machte seine Auseinandersetzungen aber mit soviel Präzision und mit so unendlicher Bonhomie , daß der geplagte Mann Gottes endlich langsam das Haupt erhob und nach einigem Stottern und Erröten mit einer wahrhaft naiven Unerschrockenheit die Frage wagte : » Aber , lieber Herr Doktor , wie würde man diese Mordgeschichte einzurichten haben ? « Hier konnte sich der Doktor nicht länger halten . Er lachte laut auf - » Teuerster Professor - - « » Allerdings , Herr Doktor ! Sagen Sie mir aufrichtig , wie ich mich dabei benehmen soll ! « » Aktiv sollen Sie sich dabei benehmen ! « » Aber bedenken Sie doch , daß ich durchaus Neuling in der Sünde bin ! « » Tant mieux , Herr Professor . « » Tant pis , Herr Doktor ! « Das Dilemma wollte kein Ende nehmen . Der Doktor sah ein , daß er seinem Patienten zu Hilfe kommen mußte . » Wenn Sie den alten Jesuiten Escobar gründlich studiert hätten , Herr Professor , so würden alle weiteren Explikationen unnötig sein . Aber ich merke , daß Sie von der verstocktesten Unschuld sind . Sie sind ein wahrer Sankt Aloisius - doch trösten Sie sich ! Morgen abend zwischen 7 und 8 Uhr wird jemand vernehmlich an Ihrer Haustür schellen . Sie werden Ihre Hausbewohner , Ihren Knecht und Ihre Mägde hinausgeschickt haben , und Sie werden gütigst selbst die Türe öffnen . Sie werden die Türe behutsam öffnen , ohne allen Eklat , damit niemand der Vorübergehenden etwas bemerkt , und Sie werden die liebenswürdige Person , die Ihnen eine der interessantesten Visiten abstatten wird , ebenso artig als zuvorkommend empfangen und sie ohne Umstände sofort in Ihr Studierzimmer führen . Sie werden dort die Fenster verhängt und das Sofa von Bibeln und Kirchenvätern gereinigt haben . Sie werden ein gehöriges Feuer im Ofen unterhalten und für die geeignete Beleuchtung sorgen . Sie werden sich leicht und komfortabel gekleidet haben , Sie werden ebenso höflich als zutraulich und hingebend sein , kurz , Sie werden sich ganz den Freuden Ihres Besuches hingeben - - nun Adieu , Herr Professor ! Für den Rest werde ich sorgen . Adieu ! Bedenken Sie , daß Ihr Leben auf dem Spiele steht - - « Da war der Doktor verschwunden . Von der Angst , die der Professor nach dem Fortgehen des Doktors ausstand , kann sich nur der eine richtige Idee machen , der überhaupt die Qualen eines Gerechten zu würdigen versteht . Der gelehrte Herr war außer sich . Zwanzigmal in Zeit von zehn Minuten erlosch ihm die Pfeife . Vierzigmal rieb er die Stirn , und achtzigmal sah er mit frommen Augen andächtig gen Himmel , innerlich flehend , daß dieser Kelch der Freude an ihm vorübergehe . Vor allen Dingen suchte er nach irgendeiner Entschuldigung für seine bevorstehende Sünde , denn das Wagnis seines Lebens schien ihm ein keineswegs ausreichender Grund zu sein . Er schlug den Irenaeus nach , den Augustinus , den Eusebius , den Lactantius , den Chrysostomus und einige Dreißig andere Schweinslederbände , um nachzuforschen , ob denn nicht irgendein Kirchenvater weiland in demselben Falle gewesen sei und ob nicht einer von ihnen auch nur ein Wörtlein über diesen kitzlichen Punkt habe fallen lassen - aber vergebens ! Der Professor überzeugte sich davon , daß nie ein Heiliger der Art vom Teufel versucht worden sei , und an allem verzweifelnd , warf er sich schließlich auf das Lager seiner Leiden , um schlimmer zu träumen als je vorher . Der kommende Tag brachte nur neue und immer wildere Seelenstürme für den gelehrten Herrn , denn mit jedem Augenblicke rückte ja die Stunde näher , wo die Schelle von unbekannter Hand gerührt und wo der Herr Professor den Beweis ablegen sollte , daß er als Mann und Meisterstück aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen sei . Wir brauchen nicht zu versichern , daß der Herr Professor die Vorschriften des Doktors genau befolgte . Schon um 2 Uhr nachmittags war das Haus des Gelehrten wie ausgestorben . Die Schwester des Unglücklichen , die Mägde , der Knecht : alle waren vertrieben . Die Seufzer , welche sich der Studierstube entrangen , zeigten , daß nur ein einziges Wesen in dem verödeten Räume zurückgeblieben sei . Es schlug 4 Uhr : der Herr Professor zitterte . Es schlug 5 : der Herr Professor trocknete den Schweiß von Stirn und Wangen . Es schlug 6 : der Herr Professor schnappte nach Luft . Es schlug 7 : da tönte die Schelle der Haustür , und der Gelehrte stürzte hinab . - - Lassen wir ihn stürzen . Meine Leser werden mir verzeihen , daß ich sie so lange mit dem alten Professor ennuyiere . - Die Sage geht , daß der unglückliche Mann statt einer reizenden Bajadere die bejahrte Freundin seiner Schwester umarmte - der Herr Professor war mit Blindheit geschlagen ; er versicherte , daß sein Leben auf dem Spiel stehe ; er hielt den Besuch , welcher der Schwester galt , für den Besuch , den er erwartete , und die herzzerreißendste Szene entwickelte sich zwischen Kirchenvater und Matrone , eine Szene , der Feder eines Swift , eines Sterne , eines Smollet würdig - wert , von einem andern Hogarth gezeichnet zu werden , zur Lust aller kommenden Geschlechter . Herr von Schnapphahnski verlebte vor seiner ersten Unterredung mit der Herzogin von S. einen ähnlichen Tag wie der Berliner Professor . Der Kirchenvater umarmte statt einer Grazie : eine Matrone . Sehen wir , wie es dem edlen Ritter mit der Herzogin erging . XIV Der Graf Ich führe meine Leser in das geräumige Gemach eines alten schlesischen Schlosses . Es ist Abend geworden . Der letzte Strahl des Tages bricht durch die schweren seidenen Vorhänge und treibt sein Spiel mit den Flammen des Kamins , der immer lustigere Streiflichter auf den grünen Teppich wirft , auf die kolossalen Spiegel der » Wände und auf eine Reihe vornehm adliger Köpfe