stets langsam und gesetzt - er habe nicht den Fehler der Uhren , die immer schneller gehen , je älter sie werden - ja vielleicht sei er nicht älter als Walt , wiewohl ein Pferd stets etwas jünger sein sollte als der Reiter , so wie die Frau jünger als der Mann - ein schönes römisches Sta Viator , Steh , Wegmachender ! bleibe der Gaul für den , so darauf sitze .... » O lieber Bruder « , sagte Walt sanft , aber mit der Röte der Empfindlichkeit und Vults Laune noch wenig fassend und belachend , » zieh mich damit nicht mehr auf , was kann ich dafür ? « » Nu , nu , warmer Aschgraukopf « , sagte Vult und fuhr mit der Hand über den Tisch und unter alle seine weiche Locken , streichelnd Haar und Stirn , » lies mir denn deine drei Polymeter vor , die du hinter der Schäferei gelammet . « Er las folgende : Das offne Auge des Toten Blick mich nicht an , kaltes , starres , blindes Auge , du bist ein Toter , ja der Tod . O drücket das Auge zu , ihr Freunde , dann ist es nur Schlummer . » Warst du so trübe gestimmt an einem so schönen Tage ? « fragte Vult . » Selig war ich wie jetzt « , sagte Walt . Da drückte ihm Vult die Hand und sagte bedeutend : » Dann gefällts mir , das ist der Dichter . Weiter ! « Der Kinderball Wie lächelt , wie hüpfet ihr , blumige Genien , kaum von der Wolke gestiegen ! Der Kunst-Tanz und der Wahn schleppt euch nicht , und ihr hüpfet über die Regel hinweg . - Wie , es tritt die Zeit herein und berührt sie ? Große Männer und Frauen stehen da ? Der kleine Tanz ist erstarrt , sie heben sich zum Gang und schauen einander ernst ins schwere Gesicht ? Nein , nein , spielet ihr Kinder , gaukelt nur fort in eurem Traum , es war nur einer von mir . Die Sonnenblume und die Nachtviole Am Tage sprach die volle Sonnenblume : » Apollo strahlt , und ich breite mich aus , er wandelt über die Welt , und ich folge ihm nach . « In der Nacht sagte die Viole : » Niedrig steh ' ich und verborgen - und blühe in kurzer Nacht ; zuweilen schimmert Phöbus ' milde Schwester auf mich , da werd ' ich gesehen und gebrochen und sterbe an der Brust . « » Die Nachtviole bleibe die letzte Blume im heutigen Kranz ! « sagte Vult gerührt , weil die Kunst geradeso leicht mit ihm spielen konnte als er mit der Natur , und er schied mit einer Umarmung . In Walts Nacht wurden lange Violenbeete gesäet - an das Kopfkissen kamen durch die offne Wand die Düfte der erquickten Landschaft heran und die hellen Morgentöne der Lerche - sooft er das Auge auftat , fiel es in den blauen vollgestirnten Westen , an welchem die späten Sternbilder nacheinander hinunterzogen als Vorläufer des schönen Morgens . Nr. 15. Riesenmuschel Die Stadt - chambre garnie Walt stand mit einem Kopfe voll Morgenrot auf und suchte den brüderlichen , als er seinen Vater , der sich schon um 1 Uhr auf seine langen Beine gemacht , mit weiten Schritten und reisebleich durch den Hof laufen sah . Er hielt ihn an . Er mußte lange gegen den Strafprediger seine Gegenwart durch die ausgebrochene Mauer herunter verteidigen . Darauf bat er den müden Vater , zu reiten , indes er zu Fuße neben ihm laufe . Lukas nahm es ohne Dank an . Sehnsüchtig nach dem Bruder , der sich nicht zeigen durfte , verließ Walt die Bühne eines so holden Spielabends . Auf dem waagrechten Wege , der keinen Wassertropfen rollen ließ , bewegte sich das Pferd ohne Tadel und hielt Schritt mit dem tauben Sohne , dem der Vater von der Sattel-Kanzel unzählige Rechts- und Lebensregeln herabwarf . Was konnte Gottwalt hören ? Er sah nur in und außer sich glänzende Morgenwiesen des Jugendlebens , ferner die Landschaft auf beiden Seiten der Chaussee , ferner die dunklen Blumengärten der Liebe , den hohen hellen Musenberg und endlich die Türme und Rauchsäulen der ausgebreiteten Stadt . Jetzt saß der Vater mit dem Befehle an den Notarius ab , durchs Tor zum Fleischer zu reiten , in sein Logis , und um 10 Uhr in den weichen Krebs zu gehen , wo man auf ihn warten wolle , um mit ihm gehörig vor dem Magistrate zu erscheinen . Walt saß auf und flog wie ein Cherub durch den Himmel . Die Zeit war so anmutig ; an den Häuserreihen glänzte weißer Tag , in den grünen tauigen Gärten bunter Morgen , selber sein Vieh wurde poetisch und trabte ungeheißen , weil es seinem Stalle nahe und aus dem herrnhutischen hungrig kam . - Der Notarius sang laut im Fluge des Schimmels . Im ganzen Fürstentum stand kein Ich auf einem so hohen Gehirnhügel als sein eigenes , welches daran herab wie von einem Ätna in ein so weites Leben voll morganischer Feen hineinsah , daß die blitzenden Säulen , die umgekehrten Städte und Schiffe den ganzen Tag hängenblieben in der Spiegelluft . Unter dem Tore befragte man ihn , woher ? » Von Haßlau « , versetzte er entzückt , bis er den lächerlichen Irrtum eilig umbesserte und sagte : » Nach Haßlau . « Das Pferd regierte wie ein Weiser sich selber und brachte ihn leicht durch die bevölkerten Gassen an den Stall , wo er mit Dank und in Eile abstieg , um sofort seine » chambre garnie « zu beziehen . Auf den hellen Gassen voll Feldgeschrei , gleichsam Kompaniegassen eines Lustlagers , sah ers gern , daß er seinen Hausherrn , den Hofagent Neupeter , kaum finden konnte . Er gewann damit die Zeit , die verschüttete Gottes-Stadt der Kindheit auszuscharren und