es doch nicht für Platon seyn konnten . Er hatte seine Angabe zu erweisen aus der menschlichen Natur selbst , allein dazu fehlten ihm die Vorarbeiten der Psychologie und Anthropologie , zweier Wissenschaften , die er selbst erst , man kann wohl sagen neu zu schaffen hatte , und um die er sich , bei allem Einzelnen worin er irrte und irren mußte , im Ganzen so große Verdienste erwarb , daß ich noch jetzt für die dereinstige Vollendung dieser Wissenschaften keinen andern Weg weiß als den er einschlug . Was als Ahnung der Wahrheit in der Tiefe seiner Seele lag , war wohl kaum auf geradem Wege mitzutheilen möglich , und er schlägt daher einen Weg ein , der , wie Garpe sagt , dem Dichter mehr als dem Philosophen ansteht , den Weg der Vergleichung . Wielands Aristipp urtheilt hierüber sehr richtig , wenn er sagt : » Die Gerechtigkeit besteht , nach ihm , in dem reinsten Zusammenklang aller Kräfte zur möglichsten Vollkommenheit des Ganzen unter der Oberherrschaft der Vernunft . Um dieß seinen Hörern anschaulich zu machen , war es allerdings der leichtere Weg , zuerst zu untersuchen wie ein vollkommen wohl geordneter Staat beschaffen seyn müsse , und erst dann , durch die entdeckte Ähnlichkeit zwischen der innern Oekonomie unsrer Seele mit der wesentlichen Verfassung und Verwaltung eines wohlgeordneten Gemeinwesens , die wahre Auflösung des Problems ausfindig zu machen . Auf diese Weise wurden sie in der That vom Bekanntern und gleichsam in größern Charaktern in die Augen Fallenden auf das Unbekanntere geführt ; denn was der Mensch gewöhnlich am wenigsten kennt , ist das Innere dessen was er seine Seele nennt . « Was Platon von der Staatsverfassung sagt , soll also bloß Mittel zu dem Zwecke seyn , die ideale Menschennatur kennen zu lehren . Wenn dieß geschehen sollte , so mußte Platon auch das Ideal einer Staatsverfassung schaffen , wobei mir nicht unwahrscheinlich ist , daß er eigentlich nur die ägyptische Verfassung mit ihrem Kastenwesen idealisirt habe . Wie dem aber sey , genug er schafft ein solches Ideal , und zwar ganz sichtlich zum Behuf der Vergleichung . Die Vergleichungspunkte , die er durchführt , sind der einzelne Mensch und der Staat , die drei Seelenformen des Menschen und die Stände des Staates , die Tugenden und eben diese Stände . So erhält er folgende Parallele : Stand der Regierenden = Seelenform der Vernunft = Weisheit und Klugheit ; Stand der Beschützenden = Seelenform des Affects = Tapferkeit ; Stand der Gewerbetreibenden = Seelenform des Begehrens = Mäßigung ; wobei man leicht bemerken kann , daß von den Cardinaltugendcn nur drei angeführt werden , die vierte aber , um deren Wesen es der Untersuchung gerade zu thun ist , noch nicht zur Erscheinung kommt . Hierin liegt nun aber auch die Hauptschwierigkeit , wie einst für Platon selbst , so für jeden , der ihn verstehen will , und zwar entspringt diese Hauptschwierigkeit aus der dem Platon eigenen Bestimmung des Begriffs der Gerechtigkeit . Hätte er diesen im gewöhnlichen Sinne gefaßt , so hätte er die Gerechtigkeit bloß darstellen können als eine Pflicht , als Gesetzmäßigkeit der Handlungsweise . Er hatte sie aber aufgefaßt als Vollkommenheit , und dieß veränderte den ganzen Gesichtspunkt , den man jedoch schwerlich finden wird , wenn man sich von dem deutschen Worte Vollkommenheit läßt irre leiten . Diese ist in Platons Sinne nicht etwa ein zu Stande gebrachtes , ruhendes , unthätiges Product , nicht eine Wirkung oder ein Werk jener drei Seelenformen oder Tugenden , sondern vielmehr eine Kraft , und zwar die Kraft der Gesinnung , des sittlichen Willens , wodurch alle Tugeuden erst zu Tugend werden , und in dieser Hinsicht die Tugend selbst . Aus dem Wirken dieser Kraft geht erst ein Product hervor , die Gesundheit , Wohlgestalt , Schönheit der Seele , welche zuletzt als Gottähnlichkeit dargestellt wird . Wohl könnte man wünschen , daß Platon zur Bezeichnung jener Kraft sich eines andern Wortes als des der Gerechtigkeit bedient haben möchte : wie nun aber , wenn er , ohne sich gerade dieses Wortes zu bedienen , weder selbst auf diese Höhe des Standpunktes gekommen wäre , noch uns darauf hätte führen können ? Mir scheint , daß Platon in seiner Untersuchung gerade darum , weil er von dem Begriff der Gerechtigkeit ausging , mit dessen gewöhnlicher Bestimmung er nicht zufrieden war , auf eine höhere Ableitung desselben kam , und daß eben dieses ihn auf die wichtigsten Entdeckungen im Gebiete der Ethik sowohl als der Politik führte . Indem sich bei ihm , wie Schleiermacher in seiner Kritik der Sittenlehre sich ausdrückt ( S. 325 ) , » diejenige Tugend , welche sich am meisten auf die Verhältnisse gegen Andre zu beziehen scheint , als diejenige zeigt , welche der Mensch am meisten in und gegen sich selbst zu üben hat , und welche allein ihn in sich selbst zu erhalten vermag « oder wie es an einer Stelle heißt ( S. 250 ) , indem er die Gerechtigkeit nicht bloß als gesellige Tugend , sondern als » die gleiche auf den Handelnden selbst sich beziehende Gesinnung aufsuchte , « entdeckte er den reinen Tugendbegriff selbst , und stellte diesem gemäß die Tugend als etwas lediglich Innerliches dar , als diejenige Gesinnung , denjenigen Willen , wodurch erfüllt werden ohne Hinsicht auf Lohn oder Strafe die Gesetze der Vernunft , die zugleich die Gesetze der Gottheit sind . Nur aber wenn dieß gefunden war , konnte die bürgerliche Gesetzgebung als etwas Untergeordnetes erscheinen , und Platon auf den Gedanken kommen , daß auch die Politik auf der sittlichen Idee ruhen solle . Daß sie nicht darauf ruhe , so wenig als das gewöhnliche Leben der Menschen , sah er vollkommen klar und bewies es , indem er die Wirklichkeit im Contraste mit seinem Ideal in einer neuen Parallele aufstellte , gegen die Eine Staatsverfassung nämlich , wie sie seyn soll - Monarchie oder Aristokratie , Regierung der Vernunft