manches gern erraten , oder ich hab ' s erraten ; denn ich bin gar scharfsinnig . Der Mensch drückt wirklich sein Sein aus , wenn man ' s nur recht zusammennimmt und nicht zerstreut ist und nichts von der eignen Einbildung dazutut , aber man ist immer blind , wenn man dem andern gefallen will und will was vor ihm scheinen , das hab ich an mir gemerkt . Wenn man jemand lieb hat , da sollt man sich lieber recht fassen , um ihn zu verstehen und ganz sich selbst vergessen und ihn nur ansehen , ich glaub , man kann den ganz verborgnen Menschen aus seinem äußern Wesen heraus erkennen . Das hab ich so plötzlich erkannt , wie ich Menschen sah , die ich nicht verstand , was sie mir sollten , und nun sind mir die meisten , daß ich sie nicht lang überlegen mag , weil ich nichts merk , was mir gefällt oder mit mir stimmt , aber mit Dir hab ich wie eine Musik empfunden , so daheim war ich gleich ; ich war wie ein Kind , das noch ungeboren aus seinem Heimatland entfremdet , in einem fremden Land geboren war und nun auf einmal von weit her übers Meer wieder herübergetragen von einem fremden Vogel , wo alles neu ist , aber viel näher verwandt und heimlicher , und so ist mir ' s immer seitdem gewesen , wenn ich in Dein Stübchen eintrat : und so war ' s auch auf den alten Burgtrümmern gestern ; so lachend wie die Wiesen waren und die lustigen Mädchen , die sangen , und der Abendschein und die Schiffe und die Schmetterlinge , alles war mir nichts , ich sehnt mich nach Dir , nur nach Deinem Stübchen , ich sehnt mich nach dem Winter , daß doch drauß Schnee sein möcht und recht früh dunkel und drin brennt Feuer ; der Sonnenschein und ' s Blühen und Jauchzen zerreißt mir ' s Herz . - Ich war recht froh , wie die Tonie mit dem Wagen vorfuhr , wie ich unten hinkam , waren dem Bettelmann seine zwei hübschen Kinder bloß im Hemdchen und kugelten mit Lachen übereinander und hatten sich so umfaßt ; ich sagt , wie heißt ihr denn ? - Röschen und Bienchen . - Das Röschen ist blond mit roten Wängelchen , und das Bienchen ist braun mit schwarzen stechenden Augen . Das Bienchen und Röschen hatten sich so recht ineinander gewühlt . - Um Mitternacht heimgekehrt - höchst angenehmer Schlaf beim Rauschen von Springbrunnen . Am Montag Ich hab Deinen letzten Brief noch oft gelesen , er kommt mir ganz besonders vor , wenn ich ihn mit andern vergleiche , die ich auch hier in derselben Zeit erhalten hab , so muß ich denken , daß es Schicksale gibt im Geist , die so entfernt sind voneinander und so verschieden , wie im gewöhnlichen Tagesleben , der eine wird sich ' s nicht einbilden vom andern , was der denkt und träumt , und was er fühlt beim Träumen und Denken . - - Dein ganz Sein mit andern ist träumerisch , ich weiß auch , warum ; wach könntest Du nicht unter ihnen sein und dabei so nachgebend , nein , sie hätten Dich gewiß verschüchtert , wenn Du ganz wach wärst , dann würden Dich die gräßlichen Gesichter , die sie schneiden , in die Flucht jagen . - Ich hab einmal im Traum das selbst gesehen , ich war erst zwei Jahr alt , aber der Traum fällt mir noch oft plötzlich ein , daß ich denke , die Menschen sind lauter schreckliche Larven , von denen ich umgeben bin , und die wollen mir die Sinne nehmen , und wie ich auch damals im Traum die Augen zumachte , um ' s nicht zu sehen und vor Angst zu vergehen , so machst Du auch im Leben aus Großmut die Augen zu , magst nicht sehen , wie ' s bestellt ist um die Menschen , Du willst keinen Abscheu in Dir aufkommen lassen gegen sie , die nicht Deine Brüder sind ; denn Absurdes ist nicht Schwester und nicht Bruder ; aber Du willst doch ihr Geschwister sein , und so stehst Du unter ihnen mit träumendem Haupt und lächelst im Schlaf , denn Du träumst Dir alles bloß als dahinschweifenden grotesken Maskentanz . - Das lese ich heute wieder in Deinem Brief , denn es ist jetzt so still hier , und da kann man denken - Du bist zu gut , für mich auch , weil Du unter allen Menschen gegen mich bist , als wärst Du mehr wach ; als machtest Du die Augen auf und trautest wirklich mich anzusehen , o , ich hab auch schon oft dran gedacht , wie ich Deinen Blick nie verscheuchen wollte , daß Du nicht auch am Ende nachsichtig die Augen zumachst und mich nur anblinzelst , damit Du alles Böse und Schlechte in mir nicht gewahr werdest . Du sagst : » Wir wollen unbedeutend zusammen sein ! « - Weißt Du , wie ich mir das ausleg ? - Wie das , was Du dem Clemens letzt in einem Brief schriebst : » Immer neu und lebendig ist die Sehnsucht in mir , mein Leben in einer bleibenden Form auszusprechen , in einer Gestalt , die würdig sei , zu den Vortrefflichsten hinzuzutreten , sie zu grüßen und Gemeinschaft mit ihnen zu haben . Ja , nach dieser Gemeinschaft hat mir stets gelüstet , dies ist die Kirche , nach der mein Geist stets wallfahrtet auf Erden . « - Du sagst aber jetzt , wir wollen unbedeutend zusammen sein , - weil Du lieber unberührt sein willst , weil Du keine Gemeinschaft findest ; - und Du glaubst wohl jetzt noch , daß irgendwo eine Höhe wär , wo die Luft so rein weht und ein ersehnt Gewitter auf die Seele niederregnet , wovon man freier und stärker