durfte jeden Sinn nach Gefallen brauchen , jeden Gedanken , wie einen wirklichen Körper , umwenden und von allen Seiten betrachten . Ich stand mit stillem Antheil an der Werkstatt meines Vaters , und freute mich , wenn ich ihm helfen und etwas geschickt zu Stande bringen konnte . Geschicklichkeit hat einen ganz besondern stärkenden Reiz , und es ist wahr , ihr Bewußtseyn verschafft einen dauerhafteren und deutlicheren Genuß , als jenes überfließende Gefühl einer unbegreiflichen , überschwenglichen Herrlichkeit . Glaubt nicht , sagte Klingsohr , daß ich das letztere tadle ; aber es muß von selbst kommen , und nicht gesucht werden . Seine sparsame Erscheinung ist wohlthätig ; öfterer wird sie ermüdend und schwächend . Man kann nicht schnell genug sich aus der süßen Betäubung reißen , die es hinterläßt , und zu einer regelmäßigen und mühsamen Beschäftigung zurückkehren . Es ist wie mit den anmuthigen Morgenträumen , aus deren einschläferndem Wirbel man nur mit Gewalt sich herausziehen kann , wenn man nicht in immer drückendere Müdigkeit gerathen , und so in krankhafter Erschöpfung nachher den ganzen Tag hinschleppen will . Die Poesie will vorzüglich , fuhr Klingsohr fort , als strenge Kunst getrieben werden . Als bloßer Genuß hört sie auf Poesie zu seyn . Ein Dichter muß nicht den ganzen Tag müßig umherlaufen , und auf Bilder und Gefühle Jagd machen . Das ist ganz der verkehrte Weg . Ein reines offenes Gemüth , Gewand [ t ] heit im Nachdenken und Betrachten , und Geschicklichkeit alle seine Fähigkeiten in eine gegenseitig belebende Thätigkeit zu versetzen und darin zu erhalten , das sind die Erfordernisse unserer Kunst . Wenn ihr euch mir überlassen wollt , so soll kein Tag euch vergehn , wo ihr nicht eure Kenntnisse bereichert , und einige nützliche Einsichten erlangt habt . Die Stadt ist reich an Künstlern aller Art. Es giebt einige erfahrne Staatsmänner , einige gebildete Kaufleute hier . Man kann ohne große Umstände mit allen Ständen , mit allen Gewerben , mit allen Verhältnissen und Erfordernissen der menschlichen Gesellschaft sich bekannt machen . Ich will euch mit Freuden in dem Handwerksmäßigen unserer Kunst unterrichten , und die merkwürdigsten Schriften mit euch lesen . Ihr könnt Mathildens Lehrstunden theilen , und sie wird euch gern die Guitarre spielen lehren . Jede Beschäftigung wird die übrigen vorbereiten , und wenn ihr so euren Tag gut angelegt habt , so werden euch das Gespräch und die Freuden des gesellschaftlichen Abends , und die Ansichten der schönen Landschaft umher mit den heitersten Genüssen immer wieder überraschen . Welches herrliche Leben schließt ihr mir auf , liebster Meister . Unter eurer Leitung werde ich erst merken , welches edle Ziel vor mir steht , und wie ich es nur durch euren Rath zu erreichen hoffen darf . Klingsohr umarmte ihn zärtlich . Mathilde brachte ihnen das Frühstück , und Heinrich fragte sie mit zärtlicher Stimme , ob sie ihn gern zum Begleiter ihres Unterrichts und zum Schüler annehmen wollte . Ich werde wohl ewig euer Schüler bleiben , sagte er , indem sich Klingsohr nach einer anderen Seite wandte . Sie neigte sich unmerklich zu ihm hin . Er umschlang sie und küßte den weichen Mund des erröthenden Mädchens . Nur sanft bog sie sich von ihm weg , doch reichte sie ihm mit der kindlichsten Anmuth eine Rose , die sie am Busen trug . Sie machte sich mit ihrem Körbchen zu thun . Heinrich sah ihr mit stillem Entzücken nach , küßte die Rose , heftete sie an seine Brust , und ging an Klingsohrs Seite , der nach der Stadt hinüber sah . Wo seyd ihr hergekommen ? fragte Klingsohr . Über jenen Hügel herunter , erwiederte Heinrich . In jene Ferne verliert sich unser Weg . - Ihr müßt schöne Gegenden gesehn haben . - Fast ununterbrochen sind wir durch reizende Landschaften gereiset . - Auch Eure Vaterstadt hat wohl eine anmuthige Lage ? - Die Gegend ist abwechselnd genug ; doch ist sie noch wild , und ein großer Fluß fehlt ihr . Die Ströme sind die Augen einer Landschaft . - Die Erzählung eurer Reise , sagte Klingsohr , hat mir gestern Abend eine angenehme Unterhaltung gewährt . Ich habe wohl gemerkt , daß der Geist der Dichtkunst euer freundlicher Begleiter ist . Eure Gefährten sind unbemerkt seine Stimmen geworden . In der Nähe des Dichters bricht die Poesie überall aus . Das Land der Poesie , das romantische Morgenland , hat euch mit seiner süßen Wehmuth begrüßt ; der Krieg hat euch in seiner wilden Herrlichkeit angeredet , und die Natur und Geschichte sind euch unter der Gestalt eines Bergmanns und eines Einsiedlers begegnet . Ihr vergeßt das Beste , lieber Meister , die himmlische Erscheinung der Liebe . Es hängt nur von euch ab , diese Erscheinung mir auf ewig festzuhalten . - Was meynst du , rief Klingsohr , indem er sich zu Mathilden wandte , die eben auf ihn zukam . Hast du Lust Heinrichs unzertrennliche Gefährtinn zu seyn ? Wo du bleibst , bleibe ich auch . Mathilde erschrak , sie flog in die Arme ihres Vaters . Heinrich zitterte in unendlicher Freude . Wird er mich denn ewig geleiten wollen , lieber Vater ? - Frage ihn selbst , sagte Klingsohr gerührt . Sie sah Heinrichen mit der innigsten Zärtlichkeit an . Meine Ewigkeit ist ja dein Werk , rief Heinrich , indem ihm die Thränen über die blühenden Wangen stürzten . Sie umschlangen sich zugleich . Klingsohr faßte sie in seine Arme . Meine Kinder , rief er , seyd einander treu bis in den Tod ! Liebe und Treue werden euer Leben zur ewigen Poesie machen . Achtes Kapitel Nachmittags führte Klingsohr seinen neuen Sohn , an dessen Glück seine Mutter und Großvater den zärtlichsten Antheil nahmen , und Mathilden wie seinen Schutzgeist verehrten , in seine Stube , und machte ihn mit den Büchern bekannt . Sie sprachen nachher von Poesie . Ich weiß nicht , sagte Klingsohr