« sagte er , faßte meine beiden Hände und sah mir mit rührender Innigkeit in die Augen , während sich ein feuchter Glanz über die seinen legte . Sie wurden mir zum Spiegel meiner Vergangenheit : meine ganze untergegangene Jugend mit dem Kreise ihrer Freunde und Freuden tauchte daraus empor . Ich hatte ihn nicht gesehen seit jenem Augenblick wo ich mit Paul vom Traualtar zum Reisewagen ging . Erschüttert durch diese Erinnerungen stürzten mir heiße Thränen aus den Augen und ich rief : » O Meister ! welch ein Leben dessen Epochen durch nichts zu bezeichnen sind - als durch Leichensteine ! « Er schüttelte sanft den Kopf und wies auf Benvenuta , die sorglos mit ihren Puppen spielte . » Sie ist eine Blume zwischen den Gräbern ! « erwiderte ich auf diese Pantomime . » Es giebt auch Gräber ohne Blumen , « sprach er , fuhr mit seiner langen , feinen , magern Hand über die Stirn und warf den Kopf zurück , als wolle er ihn von etwas Drückendem befreien . Ich folgte seinen Bewegungen mit jener Aufmerksamkeit , die wir so gern lieben Erinnerungen zuwenden , und rief nur : » O Gott ! grade so pflegten Sie die Ungeduld abzuschütteln , welche Sie bisweilen während des Unterrichts zu übermannen drohte , wenn ich allzu unaufmerksam war . « » Und das wissen Sie noch Alles ? fragte er innig . Sogar meinen Namen wissen Sie noch ? « » Franziscus Fidelis Sedlaczech ! rief ich ; während der Lection : Herr Sedlaczech , weil das der Schülerin imposanter vorkommen mußte ; außer derselben : Meister Fidelis ; - - wie Paul zuerst Sie nannte als er Sie einmal die Orgel spielen hörte in Engelau - Psalme des Marcellus , sie klingen noch in mir ! « - » Meister bin ich freilich noch immer nicht , entgegnete er gerührt ; aber Fidelis - bin ich wol . « Obzwar ich ihn in all seinen Zügen und Bewegungen , in Haltung und Sprache , in allem was den Menschen charakterisirt wieder erkannte : so kam er mir dennoch gänzlichst verändert vor . Theils hatte er sich entwickelt und sich dadurch individueller gebildet ; hauptsächlich aber betrachtete ich ihn nicht mehr mit dem befangenen Auge einer Schülerin . Während er sich zu mir setzte , von seinen Reisen und Studien mir erzählte , von seinem Vorsatz nach Italien zu gehen und sich dort niederzulassen , betrachtete ich ihn mit dem gespanntesten Interesse . Er kam mir vor wie ein sehr merkwürdiger , sehr begabter und sehr interessanter Mensch . Seine von Natur feinen Züge waren bis zur Schärfe ausgearbeitet - sei es von innern oder äußerlichen Anstrengungen ! - und mit so wenig Fleisch und Farbe bekleidet , daß man sein Gesicht ein Marmorantlitz hätte nennen dürfen , wäre mit dieser Bezeichnung nicht leicht die Vorstellung von stolzer Regelmäßigkeit oder von einer an Härte streifenden Entschiedenheit verknüpft - während die tiefen Augenhölen , die ausgearbeitete Stirn , und ein unsäglich zarter fast schüchterner Zug um den Mund keine Spur von stolzer Kraft zeigten . Blut war nicht in dem Gesicht , denn es wurde durch das Herz und das Gehirn verarbeitet . In der Tiefe , nach Außen abgeschlossen , ging das eigentliche Leben dieses Menschen vor : das ahnte man wenn man die mächtige Stirn mit dem wehmüthigen Munde verglich ; sie verkündeten zwei Gewalten , die sich vielleicht feindlich gegenüber gestanden hatten und die noch immer nach Versöhnung rangen : Genie und Gemüth . Als Vermittler lagen zwischen ihnen seine genialischen Augen , » couleur d ' eau chaude « - was wir farblos nennen würden - still , gleichsam horchend , unter breiten , schweren Augenlidern , welche bis fast zur Mitte des Sterns herabgedrückt waren und eine Art von Vorhang über dem Blick bildeten , damit derselbe sich nicht zu sehr an die Außenwelt verlieren möge . Er war klein und nervig , aber so mager daß er unansehnlich und daß besonders sein Kopf zu groß für seine Gestalt erschien . Oberflächlichen Leuten konnte er unbedeutend vorkommen ; aber wer auch nur eine Ahnung von dem Zusammenhang zwischen Wesen und Erscheinung hatte , mußte durch ihn frappirt werden . Ich ward es im allerhöchsten Grade . Sein Blick fascinirte mich , obgleich er mich gar nicht ansah ; ich strengte mich an um die Gegenstände zu gewahren , die er zu schauen schien . Vor lauter Betrachtung kam ich gar nicht recht zur Aufmerksamkeit auf seine Worte . » Also eine feste Anstellung haben Sie nicht gefunden ? « fragte ich ganz zerstreut in einer Pause . » Eine solche wie ich sie wünsche und wie ich glaube sie ausfüllen zu können , findet sich nicht leicht , weil sie immer von Tüchtigen gesucht , und vermuthlich durch den Tüchtigsten besetzt wird . Meister bei einer Kirchenkapelle , wie Mozart bei St. Stephan zu Wien - das mögt ' ich werden ! allein ich bin noch Schüler und kein Meister , und muß noch arbeiten und studiren um so weit zu kommen . Andre Anstellungen , als Kammermusikus etwa , reizen mich nicht . Man liebt heutzutag so wenig die Kammermusik und so sehr die Oper mit ihrer stupiden Augenlust , daß ich gewärtig sein müßte mein Leben in Rossinis und Aubers Opern zu verklimpern . Da bleibe ich lieber unabhängig , verdiene mein Brod durch Unterricht geben , und widme mich der Composition . « » Durch Unterricht geben ? « fragte ich höchst erstaunt , weil ich glaubte ihn durch sein Jahrgeld von dieser Pein befreit zu haben . » Ihre Güte kommt mir dennoch zu gut , « antwortete er mehr auf meine Gedanken als auf meine Worte . » Und gewiß auf eine weit edlere Weise ! rief ich . O das bezweifle ich nicht ! Da ich jedoch aus früherer Zeit weiß welche eine Marter Ihnen die Lectionen waren « .... - - » Nein ,