wie gebannt , denn man hörte , was sie las , war der innigste Ausdruck ihres eigensten Gefühls , und sie bezwang alle Herzen mit der Wahrheit Gewalt . Sie hatte das Gedicht , welches sie vorlas , zuvor nie gesehen , es war das neueste Erzeugniß eines jungen Poeten von Ernesto ' s Bekanntschaft . Hier ist es : O laßt mich ruh ' n an dieser lieben Stelle Nur einen kurzen , stillen Augenblick ! Hier zog mein Tag herauf , so licht , so helle ; O laßt mich ruh ' n an dieser lieben Stelle ! Vergönnet mir dieß arme , einz ' ge Glück ! Ich will nicht um mich schau ' n ; laßt mich vergessen , Daß eine Zukunft ist , daß Morgen kommt . Was über heute liegt , ist unermessen , Und über Nacht zu denken , ist vermessen , Mit Sonst zu sprechen , meinem Herzen frommt . Wenn es der Welt noch einmal tagt , umdichten Mich Gram und Nacht . Dein Bild kann nur allein Die Nacht zur Dämm ' rung eines Traumes lichten , Und wie ein Traum mußt du vorüberflüchten , Geflügelt Glück ! dein bin ich , du nicht mein . Der hat ein süßes , hold Geschick , empfangen , Wer dich , du zartes Bild ! nur einmal sah ; Mich hat dieß Glück für immerdar umfangen , Bist du auch , Klara ! weit von mir gegangen ; Mein Herz bringt ewig deine Fernen nah . In meiner tiefsten Seele stillen Tiefen Steh ' n deine Worte , rufen nach und nach - Wie Glockentöne , die am Tage schliefen , Vom Abend aufgeweckt , zur Vesper riefen - Das Heiligste in meiner Brust mir wach . Und diese Augen sollten wiedersehen , Was nicht zu dir gehört , was du nicht bist ? Es sollten and ' re Töne mich umwehen ? Und deine liebe Stimme mir vergehen ? Giebt es solch ' Aufersteh ' n , was Grab nur ist ? Wer hörte dich und darf noch Unglück denken ? Noch an das Böse glauben und dich seh ' n ? Dein liebend Auge könnte Sonnen lenken , Und meinen Stern , den könntest du versenken In ew ' ger Trennung namenlose Wehn ? Es muß die Zeit hinab zur Zeit wohl gehen , Doch meine Liebe nicht und nicht mein Schmerz ; Selbst dieser Schmerz darf nicht die Lieb ' umstehen Gewaltsam , rauh ; er soll wie Frühlingswehen Wachrufen , Blumen gleich , ein sehnend Herz . Und wenn der Winter schlafen legt die Blumen alle , Und Herz und Sehnsucht starrt in Grabesfrost , Wenn todtgekühlt die Blumen , Herzen alle , Dann seh ' ich dich allein aus meiner Halle Noch diamanten-strahlend hoch im Ost . Bis dahin laßt an dieser lieben Stelle Mich ruhen meines Lebens Augenblick . Hier kam mein Tag , hier bleibt die Nacht mir helle ; O laßt mich ruh ' n an dieser lieben Stelle ! Euch sey die ganze Welt mit ihrem Glück ! ! Während des Lesens waren Gabrielen schon bei der Stelle : » Es sollten and ' re Töne mich umwehen ? Und deine liebe Stimme mir vergehen ? « einzelne Thränen in die Augen getreten ; sie ward im Fortfahren immer bewegter und bewegter . Bei den Worten : » Hier kam mein Tag , hier bleibt die Nacht mir helle . « versagte ihr die Stimme , und sie strebte vergebens , die beiden letzten Strophen des Liedes zu geben , dieses zu beenden . Erbleichend , verstummend stand sie endlich auf , bedeckte das Gesicht mit ihrem Tuche und eilte zum Zimmer hinaus , jede Begleitung durch eine bittende Bewegung der Hand von sich ablehnend . Ottokar , der zunächst der Thüre sich befand , war dennoch unbemerkt bis in den Vorsaal ihr gefolgt , dann faßte er ihre Hand und führte sie zu einem Sitz im Fenster , während er die Bedienten fortschickte , um Annetten herbei zu rufen . Gabriele erbebte sichtbarlich , als sie ihn erkannte ; ein Strom von Thränen schaffte ihrem gepreßten Herzen Luft , während er , den sorgenden Blick auf sie geheftet , vor ihr stand . » Fräulein , « sprach er , indem er noch immer ihre Hand hielt , » liebes Fräulein , Sie haben uns allen einen so hohen Genuß gewährt , wir alle müssen ihnen so dankbar dafür seyn ; was ist es denn , das jetzt Sie so gewaltsam niederdrückt ? Zürnen Sie mir nicht , « fuhr er fort , da es ihm schien , als wolle Gabriele sich von ihm loswinden , » zürnen Sie mir nicht , daß ich Ihrem Winke nicht gehorchte und Ihnen hierher folgte ; daß ich die Besorgniß , mit der ich Ihren schwankenden Schritt bemerkte , nicht unterdrückte . Als ihr Hausgenosse glaubte ich dieß wagen zu dürfen , und vielleicht , hoffentlich sogar , geben mir die nächsten Tage , vielleicht der morgende schon , das schöne Vorrecht , an allem , was Sie betrifft , recht innigen Antheil zu nehmen . « Gabriele horchte bebend auf seine Worte , sie war unfähig , ihm zu antworten , und fühlte sich zum erstenmal in ihrem Leben einer Ohnmacht nah . Ottokar konnte nichts , als sie unterstützen , bis die erschrockne Annette kam und sie in ihr Zimmer geleitete . Die Nacht verging Gabrielen unter lautem Herzklopfen , unter tausend wechselnden Ahnungen , Gedanken , halb verstandnen Wünschen . Jedes Wort , das Ottokar am vergangnen Abend zu ihr gesprochen hatte , tönte unaufhörlich in ihrem Innern wieder , jedes war ihr ein Räthsel , dessen Lösung sie mit Entzücken und Grauen suchte und nicht fand , bis sie ermattet spät gegen den Morgen in unerquickliche Bewußtlosigkeit versank . Ihr Erwachen zu einer ungewöhnlich späten Stunde glich ganz dem ersten im Hause ihrer Tante . So wie an jenem Morgen ,