Nebenabsicht gemacht hatte , und es sich besonders aus dem Schlusse seiner Rede ergab , daß ihn bloß die Lage des Obristen Thalheim in diesem Augenblicke beschäftigte . Ich glaube , sagte sie endlich , daß sich nichts so leicht erklären läßt , als das Gefühl der Scheu , womit ein Mensch dem andern seinen Mangel verbirgt . Ja wohl , rief der Pfarrer mit seiner gewöhnlichen vorschnellen Art , es ist eine erbärmliche Eitelkeit , für reich angesehen sein zu wollen . Ich glaube nicht , daß dieß der Grund ist , erwiederte die Gräfin , sondern vielmehr die Einbildung derer , an die man sich wenden könnte , denn natürlich kann sich der Mangel Leidende nur an Wohlhabende wenden , und die werden alle Mal ihren glücklichen Zustand als die Folge ihrer Klugheit , ihres Fleißes oder ihrer Ordnung betrachten , und werden immer annehmen , daß ihrem leidenden Bruder eine dieser Eigenschaften oder auch alle fehlen . Das ist aber auch gewöhnlich der Fall , fiel der Geistliche ein . Sie beweisen die Richtigkeit meiner Bemerkung , sagte die Gräfin lächelnd . Aus dieser Ansicht folgt nun ganz natürlich , daß sich jeder Wohlhabende für klüger hält , als der Nothleidende ist , folglich mit der Hülfe , die er ihm leistet , zugleich eine gewisse Vormundschaft übernimmt und von dem , der seine Hülfe empfängt , fordert , er solle mit seinen Augen sehen , aus seinem Herzen fühlen und nach seiner Leitung handeln . Sagen Sie selbst , kann es für einen Menschen etwas Schmerzlicheres geben , als wenn er die Hülfe seiner Freunde so theuer erkaufen muß , daß er gezwungen ist , seine Einsicht , seinen Willen , seine Gefühle , seine Selbstständigkeit aufzugeben , und können Sie sich wundern , daß Jeder diesen traurigen Zustand so lange als möglich vermeidet ? Könnten wie uns entschließen , mit den Augen unserer nothleidenden Freunde zu sehen , uns in ihre Lage zu versetzen , und unsere Hülfe ihnen nach ihrer Neigung und Einsicht zu gewähren , so daß wir ihnen nur die Schwierigkeiten aus dem Wege räumen hülfen , die sie hindern , sich frei in ihrer eignen Bahn zu bewegen , statt daß wir ihnen jetzt höchstens unter der Bedingung Beistand leisten , daß wir sie in die unsrige hinüber zwingen , dann , glaube ich , würde weder Vertrauen , noch Dankbarkeit in der Welt so selten angetroffen werden . Der Geistliche verstand die Gräfin nicht recht , und machte nun bei sich aus , daß sie eine Neigung zur Schwärmerei habe . Dieß Wort war ihm ein Trost , denn Alles , was seiner Denkungsweise fremd war , was er nicht verstand , oder was ihm zuwider war , bezeichnete er mit diesem Ausdrucke und betrachtete es als eine Art von Selenkrankheit . Er endigte also das Gespräch von Wohlthätigkeit , indem er sich an den Grafen wendete und sagte : es fällt mir eben ein , da wir heute über Ihre Verwandten sprechen , Ihr Vetter , der junge Graf Hohenthal , stand hier in der Nähe mit seiner Eskadron vor dem Ausbruche des Krieges , der ritt täglich zum alten Obristen , und beide schlugen die Franzosen wohl tausend Mal in Gedanken ; die böse Welt sagte aber , fügte er lächelnd hinzu , daß der junge Nittmeister mehr um des schönen Fräuleins , als um des alten Obristen Willen so oft den Weg machte . - Ich glaube , der Rittmeister ist der einzige Sohn seines Vaters ? fragte der Graf . Ich weiß es nicht , sagte der Pfarrer lachend , aber daß Sie es nicht wissen , sezt mich in Verwunderung . Ich bin seit mehr als zwanzig Jahren , erwiederte der Graf , wenig mit meiner Familie in Verbindung gewesen , und natürlich können in einem solchen Zeitraume manche Mitglieder geboren sein , von denen ich nichts erfahren habe . Die Tafel wurde aufgehoben und dem Pfarrer gemeldet , daß seine Pferde angespannt seien , so wie er befohlen habe ; er verließ also das Schloß , nachdem er dem Grafen noch einmal versprochen hatte , ihm in kurzer Zeit alle Nachrichten über seine Verwandten zu verschaffen , die ihm wichtig scheinen könnten . Der Graf las nun noch einmal St. Juliens Brief und verfügte sich dann zu ihm , um , wie er versprochen hatte , selbst mit ihm über diese Angelegenheit zu sprechen . Er fand den jungen Mann noch in der schwermüthigen Stimmung , die sich seiner seit dem Augenblick bemeistert hatte , als ihm der Graf erklärt hatte , er müsse sich als Gefangener betrachten ; er hatte beschlossen , dieß im strengsten Sinne zu thun und sein Zimmer so wenig als möglich zu verlassen , und bekämpfte mit Schmerz die Sehnsucht ' die sich ihm im Herzen regte , die Gräfin und Emilie wieder zu sehen . In seiner trüben Laune bemühte er sich , Alles feindlich auszulegen , und so glaubte er , der Graf wolle ihn von den Frauen abhalten und habe ihn deßhalb in ihrer Gegenwart mit solcher Kälte behandelt . In dieser trübseligen Stimmung beantwortete er die Frage nach seinem Befinden , die der Graf an ihn richtete , so kurz und trocken , als es nur immer die Höflichkeit erlaubte ; der Graf aber ließ sich dadurch nicht abschrecken , sondern sagte im väterlich milden Ton , indem er seine Hand faßte und sie wohlwollend drückte : Sie sind verstimmt und ich trage die Schuld Ihrer bösen Laune , ich habe sie verlezt , indem ich Sie mit Ihrer Lage bekannt machte , ohne die Schonung zu haben , Ihnen zu erklären , wodurch ich gezwungen bin zu fordern , daß Sie das Schloß nicht ohne meine Einwilligung verlassen wollen . So trübe St. Julien auch gewesen war , so fest er sich eingebildet hatte , er sei vom Grafen gekränkt , beleidigt , erniedrigt worden , so schmolzen doch alle diese Empfindungen in wenigen