, ich doch niemals einen Kuß von ihr erhielt . Ich war empfindlich und sie lachte mich aus . Die Nacht trennte uns , und sie begleitete mich auf den Weg . Kennt Ihr mich noch wieder ? fragte sie . Ich erwiderte , daß ich sie nicht vergessen hätte , und nur froh sei , daß ich ihr nicht ganz fremd erschiene . Sie hatte meine Empfindlichkeit bemerkt und sagte : Lieber Freund , was kann man nur in der Gesellschaft , bei dem dummen Herumküssen an einem Kusse haben , besonders von jemanden , dem man etwas gut ist ? Liegt Euch daran , so gebt mir jetzt , da wir allein sind , einen recht lieben Kuß , und ich will so Abschied von Euch nehmen . Ich drückte zitternd meine Lippen auf den vollen roten Mund , und verließ sie mit schwerem Herzen , indem ich nachdenkend durch die Finsternis langsam zur Stadt zurückging . Jetzt schwebte mir immer die tanzende Gestalt vor den Augen , denn noch nie hatte ich so lebendige , zierliche Bewegungen gesehen , eine solche Freude , die sich oft bis zum Mutwilligen erhob , und plötzlich dann wieder zum stillen Ernst und sanfter Milde zurücksank . Ich besuchte das Dörfchen wieder , und wurde bald mit den Eltern , welches gute Leute waren , vertraut . Die Tochter behandelte mich wie einen Bruder oder längstgekannten Freund . Daß du nicht zu unserer Religion gehörtest , sagte sie zu mir an einem Nachmittage , hättest du mir nicht zu sagen brauchen , denn ich bemerkte es schon in der Kirche ; deine Andacht war zu neu und still , ich sah , daß du alles unrecht machtest und nichts von der Messe verstandest , und weil um dich her Leute standen , die sich für gar zu fromm hielten und an deiner Unwissenheit Anstoß nahmen , reichte ich dir den Rosenkranz , um dich mit ihnen mehr zu befreunden . Behalt ihn zu meinem Angedenken . Hier schildern uns viele , fuhr sie fort , die Fremden aus den andern Ländern , die sie Ketzer nennen , als erschreckliche Menschen ; ich habe nie daran glauben können , und seit ich dein stilles , frommes Gesicht kenne , noch weniger . Meine Eltern aber , so gut sie dir sind , werden traurig , sooft sie daran denken , daß du kein Katholik bist , und also verlorengehen mußt . Wie können die Menschen nur so viel Liebe und Haß zugleich in ihrem Herzen haben ? Es schien bald , daß wir beide einander unentbehrlich wurden , und auch die Eltern gewöhnten sich an meine Gegenwart . Ich achtete ihre Gebete und Sitten und störte sie durch keine fremde Äußerung , sonst vermieden wir alle das Gespräch über Religion . Mein Zustand war sonderbar dunkel und heftig ; ich konnte oft den Augenblick nicht erwarten , bis ich wieder bei ihr in der Stube , neben dem Spinnrade , oder in der Laube saß , oder sie in den Garten begleitete , und die kleinen Geschäfte des Früchtesammelns , Blumenanbindens und dergleichen mit ihr teilte . Oft genügte mir doch diese stille Gegenwart nicht , und ich forderte Kuß und Umarmung ; ihre Schönheit , ihr großer Blick aus den hellen Augen , ihr Händedruck beängstigten mich , ja ich konnte wohl zuweilen meine Entfernung beschleunigen , sosehr ich auch nachher beklagte , nicht in ihrer Nähe zu sein . Ich fühlte , daß sie mich liebte , aber von diesem sonderbaren Zauberbann , von dieser Angst und Verwirrung war sie gänzlich befreit ; ihr war so recht herzlich wohl , wenn ich bei ihr war , ihr herrliches Gemüt und ihre schöne Ruhe forderten nichts weiter . Es tat ihr wohl , mit mir über alles sprechen zu können , und mancherlei Kenntnisse und Gedanken zu sammeln , die sie in ihrer Umgebung vermißte , dabei empfand sie so ihre reine Hingebung in mein Wesen , daß sie nichts vermißte . Sie sagte mir oft , wie glücklich sie sei , seit sie mich kennengelernt habe , wie sie sich jetzt ihres Herzens und ihres Verstandes bewußt werde , und selbst ihre Religion ihr in höherm Glanz erscheine . So verging der Sommer mir in schönem Glück und freundlichen Stunden ; doch war es uns aufbehalten , auch Schmerz und Unlust kennenzulernen . Jener wilde Mensch , der bis dahin die Rolle eines Unbesiegbaren gespielt hatte , der sich alles erlaubte und dem nur selten jemand widersprach , konnte mir mein Glück oder meine größere Stärke nicht vergeben . Er hatte geschworen , Rache an mir zu nehmen , und Kunigunde warnte mich oft vor ihm . Der unbändige Mensch trank viel und war im Rausche furchtbar , weil er dann jede Rücksicht vergaß , um nur seiner Wut genugzutun . In dieser Stimmung hatte er sich mit einem Knittel bewaffnet , um mir im Eichenwalde auf dem Fußsteige aufzulauern , an einem Tage , an dem er wußte , daß ich hinauskommen wollte . Kunigunde war mir entgegengeeilt , damit ich ihm auf einem andern Wege entgehen könne , der Wilde aber hatte sie gesehen , und ihren Vorsatz geahndet . Welche Szene bot sich mir dar , als ich auf dem wohlbekannten Pfad aus dem Walde trat , um den Fluß hinunterzugehn ! Sie rang mit dem Wahnsinnigen , der ein tierisches Gebrüll ausstieß und sie in seinen starken Armen hielt ; sie hatte das Tuch verloren , und der blendende , von mir so heilig geachtete Busen glänzte jugendlich in dem ungewohnten Licht der Bösewicht suchte sie nach dem Flusse zu schleppen , ihre Haare flogen aufgelöst , ihre Kleider waren zerrissen , sie stemmte sich besonnen seiner Übermacht entgegen , hätte aber wahrscheinlich seinen Kräften erliegen müssen . Ich stürze auf ihn los , befreie sie , und er , in grimmiger Freude , den Gegenstand seines Hasses vor sich zu sehen , fällt mich wie