem Zweig geschmückten Hut konnte von ihr nicht im Gesicht betrachtet werden , da der Sprecher rückwärts stand . Aber der Stimme nach war es ein junger Mann , nicht , wie sie im ersten Schreck über den Lärm vermuthet hatte , der Deichgraf selbst , der als Theilungscommissar , wie sie wußte , über den Düsternbrook und die dortige Baumfällberechtigung mit dem Kronsyndikus in Streit war . Hat es der Freiherr befohlen ? Ausdrücklich befohlen ? fragte der Hinzugekommene mit heftiger Entrüstung . Guten Morgen ! war Stephan Lengenich ' s Antwort , während er weiter sägte . Gestern noch stand die Eiche ! Das muß erst die Nacht geschehen sein ! Sie haben keinen Auftrag dazu gehabt ! Guten Morgen ! sagte der Küfer und sägte weiter . Will man uns mit Gewalt aufs Aeußerste bringen ? Antwort ! Red ' Er ! Herr ! richtete sich jetzt der Arbeiter zornfunkelnd auf und deutete auf den rothen Strich einer Mütze , die er trug , womit er andeuten wollte , daß man einen noch in der Landwehr befindlichen Soldaten nicht mit Er anredete . Sich aber beruhigend , fügte er dann weiter arbeitend spöttisch hinzu : Guten Morgen ! Vom Düsternbrook gehört nicht eine Eichel der Herrschaft ! Es ist Gemeindewald und seine Privatnutzung ein Misbrauch , der nicht fortbestehen kann ! Nicht eine Eichel ? Suchen Sie hier Eicheln ? Stephan Lengenich sprach diese Anzüglichkeit auf Thiere , die man mit Eicheln füttert , ganz im boshaften Geiste seiner Herrschaft . Im ersten Augenblick trat der junge Mann einige Schritte vor und rief : Kerl ! Dann besann er sich wol auf den ungleichen Kampf und sagte sich langsam entfernend : Nehmt euch vor meinem Vater in Acht ! Er legt nächstens den Grenzstein und dann werden ihn die Gensdarmen zu bewachen wissen ! Damit schritt er , verfolgt von einem Hohnlachen des Arbeiters , langsam weiter . Bei der Gewißheit , endlich des mehrfach besprochenen frühern Freundes und Studiengenossen des Kammerherrn , der durch eine Abhandlung über das sogenannte Bienenrecht Doctor der Rechte geworden war , ansichtig zu werden , wandte sich Lucinde , ihn doch nun auch deutlicher zu sehen . Dabei glitt einer der Steine aus , die sonst das Aufsteigen erleichterten . Der Fall weckte die Aufmerksamkeit des Doctors , wie er gewöhnlich im