Schutz aber versprach ich mir von jenen holden blauen Augen , von jenen freundlichen vaterländischen Gesichtchen , von all den lieblichen Bildern , die ich in feinem und treuem Herzen aufbewahrt , mit über die Alpen nahm . Und sie schützten mich , diese Bilder , gegen jene dunkeln Feuerblicke der Römerinnen , wie sie aber vor sanften blauen Augen , welche ich dort sah , sich unverantwortlich zurückzogen , wie sie mein armes , unbewahrtes Herz ohne Bedeckung ließen , will ich als bittere Anklage erzählen . Der s .... sche Gesandte am päpstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche eine Karte zu den Lamentationen in der Sixtinischen Kapelle geschickt ; mehr , um den alten Herrn , der mir schon manche Gefälligkeit erwiesen hatte , nicht zu beleidigen , als aus Neugierde , entschloß ich mich , hinzugehen . Ich war nicht in der besten Laune , als es Abend wurde , statt einer lustigen Partie , wozu mich deutsche Maler geladen , sollte ich einen Klaggesang mit anhören , der mir schon an und für sich höchst lächerlich vorkam . Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit solcher Ritualien überzeugen können , selbst in dem ehrwürdigen Kölner Dom , wo die hohen Gewölbe und Bogen , das Dunkel des gebrochenen Lichtes , die mächtigen vollen Töne der Orgel manchen andern ernster stimmen mögen , konnte ich nur über die Macht der Täuschung staunen . Meine Stimmung wurde nicht heiliger als ich an das Portal der Sixtinischen Kapelle kam . Die päpstliche Wache , alte , ausgediente schneiderhafte Gestalten , hielten hier Wache mit so meisterlicher Grandezza , als nur die Cherubim an der Himmelstüre . Der Glanz der Kerzen blendete mich , da ich eintrat , und stach wunderbar ab gegen den dunklen Chor , in das die Finsternis zurückgeworfen schien . Nur der Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet . Ich hatte Muße genug , die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu mustern . Ich bemerkte nur sehr wenige Römer , dagegen fast alles , was Rom an Fremden beherbergte . Einige französische Marquis , berüchtigte Spieler , einige junge Engländer von meiner Bekanntschaft , standen ganz in meiner Nähe . Sie zogen mich auf , daß auch ich mich habe verführen lassen , dem Spectacle , wie sie es nannten , beizuwohnen ; Lord Parter aber meinte , es seie dies wohl der Schönen zu Gefallen geschehen , die ich mitgebracht habe . Er deutete dabei auf eine junge Dame , die neben mir stand . Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Straße , und schien sehr ungläubig , als ich ihm damit nicht dienen zu können behauptete . Ich betrachtete meine Nachbarin näher ; es war eine schlanke hohe Gestalt , dem Wuchs nach keine Römerin ; ein schwarzer Schleier bedeckte das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt , und ließ nur einen Teil eines Nackens sehen , so rein und weiß , wie ich ihn selten in Italien , beinahe nie in Rom gesehen hatte . Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den alten Diplomaten , hoffend , eine interessante Bekanntschaft zu machen ; wollte eben - da begann der Klaggesang und meine Schöne schien so eifrig darauf zu hören , daß ich nicht mehr wagte , sie anzureden . Unmutig lehnte ich mich an eine Säule zurück , Gott und die Welt , den Papst und seine Lamentationen verwünschend . Unerträglich war mir der monotone Gesang . Denken Sie sich , sechzig der tiefsten Stimmen , die unisono , im tiefsten Grundton der menschlichen Brust , Bußpsalmen murmeln . Der erste Psalm war zu Ende , eine Kerze auf dem Altar verlöschte . Getröstet , die Farce werde ein Ende haben , wollte ich eben den jungen Lord anreden , als von neuem der Gesang anhub . Jener belehrte mich zu meinem großen Jammer , daß noch alle zwölf übrigen Kerzen verlöschen müssen , bis ich ans Ende denken könne . Die Kirche war geschlossen und bewacht , an ein Entfliehen war nicht zu denken . Ich empfahl mich allen Göttern , und gedachte einen gesunden Schlaf zu tun . Aber wie war es möglich ? Wie Strahlen einer Mittagssonne strömten die tiefen Klänge auf mich zu . Zwei bis drei Kerzen verlöschten , meine Unruhe ward immer größer . Endlich aber , als die Töne noch immer fortwogten , drangen sie mir bis ins innerste Mark . Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten Strahlen , Wehmut ergriff mich , Gedanken aus den Tagen meiner Jugend stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf , unwillkürliche Rührung bemächtigte sich meiner , und Tränen entstürzten seit Jahren zum erstenmal meinem Auge . Beschämt schaute ich mich um , ob doch keiner meine Tränen gesehen . Aber die Spieler , wunderbarer Anblick ! lagen zerknirscht auf ihren Knieen , der Lord und seine Freunde weinten bitterlich . Zwölf Kerzen waren verlöscht . Noch einmal erhoben sich die tiefen , herzdurchbohrenden Töne , zogen klagend durch die Halle , immer dumpfer , immer leiser verschwebend . Da verlöschte die letzte Kerze , und zugleich mit das Feuermeer der Kirche , und bange Schatten , tiefe Finsternis drang aus dem Chor , und lagerte sich über die Gemeine . Mir war , als wär ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoßen in eine fürchterliche Nacht . Da tönten aus des Chores hintersten Räumen , süße klagende Stimmen . Was jenes tiefe , schauerliche Unisono unerweicht gelassen , zerschmolz vor diesem hohen Dolce der Wehmut . Rings um mich das Schluchzen der Weinenden , vom Chor herüber Töne , wie von gerichteten Engeln gesungen , glaubte ich nicht anders , als in einer zernichteten Welt mit unterzugehen und zu hören , der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn gewesen . Der Gesang war verklungen , Fackeln erhellten die Szene , die Menge ergoß sich durch die Pforten und auch ich gedachte mich zum Aufbruch zu rüsten , da gewahrte ich