die die Welt bedeuten . « Julie Reinert , die dritte Person in diesem fröhlichen Haushalte , war ein gutes unerfahrnes Kind , achtzehn Jahre alt , mit so viel Geist , Mutterwitz und Verstand von der Natur begabt , als solch ein Wesen eben nöthig hat , um mit sich selbst und überhaupt mit dem Leben recht leidlich fertig zu werden . Sie war von ihrer frühesten Kindheit an in Königsberg , im Hause eines ziemlich wohlhabenden Kaufmannes aufgewachsen , der für ihren Vormund galt . Zur Ausbildung einer , etwas spät entdeckten , sehr schönen Stimme von ungewöhnlichem Umfange , wurde sie von diesem nach Petersburg , zu seinem Bruder Heinrich Lange geschickt , wo ihr vom ersten Augenblicke an die herzlichste Aufnahme ward . Um das Miteinanderleben sich gegenseitig zu erleichtern , wurde sie sogleich für Langes Nichte erklärt , und fühlte nach weniger als vierundzwanzig Stunden sich so einheimisch bei diesen freundlichen Leuten , als hätte sie nie in andern Verhältnissen gelebt . Was nun Juliens Gestalt betrifft , so sei hiemit jeder junge Leser dieser Blätter freundlichst gebeten , ihr einstweilen die der Dame seines Herzens zu leihen ; und jede junge Leserin , sich nach dem Portrait der hübschen Julie Reinert in ihrem Spiegel umzusehen . Ächte , traulich entgegenkommende Gastfreiheit wohnt nicht im reichen üppigen Süden , wo die entnervende Sonnengluth nur die unbeweglichste Ruhe wünschenswerth macht , und der Mensch den Menschen leichter entbehrt , weil jeder fast mühelos sich verschaffen kann , was er zur Erhaltung seines Lebens bedarf . Aber im hohen eisigen Norden ist sie recht eigentlich zu Hause , und jeder Schritt , der den Wandrer diesem Ziele nähert , wird ihm zur Bestätigung dieser Bemerkung dienen können . Die erstarrende Kälte eines unwirthbaren Himmelsstriches bannt dort , wenigstens acht Monate im Jahre , die Bewohner zwischen ihre vier Wände ; die langen , fast endlos scheinenden Winternächte , laden unwiderstehlich zur Geselligkeit ein , jeder Besuch wird zum heiteren Feste , der Fremde , der zum erstenmale die Schwelle des gastlichen Hauses betritt , wird wie ein lieber Bekannte empfangen , er wird bei den nächsten Freunden eingeführt , die man eines solchen angenehmen Ereignisses ebenfalls theilhaftig machen möchte , diese beeifern sich ihn wieder ihren Freunden zuzuführen , und es kann nur von seinem Willen und Benehmen abhängen , sich so lange Zeit als Mitglied nicht nur der Familie , deren Gastfreund er ursprünglich war , sondern auch aller mit dieser verbündeter , zu betrachten , als es ihm selbst angenehm oder bequem ist . Nirgends aber giebt diese , aus den kultivirtesten europäischen Ländern immer mehr verschwindende Tugend auf liebenswürdigere Weise sich kund , als in Petersburg , wo alle Vortheile sich vereinen , die eine große glänzende Residenzstadt nur gewähren kann ; wo man nicht nur alle verfeinerten Genüsse des Lebens , sondern auch , und obendrein mit großer Leichtigkeit , alle eigentlichen Bedürfnisse desselben sich verschafft . Auch Heinrich Lange machte in seinem nicht luxuriösen , aber sehr anständig geführten Haushalte , von der allgemein herrschenden Lebensweise keine Ausnahme . Seine Thüre stand täglich allen seinen Freunden offen , und Juliens beide Befreier waren ihm , als solche , ein paar sehr werthe , zwiefach willkommene Gäste . Für Iwan war die Bekanntschaft mit dieser ausgezeichnet trefflichen Familie von sehr großer Bedeutung , denn seine ganze bisherige Lebensweise erhielt dadurch einen neuen , für ihn höchst vortheilhaften Umschwung . Überall , wo seine zahlreichen Bekannten fast täglich mit Sicherheit darauf rechnen konnten , ihn anzutreffen , wurde er jetzt vergeblich von ihnen aufgesucht ; der ihm sonst so gefährliche grüne Tisch , war für ihn gar nicht mehr in der Welt ; der enthusiastische Eifer , mit dem er plötzlich dem Studium der deutschen Sprache sich ergab , von der er bis dahin nur einzelne Worte gekannt , und die er jetzt für die ihm unentbehrlichste erklärte , hatte dieses fast unglaublich große Wunder bewirkt . Dankbarkeit für den ihr geleisteten Beistand , bewog Julie Reinert zu dem etwas schwierigen Unternehmen , seine Lehrerin zu werden ; und nun brachte er jede Stunde , welche der Dienst und anderweitige Beschäftigungen ihm Vormittags frei ließen , eifrigst studirend bei ihr zu . Frau Karoline , wie diese gewöhnlich genannt wurde , ging , nebenbei ihren Haushalt besorgend , dabei im Zimmer aus und ein , trat als Oberlehrerin auf , wenn Juliens grammatikalische Kenntnisse nicht ganz zureichen wollten , und half auch schelten , wenn der etwas ungelenke Schüler unachtsam oder zerstreut sich bewies . Abends pflegte ein nicht großer , aber interessanter Kreis , sich gewöhnlich in diesem Hause zu versammeln , in welchem Iwan niemals fehlte , und den auch Richard oft und gern besuchte . Fremde , ohne Unterschied des Standes , besonders Deutsche , Gelehrte , Künstler und Künstlerinnen , bildeten einen eben so zwanglosen als angenehmen Verein , in welchem jeder das Seine zur allgemeinen Unterhaltung beizutragen suchte . Scherz und Lachen wechselten mit ernsteren und unterrichtenden Gesprächen über die Geschichte des Tages , oder über Kunst und schöne Literatur ; doch Musik blieb , wie es denn auch in diesem Hause nicht anders sein konnte , das Hauptelement der Unterhaltung . Karolinens seelenvoller Gesang entzückte den kleinen Kreis ihrer Freunde , wie er früher das große Publikum zu begeisterndem Enthusiasmus aufgeregt hatte ; Juliens Lerchenkehle , wie ihr Lehrer Lange sie sehr bezeichnend nannte , wirbelte in silberreinen Tönen ; auch fehlte es nie an Tonkünstlern vom ersten Range , die hier zum allgemeinen Ergötzen ihre glänzenden Talente vereinten . Am Ende eines solchen musikalischen Abends , um welchen die Vornehmsten des großen Reiches den guten Lange mit Recht hätten beneiden mögen , ließ er sich zuweilen erbitten , mit seiner ächten Kapellmeisterstimme , dumpf und klanglos wie ein geborstner Topf , aber durch Vortrag und Ausdruck unwiderstehlich zum Herzen sprechend , ein Lied von Goethe nach Zelters , oder auch wohl von eigner Composition zu singen ;