die Menschen zu schildern , wie sie sind . Weil er Dichter ist , darf er das Schöne und Erhabene in seinem wunderbar geschliffenen Spiegel vergrößern und verschönern , und es mag ihm auch vielleicht erlaubt sein , das Hässliche und Schlechte noch etwas hässlicher zu machen . Doch das verstehe ich nicht und bescheide mich deshalb . Das Große und Schöne soll er indeß nicht hässlich und niedrig malen , sonst widersteht er unserm Gefühl , denn von der Dichtung verlangen wir Frauen wenigstens , daß sie unsre Gefühle erheben und uns die ewige Schönheit ahnen lassen soll . Aber wenn er umgekehrt das Kleinliche und Hässliche ausschmückt , und dem Gemeinen den Schein der Tugend und des Edelmuthes umhängt , damit uns das gefalle , was wir meiden und verabscheuen sollen , dann kommt es mir vor , als versündigte er sich an seinem hohen Beruf . Wenn ich durch die Wimpern einer edlen Fürstin eine Thräne sich drängen sehe , weil sie bang einer schweren Zukunft entgegen sieht , für ihre Familie , ihr Volk , ihr Land , oder ist ' s eine der Freude , daß ihr Gemahl siegreich aus dem Felde zurückkehrt , ihre Kinder ihr Freude bereiten , ihr Erstgeborner einen ersten Zug entfaltet , der an den Edelmuth und die Tapferkeit seiner Ahnen erinnert - das , dünkt mich , ist eine Thräne , die der Dichter auffassen muß wie ein Juwel im Sonnenschein . Aber entweiht er die schöne Thräne nicht , wenn er auch alle seine unbedeutenden Personen bei jeder Gelegenheit gerührt sein und weinen lässt , um Kleines und Geringfügiges , und wenn er dann die Thräne so schön ausmalt , daß die armen Leser mitweinen müssen ! Sie wissen am Ende nicht recht , warum , aber er erhält die weinerliche Stimmung , weil er darauf rechnet , daß wir Alle schwach sind und es uns am Ende an ihn fesselt . So kommt mir Lafontaine vor , erlauchte Frau , er weiß , wo wir Alle schwach sind , und da versucht er uns zu streicheln , er drückt wehmüthig die Hand , schlägt verführerische Akkorde an , bis wir fortgerissen sind , und wenn wir wieder zu uns kommen , schämen wir uns darüber , denn er hat uns weich gemacht , wo wir stark sein sollten , und wo haben wir dann noch Gefühl , Stimmung , die unentweihte Thräne für das große Schicksal wirklicher großer Menschen « Die Königin hatte mit Aufmerksamkeit zugehört . Von Spöttern waren ihr ähnliche Urtheile über ihren frühern Lieblingsdichter schon zugedrungen . Dieser Ton war anders . Sie stimmte nicht bei , sie widersprach nicht , sie schien die Sache zur weitern Ueberlegung zurückzulegen , als sie sich seitwärts wandte . » Dann ist wohl Jean Paul Ihr Dichter ? Dieser Liebling der Museu erhebt uns in die Höhen , wo unsre Adelheid sich wohl befindet . Ich liebe ihn auch , aber mir schwindelt zuweilen in seinen lichten Räumen , mitten in meiner Begeisterung und Bewunderung für ihn fühle ich mich beklommen . Daß ich es gerade heraussage , die Luft dieser erhabenen Wesen ist mir zu rein , meine Neigungen sind doch noch zu irdisch , ich fühle daß ich unter diesen Natalien und Lianen eine schlechte Rolle spielen würde . Es ist vielleicht die Eitelkeit « - setzte sie lächelnd hinzu - » die Königin möchte nicht gern die Magd spielen in der überirdischen Gesellschaft des edlen Dichters . « » Ihre Majestät verzeihen , wenn ein schlichtes Bürgermädchen diesen Stolz auch empfindet . Jean Pauls Frauen kommen mir oft vor wie aus Mondenschein und Sonnenstrahlen gewebt . Wenn man sich an sie hielte , zerflössen sie - « » Das dürfen Sie in Berlin nicht laut aussprechen , sonst verketzern sie uns , « fiel die Fürstin noch im selben Ton ein . - » Nein , alle Admiration dem herrlichen Manne , aber Sie haben wohl Recht , unsere Zeit fordert Männer , auch Frauen , welche den Dingen und Verhältnissen ins Gesicht zu sehen verstehen , und vor einer rauhen Berührung nicht zurückschrecken . Sie fordert , daß wir unsere Empfindungen beherrschen . Es ist schwer , mein liebes Kind , schwer für einen Jeden , die schlechten Menschen nicht merken zu lassen , daß man sie hasst , verachtet , was mehr für uns Fürsten ! Das ist unsere gepriesene hohe Freiheit , wir müssen sogar freundlich scheinen gegen unsere Feinde , denen die Hand drücken , von denen wir wissen , daß sie in der Tasche den Dolch gegen uns versteckt halten . Das kostet etwas - eine Resignation , die oft unsere schwache Kraft übersteigt . - Wir träumen zu viel von dem Guten und Bessern . Das ist schön , aber wir dürfen nicht mehr träumen , wir Alle nicht . Jede muß ihre ganze Kraft anrufen , um gerüstet dem gegenüber zu stehen , was Gott zu unserer Prüfung schickt . Wir müssen uns bezwingen , entsagen zu können , auch dem , was uns das Theuerste , Liebste ist ! « Der Ton ihrer Sprache hatte sich mit ihrer Stimmung plötzlich verwandelt . Es war auch um sie her anders geworden ; die Sonne war hinter heraufziehende Wolken getreten , die Vorläufer des Windes hatten schon länger die gelben Blätter über die Füße der beiden Frauen getrieben , jetzt fing er an in den Büschen das Gezweig zu rütteln , in raschen Stößen rüttelte er von den entfernten Baumwipfeln das Laub . Die laue Luft hatte , wie auf einen Zauberhauch , einer empfindlichen , scharfen Kälte Platz gemacht , daß die Damen die Tücher enger um den Hals zogen . » Sie müssen Alle entsagen , « sprach die Königin feierlich , » auch Sie , Adelheid werden die Kraft haben . Ich habe das schöne Vertrauen , nachdem ich Ihre schöne Seele kennen gelernt . « Da war auch ein schöner Vorhang plötzlich gefallen ,