seit er in ihrem Dienste Blut und Leben eingesetzt . Jetzt war mit seinem Erfolge auch sein Ehrgeiz angefacht , und wie sein Blick sich vorwärts auf neue Siege , neue Ehren , auf eine große militärische Laufbahn richtete , minderten sich die Sorgen , mit denen er nach der letzten Kunde von den Seinigen an die Heimath zurückgedacht hatte . Er konnte , wie er sich richtig sagte , bei seiner bisherigen Unkenntniß von allem , was die Guts- und Vermögens-Verwaltung anbetraf , aus der Ferne keine großen , umgestaltenden Maßregeln treffen . Es war das Gerathenste , bis zur Beendigung des Krieges die Dinge gehen zu lassen , wie sie einmal eingeleitet waren . Er wies also , als er endlich wieder im Stande war , seine Angelegenheiten vorzunehmen , den Justitiarius an , den Contract mit dem Amtmanne zu erneuern , die Wirthschaft desselben , so weit es möglich sei , zu überwachen , die Inventarien , so gut es thunlich , allmählich herzustellen , die Ausgaben auf jede Weise einzuschränken und im Uebrigen wie bisher mit gewissenhafter Treue für ihn und seinen Besitz Sorge zu tragen . Als er diesen Brief mit Selbstzufriedenheit durchlas , kam ihm , nach dem eben erst Erlebten , der Gedanke an die Möglichkeit seines eigenen Todes doch wieder mit verstärkter Macht , und er sagte sich , daß er nothwendig für diesen Fall , da sein Vater es nicht gethan hatte , in Bezug auf Vittoria und vor allen Dingen in Bezug auf Valerio seine Maßnahmen zu treffen habe . Es war nothwendig , einen Vormund für Valerio , einen männlichen Beistand für die Baronin , einen Curator für die ganze Vermögens- und Besitz-Verwaltung zu ernennen , und Renatus wußte lange keine ihn befriedigende Wahl zu treffen . Er kannte die Verwandten seiner Mutter wenig , aber er würde dem Majoratsherrn Grafen Berka mit vollem Vertrauen seine ganzen Angelegenheiten übergeben haben , denn die Ehrenhaftigkeit und Tüchtigkeit desselben war über jeden Zweifel erhaben ; indeß Graf Felix stand , wie Renatus selbst , im Felde , und den Grafen Gerhard mit diesen Ehrenämtern zu betrauen , daran wagte Renatus nicht zu denken . Allerdings beurtheilte er , weil er überhaupt zu dauernder Strenge und Entschiedenheit im Urtheile seiner ganzen Natur nach nicht geneigt war , den Grafen jetzt in manchem Betrachte milder , als an dem Tage , da er den letzten Brief über ihn von Hildegard erhalten hatte . Er war sich während seines kurzen Krankenlagers der verhältnißmäßigen Wandlungen bewußt geworden , welche er selber in den letzten beiden Jahren in sich erfahren hatte , und es gab für ihn manche Stunden , in denen er es zu entschuldigen fand , daß Graf Gerhard sich früher der französischen Sache und der kaiserlichen Fahne angeschlossen hatte . Waren doch auch in seinem eigenen Vaterhause französische Sitte und Sprache lange genug alleinherrschend gewesen , und seiner großen Bewunderung für den Kaiser hatte sein Vater , der verstorbene Freiherr , selber niemals Hehl gehabt . Es war also denkbar , es war möglich , man konnte es vielleicht entschuldigen , wie Graf Gerhard es jetzt selber that , daß dieser sich als ein junger , lebhafter und dabei nicht eben reicher Mann einst für seine Thätigkeit in französischen Diensten ein Feld eröffnet hatte . Es war auch nicht unglaublich , daß die wachsende Tyrannei , die nicht endende Kriegslust des Kaisers dem deutschen Edelmanne endlich die Augen über seinen Irrthum geöffnet hatten , und daß er , in der Reue über seine Verblendung , sich mit doppeltem Eifer und doppelter Begeisterung an die Sache seines Vaterlandes hingegeben hatte . Aber wenn das , wie Graf Gerhard es von sich behauptete , der Fall war , weßhalb focht er jetzt nicht in den Reihen seines Volkes , seiner Standesgenossen , seiner Brüder ? - Weßhalb setzt er nicht , wie wir alle , sein Leben für die Sache des Vaterlandes ein ? fragte sich Renatus mit richtiger Selbstschätzung , und sein persönliches Mißtrauen gegen seinen Oheim wurde dadurch immer wieder auf ' s Neue erweckt und verstärkt . Indeß eine Wahl mußte er treffen , und wie er die Reihe der Edelleute durchdachte , die seinem Vater und seinem Hause verbunden gewesen waren , stieß er auf eine Schwierigkeit , die er bis dahin nicht in das Auge gefaßt hatte . Ein jeder Bevollmächtigte mußte , wenn er das Testament des Freiherrn sah , in welchem Valerio immer und ausdrücklich nur als der Sohn Vittoria ' s , nie als des Freiherrn Sohn bezeichnet war , die Verhältnisse des Hauses in einer Weise erkennen lernen , wie sie Andern , Fremden , bekannt werden zu lassen der verstorbene Freiherr eben zu vermeiden gewünscht hatte ; und hin und her erwägend , wie es vielleicht auch nicht einmal rathsam sei , einem befreundeten Standesgenossen die volle Einsicht in seine verwickelte und schwierige Lage zu vergönnen , bedauerte Renatus es in tiefster Seele , daß es nicht mehr Adam Steinert sei , der an der Spitze der freiherrlichen Güter stehe . Er hatte Adam wenig gekannt , aber alles , was er jemals von dem verstorbenen Caplan und andern Personen über ihn vernommen , hatte entschieden zu des Mannes Gunsten gelautet . Wäre Adam noch als oberster Verwalter auf den Gütern und im Dienste des freiherrlichen Hauses , oder wäre er nur auf Marienfelde und nicht im Heere gewesen , so würde Renatus , allem Familien-Herkommen entgegen , ihn zu dem Vormunde von Valerio und überhaupt zu seinem Vertrauensmanne ausersehen haben ; und daß Adam sich trotz alles Vorgefallenen hätte geehrt fühlen müssen , von einem Freiherrn von Arten ein solches Amt zu übernehmen , daran zu zweifeln fiel dem jungen , in standesmäßigem Hochmuthe auferzogenen Manne gar nicht ein . Er erinnerte sich , daß selbst der alte Flies , der mit seinem Lobe zu kargen gewohnt war , den Adam Steinert als einen der ausgezeichnetsten Landwirthe und als einen höchst umsichtigen Geschäftsmann bezeichnet