als ich bis in mein neuntes Jahr . Frühere Erinnerungen sind mir fast gar nicht übrig geblieben , und nur eines einzigen bestimmten Gefühls erinnere ich mich sehr deutlich . Dies war , daß mich Vater und Mutter gar nicht liebten , und mir nie ein Vergnügen machten . Und noch eine Aeußerung ist mir im Gedächtniß geblieben , denn welches Mädchen würde so etwas nicht behalten ? Nämlich , daß einst der Pfarrer uneres Orts sagte , er habe noch nie ein Kind so hübsch lachen gesehn , wie mich . Es ist seltsam , daß manches Wort , das wir als Kind in der ungewissen Dämmerung unserer Sinne nur wie aus weiter Ferne über uns hören , wie ein Blitz in uns einschlägt , und , ich glaube , noch auf dem Sterbebette uns wieder einfallen kann . Diese Aeußerung , daß ich hübsch lachen konnte , habe ich nie vergessen . Ich muß also doch schon auf meine eigene Hand viel gelacht haben , ungeachtet mir meine harten Eltern nie Vergnügen machten . Aber der freundliche Pfarrherr schenkte mir auch ein Rothkehlchen , das ich sehr lieb hatte , mit dem ich viel sprach und mich freute . Es durfte auch nicht oft aus der Stube gehen , sowie ich , und mußte sich in seinen jungen Tagen damit abgeben , Fliegen zu fangen , sowie ich Sorgen . Ich half ihm redlich Fliegen fangen , und es half mir seinerseits , durch seine possirlichen Sprünge , über die ich herzlich lachen mußte , mir die Sorgen zu verscheuchen . Nur die Dummheit konnte ich ihm nie vergeben , daß er sich die Flügel hatte stutzen lassen , und wenn ich ihn mir auf die Hand stellte , und ihn vor mir aufrichtete , setzte ich ihn ordentlich deshalb zur Rede . Hätte ich Flügel , dachte ich , nie sollten sie mir die stutzen . Ich flöge gerade mitten ins Leben hinein , über alle die finstern böhmischen Berge hinweg , hinter denen ich geboren bin . Aber das Rothkehlchen wetzte sich den Schnabel , und schien sich mit seinen grellen närrischen Augen über mich lustig zu machen . Ich hatte , ich weiß nicht mehr wo , etwas vom Leben gehört oder in meiner Bilderfibel gelesen , denn ich konnte schon lesen . Ich stellte mir unter diesem räthselhaften Worte etwas vor , das weder in meinem böhmischen Dorfe zu Hause ist , noch von dem Vater oder Mutter eine Ahnung hätten . Etwas ganz außerordentlich Liebreiches und Angenehmes , das hinter den Bergen zu haben wäre . Nie ging ich ins Bett , ohne beim Abendgebet daran zu denken , und jedesmal bat ich den lieben Gott von ganzem Herzen um Leben . So that ich in meinem thörichten Sinn auch beim Morgengebet . Mein Vater durfte nichts davon wissen , weil er mich sonst geschlagen hätte . Freilich wußte ich auch selbst nicht , um was ich bat , aber es war mir doch unbeschreiblich süß , immer auf ein so ahnungsvolles Wort meine Hoffnung zu setzen . Es war wie eine geheime Liebschaft , welche die Kinderseele mit der Zukunft führte , und oft jauchzte es in mir auf , wenn ich mir lebhaft vorstellte , was Alles hinter den Bergen sein müsse . Entweder hinter dem großen Milleschauer oder dem ernsten Erzgebirge dachte ich mir das Leben verborgen . Ich stand oft stundenlang , und wartete ab , bis die Sonnenscheibe hinter diesen Berggipfeln untersank . So stand ich auch einstmals am Fenster , als ich plötzlich hinter mir die Worte hörte , daß ich nach Dresden solle . Ich sah mich erschrocken um , und die Thränen stürzten mir vor Ueberraschung aus den Augen . Der Vater hatte einen Brief in der Hand , und die Mutter sah ihm , mit lang vorgestrecktem Hals , lesend über die Schulter . Endlich erfuhr ich , daß eine reiche Tante in Dresden mich als ihr Kind anzunehmen wünsche , und daß sich nichts Vortheilhafteres für mein Glück finden lassen könne . Ich hörte zum ersten Mal etwas von Dresden , und fragte , indem alle Sehnsucht in mir losbrach , ob es hinter dem Milleschauer liege , wo auch das Leben sei ? Dann wolle ich mit Freuden hingehn . Ich wurde über meinen Vorwitz ausgescholten , und nur die Mutter , die etwas milder war , lächelte , und nahm mich auf den Schooß , und machte mir die Zöpfchen zurecht , damit ich hübsch aussähe , wann ich nach Dresden käme . Der Vater ging aus dem Zimmer , um seine Schulstunden abzuhalten , und sagte kein Wort . Ich ließ mir doch im Stillen die Hoffnung nicht nehmen , daß ich in Dresden das Leben finden würde . In dieser Hoffnung sah ich vergnügt zu , wie meine wenigen Sachen eingepackt wurden . Nur der Abschied von meinem Rothkehlchen , das ich nicht mitnehmen durfte , war mir schwer , und ich weinte bittere Thränen . Es betrug sich aber so unempfindlich bei unserer Trennung , daß ich es endlich laufen ließ , und noch in der Thür zu ihm sagte : fange Du nur Deine Fliegen ; ich will von jetzt an keine Sorgen mehr fangen , denn ich gehe nach Dresden ins Leben ! Dann kam der Vater mit seinem langen Rohrstock aus der Schule , und ich mußte zu ihm Adieu sagen . Er hob mich mit beiden Armen , ohne sich zu bücken , in einer steifen Stellung zu sich empor , betrachtete mich mit hintenübergebeugtem Kopf eine Zeitlang ernsthaft , küßte mich einmal auf die Stirn und stellte mich wieder herunter an den Boden . Darauf schenkte er mir ein Amulet , segnete mich , und befahl mir , von dem strengen katholischen Glauben nie einen Finger breit zu weichen . Ich verstand ihn nicht , und versprach , daß ich in Dresden Alles thun wolle . Die Mutter fiel mir um den Hals