, und Geiersperg ist ein tapfrer Ritter , den das Mittelalter aus Versehen zurückgelassen hat , als es über die Erde schritt . Du aber , armes Kind ! in unserm Hause , mitten unter allem erwachsen , was Deutschland an Geist , Anmuth , Verstand und Witz zusammenbringen konnte , du sollst nun unsern guten , prächtigen Roderich beständig leiten und schieben , und zwar so fein , daß er ' s selber nicht merkt ! Du sollst dem in seiner Art ehrenwerthen , sehr aristokratischen Edelmanne eine elegante , ebenso aristokratische Gefährtin sein , pas plus ! denn das Uebrige ist vom Uebel - du mit deinem Kothurnen-Charakter , du , die für ein geliebtes Herz zu sterben vermöchte ! Leontine , ich hoffe , ich kann auch für dasselbe leben . Wahrhaftig ja , das kannst du ! Du bist eine gute Frau , eine vortreffliche Mutter , du bist ein Stern der Gesellschaft , der oft ihre Existenz bedingt und beherrscht . Anna , weißt du , wenn du im weißen Atlaskleide durch unsre Hofsäle rauschest , so kann ich , weiß Gott ! nie recht begreifen , daß man nicht » Ihre Majestät « zu dir sagt , und vergesse immer wieder , daß mein guter , dummer Onkel Gesandter geworden ist , um dich an den Hof zu bringen . Ja , sagte Anna lachend , warum hat er auch eine Roturière geheirathet ! Siehst du , rief aufjauchzend Leontine , so himmlisch gut und gescheit hätte mir unter tausend Bürgerlichen nicht eine geantwortet ! Das ist ' s ja eben , mein Kronjuwel , daß du ein geborner Prinz Regent , innerlich deiner eignen höchsten Vornehmheit dir bewußt bist . Darum ist man auch immer à son aise mit dir und kann dir alles sagen . Ach , ich wollte nur , ich hätte die Courage , dir auch etwas recht Schlechtes , recht Fatales von mir selbst zu sagen ! Sie barg das Gesicht in den Händen . Von dir ? Bist du ein Falschmünzer geworden und hast uns betrogen ? A-peu-près ! gelogen habe ich wirklich , ' pon honnour ! sagt Lady Frederic , und das Schlimmste , schloß sie , aus ihrer Sophaecke aufspringend und in einem höchst aufgeregten Zustande zu Annen hinlaufend , das ganz Erschreckliche ist : ich lüge noch ! Was wird da herauskommen , dachte Anna , die irgend eine Narrensposse erwartete . Aber Leontine warf ihr beide Arme um den Hals , küßte sie wiederholt und heftig , und zwei helle Thränen fielen auf Anna ' s Wange , die sie nicht selbst geweint . Thränen ? Leontine , du ? Mein Gott , was ist denn geschehen ? Morgen ! Morgen ! flüsterte die Schluchzende und eilte in ihr Cabinet , das sie hinter sich abschloß . Aber der nächste Tag brachte nicht die gewünschte Erklärung ; es kam nicht dazu . War es Absicht , war es Zufall ? Anna konnte sich keine Rechenschaft darüber geben . Leontine schien heiterer als je , phantasirte den ganzen Tag von Bergfahrten , vom Gletschermeer , vom Grindelwald , und wollte , trotz dem Spätherbst , noch überall hin , besonders lag ihr ein Ausflug nach Luzern zum Markt in Gedanken ; sie hatte den Kopf voller Aeußerlichkeiten und Muthwillen . Annen war dieser plötzliche Wechsel der Stimmung ihrer Freundin nicht fremd ; sie kannte an dem wunderlichen Mädchen einen sie seltsam und stoßweise überfallenden Hang zu philosophischem Grübeln , der zuweilen in fast skeptischen Unglauben ausartete . Leontine verdankte diese Richtung dem frühen , bei wiederholtem Aufenthalt in Schlesien sich stets erneuenden Umgang mit einer sehr bigotten katholischen Familie , deren Hauskaplan ihrem kindischen Witze zum Stichblatt dienen mußte . Der Eifer des alten Domine , sein Mangel an Kenntnissen , die groben Widersprüche , zu welchen seine beschränkten Religionsansichten ihn hinrissen , alle diese sich in katholischen Ländern oft ganz gefahrlos wiederholenden Zufälligkeiten , die den wirklich Frommen kaum berühren , reizten die junge Protestantin erst zum Widerspruch , dann zur Analyse , endlich zu gänzlichem Misverstehen des nur mit einfachem Sinne auf wohlthuende Art zu Erfassenden . In Berlin gewährte Geierspergs Bibliothek , die sie heimlich durchstöberte , dem noch an der Grenze der Kindheit stehenden Mädchen Gelegenheit zu einer Art Controverse mit ihrer jungen Freundin , die auf Annen einen vorübergehenden , auf Leontinen einen dauernden Eindruck machte , der mit den Jahren tiefer ward , als ihr glänzender Scharfsinn sich entwickelte . Sie schrieb Annen lange , höchst geistreiche Briefe über solche Gegenstände , die diese sanft und völlig ruhig erwiderte . Bei späterem Wiedersehen begann Anna durch den momentanen Unfrieden , in den sie die geliebte Zweiflerin verfallen sah , insgeheim zu leiden ; ein längeres Beisammenleben hatte jedoch diesen ersten Eindruck längst gemildert . Wie oft hatte sie Leontinen tiefsinnig spottende , an Voltaire ' s Geist erinnernde Bemerkungen aussprechen gehört , wie oft aber auch in weicheren Augenblicken die heißen Reuethränen gesehen , die das liebenswürdige Wesen über die Unmöglichkeit vergoß , sich einen überzeugenden Glauben an die tröstlichen Verheißungen unserer Kirche anzueignen . Stunden lang konnte sie die Möglichkeit einer individuellen Fortdauer bestreiten und andere Male am Krankenlager alter Diener und Nothleidender denselben durchdringenden Geist zur Erweckung des innigsten , reinsten Gottvertrauens anwenden . Daß dieser stete Wechsel eines unaufhörlich in sich bewegten Gemüths dem starken festen Sinn der jungen Frau widerstand , ist begreiflich , aber die Verschiedenheit ihrer Naturen wirkte nicht störend auf die Zärtlichkeit der so lange und eng Verbundenen . Allmälig war Annen die Ueberzeugung geworden , daß dieser flutenreiche , ewig auf- und niederwogende Charakter Gefühlstiefen in sich berge , die dem Senkblei willkürlichen Eindringens stets unerreichbar bleiben müßten . Sie hatte sich darein ergeben , wie man eben an das Ungewöhnlichste sich gewöhnt , wenn ein seltenes Geschick uns dasselbe aufdringt und das , was die Welt als Phänomen anstaunt , in die Bahn unserer Alltäglichkeit wirft . Natürlich machten