hatte , und während Renatus diesen Ausspruch noch in sich erwog , fiel es ihm ein , wie der alte Flies seit länger als einem Menschenalter mit allen Unternehmungen und auch mit den wachsenden Verlegenheiten des verstorbenen Freiherrn wohl bekannt gewesen sei und wie es also vielleicht das Gerathenste sein dürfte , ihn , auf dessen Verschwiegenheit der Freiherr Franz sich von jeher fest verlassen hatte und an dessen Meinung dem jungen Edelmanne im Grunde nicht viel gelegen war , dem Justitiarius beizugesellen und ihnen gemeinsam die Vorsorge für die väterliche Verlassenschaft wie für die in Richten Hinterbliebenen zu überantworten . Eine abschlägige Antwort fürchtete Renatus von Herrn Flies noch weniger , als er sie von Steinert erwartet haben würde ; denn einerseits hatte der Banquier bedeutende Hypotheken auf Neudorf und auf Rothenfelde , anderseits hatte er aber auch Wechsel von dem verstorbenen Freiherrn in Händen , die für dessen Erben in jedem Augenblicke unbequem und gefährlich werden konnten , wenn Herr Flies sich einmal versucht fühlen sollte , sie nicht mehr zu verlängern . Es lag also in dem beiderseitigen Vortheile , in gutem Einvernehmen zu verbleiben . Dem Herrn Flies mußte es nothwendig gerade darum zu thun sein , die Sachverhältnisse genau zu kennen , und - Renatus schämte sich halbwegs vor sich selber , als er sich dieses Bestimmungsgrundes bediente - wenn Herr Flies auf solche Weise auch tiefer , als Jener es begehrte , in das von Arten ' sche Familienleben hineinsah , nun , so konnte man sich immer noch auf Seba ' s Freundschaft für die verstorbene Baronin Angelika verlassen , und schlimmsten Falles , nach den vertraulichen Mittheilungen des Grafen Gerhard , von Herrn Flies um Seba ' s willen Verschwiegenheit gegen Verschwiegenheit beanspruchen . Es war dem jungen Freiherrn nicht ganz wohl bei diesen letzten Erwägungen und Betrachtungen zu Muthe . Er würde nie darauf gekommen sein , sie gegenüber einer adeligen Familie anzustellen ; aber mit einer bürgerlichen und vollends mit einer Juden-Familie war das etwas ganz Verschiedenes . Er stand mit ihnen , welche Rechte die neuere Zeit und die neue Gesetzgebung ihnen auch einräumten , durchaus nicht auf demselben Boden ; sie waren in keinem Betrachte seines Gleichen . Ihre und seine Ehrbegriffe konnten gar nicht dieselben sein , ihre Welt war nicht die seine , und es blieb ja immer seinem Ermessen überlassen , sobald die Zeitverhältnisse es ihm gestatteten , eine Verbindung zu lösen , einen Zusammenhang aufzugeben , die eben nur durch die zwingende Gewalt der Umstände für ihn zu einer augenblicklichen Nothwendigkeit geworden waren . Dazu drängten ihn seine Marschordre wie sein eigenes Verlangen , so bald als möglich seinem Regimente zu folgen , dem Befehl über die Compagnie , den er in den beiden letzten Tagen der Schlacht aus eigner Machtvollkommenheit geführt hatte , nun als ihr ernannter Hauptmann in aller Form zu übernehmen , und selbst die Rücksicht , daß Paul ein Theilnehmer des Flies ' schen Handlungshauses sei , änderte schließlich in des jungen Freiherrn Vorhaben nichts , sie bestärkte ihn nur noch in demselben . Eine persönliche Berührung mit jenem wurde für Renatus vorläufig dadurch keineswegs nothwendig . Bei Geschäften , wie das Haus Flies sie seit langen Jahren mit seiner Familie gemacht hatte , fielen aber dem Kaufmanne immer wesentliche Vortheile zu , und , sagte Renatus sich mit selbstgefälliger Herablassung , Paul war doch einmal seines Vaters Sohn . Es stand also , wie der junge Freiherr meinte , den Erben seines Vaters gar wohl an , dem nicht rechtmäßigen Sohne desselben , wenn es sich so fügte , einen Vortheil zuzuwenden und ihn verdienen zu lassen , was sonst einem Fremden zufiel . Er war mit dieser Schlußfolgerung , von großer Niedergeschlagenheit ausgehend , doch schnell wieder dahin gelangt , sich und seine Verhältnisse zu überschätzen , weil es ihm zu quälend war , sie lange in ihrem richtigen Lichte zu betrachten , und wie er sich nun auf ' s Neue nach seinem selbstgeschaffenen Maßstabe auferbaut hatte , legte er denselben auch an die Andern an , so daß er sich bald in gutem Glauben zu der Ausführung seiner Absichten entschloß . Er schrieb dem Justitiarius also , wie er es gehalten haben wolle , er schrieb auch an Herrn Flies , wie jenes Vertrauen , welches die Freiherren von Arten , sein Großvater wie der verstorbene Freiherr Franz , zu Herrn Flies und zu dessen Einsicht und Rechtschaffenheit stets gehegt hätten , es ihm sehr wünschenswerth machten , wenn Herr Flies sich der einstweiligen Vormundschaft über den jungen Freiherrn Valerio unterziehe , wenn er der verwittweten Freifrau von Arten wie dem Justitiarius zur Seite stehe , und Renatus berief sich dabei ausdrücklich auf die früheren persönlichen Beziehungen , welche zwischen ihm selbst und dem Flies ' schen Hause obgewaltet hätten . Er meldete es , daß er Hauptmann geworden sei , erwähnte , daß er in der Schlacht von Möckern in Todesgefahr geschwebt habe ; aber er unterließ es , hinzuzufügen , wem er seine Rettung zu verdanken habe . Daß er vor seinem Ausmarsche von Berlin die Gräfin Rhoden aufgefordert , jeden Umgang mit Seba abzubrechen , daß das bloße Wort des Grafen Gerhard , dem er in seinen persönlichen Beziehungen ganz und gar mißtraute , hingereicht hatte , ihn den Stab über Seba , über die Freundin seiner Mutter , brechen zu lassen , das alles erwähnte er freilich nicht . Er hegte die feste Ansicht , daß es einem Manne wie ihm anstehe und erlaubt sei , sich der ihm nicht ebenbürtigen Menschen wie der Werkzeuge zu bedienen , die man aufnehme und liegen lasse , je nachdem man sich ihrer benöthigt finde . Es war das keine Sache der Ueberlegung bei ihm , es lag ihm im Blute , war ihm ein angezeugter , angeerbter Glaube , und er hatte über dasjenige , was ihn nicht selbst betraf , niemals ernsthaft nachgedacht , obschon es ihm , wo er ihn anzuwenden für