ihn an das Leben fesselten . Denn wie er sich dagegen auch innerlich vertheidigte , es bemächtigte sich seiner auf ' s Neue der dumpfe Lebensüberdruß , der ihn heute schon zu verschiedenen Malen überfallen hatte , und unfähig , irgend einen festen Entschluß zu fassen , warf er sich mit den Anderen zum Schlafe auf den Boden nieder . Der morgende Tag sollte entscheiden ! Auch über ihn und seine persönlichen Angelegenheiten sollte er entscheiden ! Zehntes Capitel Und sie war gefallen , diese Entscheidung : so erhaben und so glorreich für das deutsche Vaterland , als die kühnste Einbildungskraft es nur hatte erhoffen können . Das Dorf , durch welches Renatus an dem Vorabende der Schlacht gegangen war , lag in rauchenden Trümmern . Es war der Schauplatz eines mörderischen Kampfes gewesen . Von den Offizieren , die in jenem Bauernhause bei einander gesessen hatten , waren nach den drei großen Tagen nur noch Renatus und ein noch jüngerer Edelmann am Leben . Es waren Wunder der Tapferkeit gethan worden . Im Verein mit den Ostpreußen hatte das Regiment , in dem Renatus diente , Gehöft um Gehöft , nachdem der Feind Herr des Ortes geworden war , wie eben so viele Festungen , wiedererobern müssen , und , seiner Compagnie voranstürmend , war der Hauptmann an Renatus ' Seite von einer Kartätschenkugel niedergeschmettert worden . Lautlos war er zusammengesunken , und trotz des Kampfes wilder Hast sich zu ihm niederbeugend , um sein Wort zu lösen , hatte der junge Freiherr die Papiere und das Schreiben seines Hauptmanns an sich genommen ; aber diese Pflichterfüllung hatte ihm selber fast den Tod gebracht ; denn wie Renatus sich emporrichten wollte , stolperte sein Fuß über die Leiche eines eben erstochenen Soldaten . Ein Kolbenschlag , dem der wankende Renatus nicht widerstehen konnte , verwundete ihn und warf ihn nieder ; auch über seiner Brust blitzten schon die Bayonnette der Franzosen , die sich aus einem der in Brand gerathenen Gehöfte in wildem Durcheinander den Stürmenden entgegenstürzten . Da warf sich plötzlich eine hohe , kräftige Mannesgestalt , an der Spitze einiger ihr folgenden Landwehrmänner , mit raschem Entschlusse den Andringenden in den Weg . Auf , auf , Herr von Arten ! rief er , während er die Feinde , welche den Hingesunkenen bedrohten , mit ungewöhnlicher Kraft und höchster eigener Gefahr so lange aufzuhalten wußte , bis Renatus wieder Meister über sich geworden war und Zeit gefunden hatte , sich zu erheben , um sich in dem grausen Handgemenge , das wie die stürzenden Wellen des Meeres auf und nieder wogte , selber wieder zu behaupten . Es waren nur flüchtige Secunden gewesen , die sein Erretter neben ihm verweilte . Auf ! auf Herr von Arten ! hatte er noch einmal gerufen , dann hatte die nächste Kampfeswelle sie weit von einander fortgerissen , und doch hatte Renatus ihn erkannt , doch war selbst in jener verhängnißvollen Minute das wundersam unheimliche Gefühl durch sein Inneres gezogen , das er stets empfunden hatte , so oft er in dieses Mannes Nähe gekommen war , so oft er seiner nur gedachte . Durch seine Verwundung für die nächsten Tage dienstunfähig gemacht , in Folge der über seine Kräfte gehenden Anstrengungen erschöpft , lag Renatus neben andern Kranken und Verwundeten , leise fiebernd , in einem der Zimmer des Bürgerhospitals . Sein Gehirn war frei , nur bisweilen trübten sich seine Vorstellungen , und er wußte dann nicht zu unterscheiden , was wirklich geschehen war und was er in dem Halbschlafe des Fiebers träumend durchgemacht hatte . Ein paar Mal fuhr er in die Höhe . Er meinte dann , sich wieder im Kampfesgewühle zu befinden , er sah die Bayonnette wieder auf seine Brust gezückt , er hörte wieder das kräftig drängende : » Auf , auf , Herr von Arten ! « und wie in jenem Augenblicke ertönte es ihm als ein Mahnwort von seines Vaters Munde , der ihn zur Selbsterhaltung um des Hauses willen aufrief . Wenn er dann aber in seinen Träumen in die Höhe schaute , um in seines Vaters Schatten seinen Schutzgeist zu erblicken , stand Paul Tremann wieder vor ihm , jede Sehne der prachtvollen Gestalt gespannt , das schöne Antlitz voll kaltblütiger Entschlossenheit - und ein eisiger Frostschauer beschlich des Kranken Herz . Er wachte unzufrieden und erschreckend auf . Er konnte seines Lebensretters nicht mit Liebe , nicht mit Freuden denken . Er glaubte sich sagen zu dürfen , daß er Paul den gleichen Dienst geleistet haben würde . Es war nur Menschenpflicht , einander im Kampfe beizustehen , und doch drückte , doch widerstrebte es ihm , daß Paul ihm mit eigener Gefahr zu Hülfe gekommen war , daß er eben ihm , eben diesem Manne sein Leben zu verdanken haben sollte . Indeß Renatus hatte von seinem Vater mit dem fatalistischen Aberglauben desselben auch die Fähigkeit geerbt , sich die Dinge nach seinem inneren Bedürfen zurecht zu legen und zu deuten , und wie seine Kräfte ihm allmählich wiederkehrten , begann er das ihm beunruhigende und peinigende Erscheinen und Dazwischentreten seines Bastardbruders für jenes Zeichen anzusehen , das er in seiner Entmuthigung am Vorabende vor der Schlacht von dem Geschicke gefordert hatte . Er zweifelte jetzt nicht mehr daran , daß seinem Hause ein Fortbestehen sicher sei , und der schöne Erfolg , den er persönlich errungen hatte , als er noch am letzten Tage der Schlacht zum Stellvertreter und Nachfolger seines gefallenen Hauptmanns ernannt worden war , hatte sein Selbstvertrauen und die Zuversicht auf seinen eigenen Stern in ihm belebt und gehoben . Ohne eigentliche kriegerische Neigung war er in das Heer getreten und widerstrebend in den russischen Krieg gezogen . Aber wie wenig er der französischen Sache auch geneigt gewesen war , so hatte er doch die begeisterte Vaterlandsliebe nicht gehegt , die er bei dem Beginne der Freiheitskriege in sich hatte erwachen fühlen und die zu einer heiligen Flamme in ihm geworden war ,