daß es einst so war , sagte Alfred , und daß noch mancher Dichter es so empfindet . Ich , der ich von Grund der Seele Partei nehme für unsere Zeit , ich vermag es nicht . Wenn ich von den entschwundenen Herrlichkeiten des deutschen Kaiserreichs , von dem Glanz der Vorzeit oder von ihrer Noth erzählte , immer würde an mein Ohr der Ruf des lebenden Volkes tönen , dem noch so Vielerlei zu wünschen bleibt . Ich würde es für eine Sünde halten , zur bloßen Belustigung Märchen zu schreiben , während noch wichtige Arbeit im Vaterlande zu thun ist . Mit dem Roman läßt sich aber die Welt trotz alle dem nicht reformiren , meinte Theophil . Aber Denen , die sich nicht mit den Ereignissen des Tages beschäftigen , denen die Bestrebungen der Zeit fremd bleiben würden , wenn man ihnen in wissenschaftlicher Form davon spräche , den Menschen kann der Roman sagen , was ihnen zu wissen Noth thut , und das soll er thun . Nicht nur großer Granitblöcke bedarf man , den Bau der Zukunft zu gründen , auch die leichtere Arbeit des Bildhauers gehört dazu und fördert , wenn sie an rechter Stelle und zu rechter Zeit gethan wird . Wohin wird man sich nur vor dem Lärm der Arbeitenden flüchten ? Wie wird man sich einen Augenblick Ruhe schaffen können ? fragte Theophil . Man wird , wie ich schon vorhin sagte , wenn man nervenschwach ist , sich selbstsüchtig in die Vergangenheit versenken und unter Illusionen von der glücklichen Gegenwart müßig auf eine herrliche Zukunft hoffen , die nie kommen wird , wenn wir sie uns nicht schaffen . Theophil erbleichte und eine heftige Entgegnung schwebte auf seinen Lippen , das sah Therese . Auch Reichenbach war in einer ihr unerklärlichen Aufregung , und sie fühlte , daß es Zeit sei , vermittelnd zwischen die Streitenden zu treten . Nun ! rief sie , Sie , meine Freunde , stehen mindestens nicht außerhalb der Zeit und der Partei , das beweist die Lebhaftigkeit Ihres Streites , die es mir bisher unmöglich machte , eine Frage einzuschalten . Ich möchte wissen , Herr von Reichenbach , ob Sie Ihre eigenen Erlebnisse zum Stoff für Ihre Arbeiten benutzen ? Es bedurfte nur der Erinnerung Theresen ' s , um beide Männer empfinden zu lassen , daß sie zu weit gegangen waren . Sie nahmen sich zusammen , verbargen den Unmuth , der in ihnen herrschte , und Alfred sagte : Darauf kann ich Ihnen ja und nein antworten . Ich gebe die Erfahrungen , die mich das Leben machen lassen , in der Form , welche mir die geeignetste dafür scheint . Die Erlebnisse selbst in nackter Wahrheit darzustellen , würde ich , falls es nicht eben eine biographische Arbeit gilt , für eine Indiscretion gegen mich selbst und gegen Andere halten , die mit mir auf dem Lebenswege zusammentrafen . Aber die Charaktere entnehmen Sie dem Leben ? Es scheint mir wenigstens , als ob ich die Originale zu manchen der Gestalten in Ihren Arbeiten erkennen könnte . Da ich mich bis jetzt nur mit den Ereignissen unserer Zeit beschäftigte , da jede Zeit sich ihre eigenen Charaktere schafft , so müssen Sie nothwendig in meinen Arbeiten auf Erscheinungen stoßen , die Ihnen nicht fremd sind , ohne deshalb Portraits zu sein . Die äußeren Verhältnisse bilden den Menschen , wie er andrerseits die Verhältnisse gestaltet . Sobald ich also neue Verhältnisse erfinde , muß ich auch die Gestalten der Gegenwart , die mir vorschweben , jenen erfundenen Verhältnissen so eng anzupassen suchen , daß sie sich gegenseitig bedingen . Gelingt mir das , so gewinnt die Dichtung Wahrheit , den Schein des Lebens , und dieser ist es , der dann zu dem Glauben verleitet , man schreibe das Leben ab , man gebe sich selbst und die nächste Umgebung wieder . Freilich kann ich die Welt nur mit meinen Augen betrachten und daraus entsteht die Subjectivität jeder Dichtung ; aber ich kann , wenn ich gesunde Augen habe , in die Weite blicken , ich brauche nicht beständig meinen Nachbar oder mich selbst im Spiegel anzusehen . Es entstand eine Pause , wie sie nie ausbleibt , wenn sich eine Misstimmung in einen kleinen Kreis eingeschlichen hat . Theophil benutzte sie , sich mit dem Bemerken , daß er heftiges Kopfweh habe , zu entfernen , aber auch nach seinem Fortgehen dauerte ein gewisser Zwang fort . Therese besiegte ihn zuerst . Mich beunruhigt Theophil ' s Zustand ! sagte sie . Er kann seit einigen Tagen wieder nicht die geringste Aufregung ertragen , ohne von seinen Nervenleiden geplagt zu werden . An Arbeiten ist gar nicht zu denken , er ist häufig niedergeschlagen und ich bin sehr erfreut , daß er sich gewöhnt , diese übeln Tage bei mir , statt einsam in seinem Zimmer zuzubringen . Ihr Mitleid wird ihn noch mehr verweichlichen , als er es schon ist , wendete Alfred ein . Er ist nur zu träge , sich in ernster und anhaltender Thätigkeit Kraft zu suchen . Man hat ihm das Leben immer leicht gemacht , das Glück hat ihn begünstigt , so daß er lange nur zu genießen und mit dem Dasein zu spielen brauchte . Das Tändeln ist ihm darüber zu einer andern Natur geworden , und als dann endlich ein Leid über ihn kam , spielte er kindisch mit dem Schmerz . Ich hasse das an Männern , wenn schon Sie diese Schwäche interessant zu finden scheinen , schloß er , mit einer Bitterkeit , die ihm sonst nicht eigen war . Therese sah ihn lange ruhig an , als wolle sie in seinen Zügen lesen ; dann sagte sie : Was fehlt Ihnen , mein Freund ! denn so hart urtheilen Sie nicht , wenn Ihre Seele ruhig ist . Können und wollen Sie mir nicht sagen , was Ihnen geschehen ist ? Die Worte sagten nichts mehr , als