gut befand , an Scharfsinn nicht gebrach . Der verstorbene Freiherr hatte sich , wie Renatus wußte , des Herrn Flies bedient , als es sich um die Unterbringung und Erziehung Paul ' s gehandelt , man hatte die Baronin im Flies ' schen Hause ihr Krankenlager halten lassen , ohne dadurch sich irgendwie zu besonderem Zusammenhange mit der Familie verpflichtet zu glauben , und Renatus war überzeugt , daß auch für ihn angemessen und auch jetzt noch möglich sei , was seine Eltern einst für sich angemessen und möglich gefunden hatten . Er haftete überhaupt , und wie sollte und konnte es anders sein , mit seinem ganzen Sinne auf dem Boden der Ueberlieferungen . Die Ehre , wie er sie verstand , erschien ihm immer noch als ein Vorrecht , als ein ganz ausschließlicher Besitz des Adels . Nur der Rückblick auf eine Ahnenreihe konnte den Begriff der wahren Ehre , wie er meinte , in dem Menschen entwickeln . Nur wer sein Thun und Handeln in jedem Augenblicke der Würde aller derjenigen anzupassen hatte , die vor ihm den Familienschatz der Familienehre angesammelt hatten , konnte die verantwortlich machende Selbstachtung besitzen , ohne welche die wahre Ehre nicht bestehen kann : jene Ehre und jene Ehren , die den mittellosesten und geistig geringsten Edelmann , als Mitglied einer besonderen Kaste und einer besonderen Race , über alle Nichtadeligen erheben , welcher geistigen oder äußerlichen Mittel und Vorzüge diese sich auch zu rühmen haben mögen . Es war nicht allein der Tod seines Vaters , es war mehr noch das Bewußtsein der eigenen im Felde bewiesenen Tapferkeit , welche in Renatus den alten Adelsstolz seines Hauses jetzt auf ' s Neue und stärker als je zuvor belebte . Daß um ihn her Tausende und aber Tausende von Nichtadeligen das Gleiche wie er gethan hatten und thaten , das verminderte seine Selbstzufriedenheit nicht im geringsten . Wie es Sitte unter denen von Arten war , den Familienschmuck der Frauen bei der Verheirathung des Stammhauptes zu vergrößern , so gehörte es sich , daß jeder Herr von Arten den Stammesschatz der Familienehren zu erhöhen suchte . Der Freiherr Franz hatte in Friedensjahren die Kirche in Richten gebaut ; Renatus dachte dem Hause in seinem Namen neue Ehren , kriegerische Ehren zuzuführen , da die Bahn des Krieges vor ihm ausgebreitet lag ; und nun er sich durch seine neuliche Erhaltung des Fortbestehens seines Hauses überhaupt versichert glaubte , waren eine Heiterkeit und eine Zuversicht über ihn gekommen , die ihm sonst nicht eigen gewesen waren . Nur an Hildegard konnte er nicht mit freiem Herzen denken , und es kam ihm schwer an , ihr zu schreiben . Als er sich aber dazu erst überwunden hatte , beschloß er , es mit aller der Wahrhaftigkeit zu thun , die einem Edelmanne seiner künftigen Gattin gegenüber zieme . Er sagte ihr , daß er sich mit ihrer Gefühlsweise oftmals gar nicht in Uebereinstimmung finde , daß er sich jetzt , wo er dem Tode nur mit genauer Noth , nur wie durch ein Wunder entgangen sei , in seinem Innern reiflich geprüft , und es erkannt habe , wie seinem Verlöbniß mit ihr nicht jene Alles umfassende Liebe zum Grunde gelegen habe , welche die Verbindung zwischen Mann und Weib zu einer Naturnothwendigkeit mache ; aber daß er sie werth halte , daß er entschlossen sei , sein Wort , wie es einem Edelmanne gebühre , einzulösen , ja , wie er sich überzeugt fühle , daß Hildegard ihn beglücken , daß er sie auf das wärmste lieben werde , wenn sie aus dem Bereiche der Schwärmerei in die Wirklichkeit hinabsteigen und die fröhliche Zuversicht zum Leben fassen wolle , die ihm gerade mitten in Todesnoth und Gefahren gekommen sei . Er rieth ihr dann , gegen den Grafen Gerhard trotz seiner endlichen Bekehrung auf ihrer Hut zu sein , theilte ihr mit , daß er Herrn Flies und nicht seinem Oheim die Familien-Angelegenheiten übergeben habe , und bat Hildegard danach , sich es mit den Ihrigen in seinem Schlosse gefallen zu lassen und sich von jetzt ab als die Herrin desselben betrachten zu wollen , an deren Seite er in nicht zu ferner Zeit von seinem Kriegerleben auszuruhen hoffe . Um sich aber ihren Anschauungen und Empfindungen doch auch wieder gefällig anzupassen , kam er dann noch einmal auf die Schlacht zurück , deren Begebnisse er ihr ausführlich schilderte ; und seine späteren Träume mit den Erlebnissen und Eindrücken der Wirklichkeit willkürlich und ganz bewußt vermischend , stellte er es ihr mit allem poetischen Schwunge , über den er verfügte , ausführlich dar , wie er seines Vaters Stimme plötzlich mitten im Gewühle des Kampfes zu vernehmen geglaubt habe , wie er , die Augen emporhebend , die Augen seines Vaters über sich leuchten gesehen , und wie er sich überzeugt halte , daß Gott selbst ihm diesen Beistand , diesen Schutzgeist in Gestalt seines Vaters zugesendet habe , um ihm damit Muth und Hoffnung in seiner Trauer um den Vater und ein Zeichen für das lange , dauernde Fortbestehen des Hauses derer von Arten zu gewähren . » Zünde die geweihten Kerzen zum Danke in unserer Kirche an und denke meiner , so oft Du Dich in unserem Gotteshause betend niederwirfst ! « so schloß er . - Wer aber der Muthige gewesen war , der ihn gerettet hatte , das schrieb er auch Hildegarden nicht . Er besorgte , für ihr Herz das ganze Ereigniß seines geweihten Eindrucks und seines dichterischen Zaubers zu entkleiden , wenn er ihr sagte , daß es ein gewöhnlicher Sterblicher , daß es Paul Tremann sei , dem er sein Leben zu verdanken habe . Drittes Buch Erstes Capitel Europa zitterte noch unter dem Nachdröhnen der Ereignisse , welche über den Welttheil hingegangen waren . Zwei blutige Kriege hatten die Herrschaft Napoleon ' s vernichtet . Kometengleich , wie er Alles überstrahlend am Horizonte der Zeit emporgestiegen , war er von demselben verschwunden