neue einschenkend , wenn auch nicht trinkend , nahm er , um seinen Aerger zu verwinden , die Heerschau über seine Truppen ab . Er hätte eine Armee commandiren können , so mächtig rollte es durch seine Adern . Seine imperatorischen Anweisungen gingen auf die Beleuchtung , auf die Bedienung beim Thee , auf die Stille während der Musik , auf die Tische der Whistspieler in einem der hintersten Zimmer , auf das Arrangement der kleinen Gruppen , denen das Nachtmahl zu serviren war , und vorzugsweise auf die Vermeidung aller plumpen Formen des Einschenkens . Obgleich die Zuhörer zu allem , als wenn sein Gesagtes sich von selbst verstünde : Ja wohl , Herr Kattendyk ! erwiderten , konnte er doch nicht umhin die Moppes ' sche Theorie mit Feuer zu wiederholen : Einschenken und einschenken ist ein Unterschied ! rief er . Der Stand des Herrn und Dieners unterscheidet auch die Art , wie man die Flasche angreift ! Beim Beginn eines Diners oder Soupers , aufgepaßt , greift der Herr , wie der Diener , die Flasche immer am untern Leibe an ! Verstanden ? Der Herr legt - alles das machte er an der etwas schwierigen Form der Krystallflasche nach - den Zeigefinger bis an die Taille der Flasche , das ist sein Vorrecht ! Untersteh ' sich das jedoch von euch Niemand ! Verstanden ? So darf Ich einschenken - tretet heran ! - Ich als Herr ! Ruhe ! Mit dem Zeigefinger darf ich die Flasche drücken ! Das bedeutet Nonchalance , » Gerngegeben « und eine gewisse Mäßigung , gleichsam als wollt ' ich sagen : Es kommt weder mir noch meinen Gästen darauf an , ob sie Wasser oder Lafitte trinken ! Ihr aber - Ihr habt den Zeigefinger an die andern drei Finger hinüberzulegen ; sonst sieht ' s aus , als wenn ihr euch hier zu Hause fühlt ... Das war früher so , Joseph , - laßt den Alten vor ! Guten Abend , Joseph ! - , früher , wenn Vater Gesellschaft gab ! Verstanden ? Diese Vertraulichkeit von Dienstboten : » Bitte , Herr Timpe oder bitte Herr Schmitz oder bitte Herr de Jonge , greifen Sie doch zu ! Warten Sie , Herr Effingh , ich hole Ihnen noch ein Stück Rehrücken ! Oder : Nehmen Sie das , Herr Maus , das ist ein hübsches Mittelstück ! « Und dann so hineinlangen , Joseph , und wol gar Herrn Moppes selber etwas vorlegen ! Joseph , Joseph , Joseph ! Die Zeiten sind gewesen , Joseph ! ... Und den Hals einer Flasche greift ein Diener nie an ! Nie ! Nie ! Ja wohl , Herr Kattendyk ! rief der Chor im stürmischen Einklang ... Alle diese Bemerkungen hatten , da sie durch energische Demonstrationen unterstützt werden mußten , naturgemäß das Leeren eines vierten der allerdings nur kleinen Gläser zu Wege gebracht ... Eben war Piter im Begriff , seine ihm inzwischen vogelleicht gewordene , wie mit Schwingen begabte luftige Gestalt noch einmal die hintere Wendeltreppe hinaufzuschnellen , als die Diener die Thüren aufrissen und einen Mann eintreten ließen , von dem allen bekannt war , daß er in die vornehmsten Gesellschaften , auf Bälle , Diners und Soupers immer nur im grauen Ueberrock kam , Herrn Dominicus Nück . Eine gedrungene , breitschulterige Gestalt war es , anfangs der Fünfziger , mit grauem , kraus verworrenem Haar , das in der Mitte eine kleine Glatze zeigte . Die starken Backenknochen , Schläfe , Kinn , alles bezeugte eine gewaltige Kraft , die durch eine scheinbare Lässigkeit gemildert wurde . Die dunkelbraunen Augen lagen in den von langen , fast zottigen und gleichfalls schon ergrauten Brauen beschatteten Höhlen mit einem unheimlich und tief versteckten Feuer . Die Haut des Antlitzes war von Blatternarben entstellt . Nück mußte sich jeden Morgen selbst rasiren ; die Barbiere hatten eine zu gefährliche Operation , um mit ihrem Messer durch die vielen Hügel , Verhacke und Versenkungen seines Gesichtsterrains hindurchzukommen . Und doch gab es einige Zierlichkeiten an dem vielgefürchteten Manne . Kleine Füße , weiche Hände , ja sogar unter dem immer gleichen grauen Ueberrock mit silbernen Knöpfen nur weiße Westen und über diesen weiße Battisthalstücher , weit und bauschig um den Hals geschlungen , diesen Hals , der allerdings empfindlich sein durfte nach dem bekannten Verhältniß mit Hammaker . Nück sah sich spähend um und erwartete wahrscheinlich seinen jungen Schwager noch nicht zu finden , der eben einige Körbe voll Wein von einem der in Livree gesteckten Hausknechte noch in die hintern Zimmer tragen lassen wollte , wo bereits die zahllosen Gläservorräthe aufgehäuft waren . Piter hatte sich nach dem Vorfall mit Delring vor dem Wiedersehen des Schwagers gefürchtet . Da der Schwager aber auch gegen diesen Gesellschaftsabend gewesen war und dennoch eben in eigener Person erschien , faßte er Muth und begrüßte ihn mit einer schmunzelnden Vertraulichkeit ... Nück , der ihn nicht erwartete , fuhr fast vor ihm zurück und sagte im Volksdialekt der Stadt : Guten Abend , Piterchen ! Nück ' s Cynismus ging bis zur Verachtung aller Bildung , durch deren Geringschätzung er viele Menschen um so zutraulicher machte . Selbst vor Gericht sprang er oft , zum Jubel der Zuhörer , in den Volksdialekt über , wo ihm der Sieg dann fast nie fehlschlug . » Wir Gelehrte « betonte er den Proceßführenden nie anders , als ob er damit sagen wollte : Wir Esel . Bei alledem vernachlässigte er nichts , was zur Bildung gehört . Er kaufte Bücher und las sie sogar . Er schrieb vortreffliche Broschüren über die gelehrtesten Fragen des Privat- und Lehnrechts und las Nachts oft bis zum frühesten Morgen - wer sollte es glauben - Romane . Dann schlief er bis elf Uhr und eilte in seine Termine . Eine Gewohnheit , die er vor längern Jahren einmal angenommen hatte , Tag in Nacht und Nacht in Tag zu verwandeln , konnte er nicht