ich nur auf einzelne Stunden im Wohnzimmer , auf einem Sofa , dem kleinen Familienkreise unsres Hauses beiwohnen . In demselben hatte sich während meiner Krankheit eine große Veränderung zugetragen . Ein junger deutscher freiwilliger Jäger war bei uns einquartiert und in kurzem einheimisch geworden . Seine Bekanntschaft tat mir wohl und wehe , sein Stand , seine Jugend und seine liebenswürdige Sanftheit und Bescheidenheit erinnerten mich nur zu lebhaft an meinen lieben Emil . So würde er jetzt sein ! dachte ich , und tausend schmerzliche Betrachtungen drängten sich meinem leidenden Gemüte auf . Tränen füllten meine Augen , wenn ich den schönen Jüngling ansahe , und doch sahe ich ihn so gern in seiner edlen Haltung . Seine ihn besuchenden Kameraden waren nicht alle ihm gleich , manche kindisch eitel , unbillig , anmaßend und großprahlerisch ; er zeichnete sich durch Geistesbildung , Bescheidenheit und Billigkeit des Urteils aus . Daß er ebenso tapfer sei , davon gaben ihm ein roter Streif über der Stirn und ein noch etwas steifer Fuß das Zeugnis ; er hatte bei Lützen tapfer gekämpft und zwei Wunden davongetragen . Bald merkte ich , daß zwischen dem schönen Freiwilligen und Henrietten , der zweiten Tochter des Hauses , sich eine innige Neigung entsponnen hatte . Die Älteste , Nancy , war mit einem im Zivildienst angestellten Landsmanne versprochen und sahe die wachsende Zuneigung ihrer Schwester mit mißbilligenden Augen an . Es kam darüber bald , in meiner Gegenwart , zu Familienstreitigkeiten . » Mein Gott , ein Ketzer ! « seufzte die gute fromme Mutter . » Ist er nicht ein edler Mensch , liebes Mütterchen ? « sagte ich besänftigend , » ist er nicht so brav als menschlich im Reden und Handeln ? spricht er nicht von seinen Eltern und Geschwistern mit der zartesten Ehrfurcht und Liebe und von Gott , in zufälligen Äußerungen , mit Vertrauen und Dankbarkeit ? « - » Alles schön , mein Kind , alles schön « , erwiderte die gute Alte , » es ist ein lieber , guter Mensch , auch nicht unbemittelt , wie man hört , aber er hat doch nicht den rechten Glauben . « - » Darüber kann nur Gott entscheiden « , antwortete ich , » die Formen sind Menschenwerk . « Es kostete mir viele Mühe , das Gewissen der frommen Frau zu beruhigen , doch kam ich damit noch leichter zustande , als das leidenschaftliche Vorurteil der heftigen Nancy zu besiegen . » Ein Fremder ! « rief sie mit Erbitterung , » ein Feind ! « - » Ist er uns fremd ? ist er uns feindselig , gute Nancy ? « fragte ich . » Mein Himmel , wie kannst du so reden ? « sagte sie heftig . » Kannst du denn wissen , ob nicht gerade sein Gewehr auf die Brust deines Vaters gezielt ? « - » Und hätte dies wirklich der Zufall gefügt « , erwiderte ich mit einiger Anstrengung , » so würde ich ihn darum nicht weniger schätzen . Das Schicksal stellte sie einander gegenüber ; sie taten beide ihre Pflicht , verfochten beide ihre Meinung und die Sache ihres Fürsten , es war nichts Persönliches in diesem Streit ; und setzen schon die Gebräuche des Zweikampfs fest , daß sich nach Beendigung desselben Sieger und Besiegte umarmen , so sollte dies noch eher nach beendigten Völkerfehden geschehen . Die Deutschen hatten recht , sie fühlten sich gefesselt , sprengten die Ketten , erhoben sich in ihrer Kraft , bewaffneten sich und besiegten unsre bewaffnete Macht . Kannst du ihnen das verargen ? Wir hätten dasselbe getan , ja wir haben , aus Freiheitsdrang und ängstlicher Besorgnis für unsre Aufrechthaltung , noch ganz andre Dinge getan . Nein , ich werde die Deutschen immer bewundern und lieben ! Ich sage noch mehr : wäre unsre männliche Jugend Deutschlands Heldenjugend gleich gewesen , es stände besser um uns . Und nun zumal dieser edle Jüngling , unser Gastfreund , und wir , unkriegerische Weiber . « So verfocht ich täglich mit Eifer die Sache der Liebenden . Der Fremde mochte manches davon , durch Henrietten , erfahren haben , er bezeugte die zarteste Teilnahme für das liebe kranke Fräulein , wie er mich nannte . Späterhin hatte ich die Freude zu hören , daß Henriette ihn in seine Heimat begleiten würde , und es gewährte mir einen großen Trost , zu glauben , daß ich einigen Anteil an dem erwünschten Ausgang ihres Schicksals gehabt . Bei dem allen wurde mir der Aufenthalt in Paris unerträglich . Das Geräusch betäubte , und die Charakterlosigkeit der Einwohner ärgerte mich . Ich sehnte mich nach der Stille von Chaumerive zurück , mit dem täuschenden Trostgefühl , als würde ich dort meine alte Welt wiederfinden ; meine Schwäche verhinderte mich aber immer noch , Anstalten dazu zu treffen . Auch meine Manon sehnte sich im stillen zu den harmlosen Tänzen unsres Dörfchens zurück . Antoine , der ehrliche Antoine , welcher schon so lange im Dienste unsers Hauses gewesen und mich noch auf den Armen getragen hatte , betrübte sich herzlich über den Verlust seines guten Herrn und über meinen Schmerz . Er war es , welcher plötzlich meinem Schicksale eine unvorhergesehene Wendung gab . Ohne ihn wäre ich in einigen Tagen abgereist , wäre vielleicht noch lange vergessen geblieben , und in einer andern Lage , anders beraten , würde ich vielleicht einen anderen Plan befolgt haben , als ihn mir die Umstände jetzt aufgedrungen . Du weißt , liebe Adele , wie der ehrliche Alte , in den Tuilerien herumschlendernd , Dich und Deine Mutter erblickte , die Schwester seines teuern Herrn . Er war außer sich vor Freude . Durch ihn erfuhrt Ihr meine Anwesenheit , und wenig Minuten darauf hielt Euer Wagen vor unsrer Tür . Ich in Euren Armen , welches Entzücken für mein verwaistes Herz ! Auch überließ ich mich demselben anfangs mit Trunkenheit , bis sich Wehmut