kinderlos , so fiel , wenn auf Valerio nicht Bedacht genommen wurde , was jedoch geschehen mußte , so lange seine unrechtmäßige Geburt nicht gerichtlich festgestellt worden war , der Arten ' sche Besitz an die nächsten Erben und Anverwandten von Renatus , an die Brüder seiner Mutter , und mit Einem Male schoß es dem jungen Manne wie ein Strahl durch das Gehirn , was die Annäherung an ihn , die Graf Gerhard seit Jahren mit einer gewissen Beflissenheit betrieben hatte , was die Freundschaft , welche der Graf für die Braut seines Neffen gegenwärtig kundgab , zu bedeuten haben könnten . Dabei kam ihm , wie mit einem Zauberschlage , eine Aeußerung in das Gedächtniß , welche Graf Gerhard einmal gegen ihn gethan hatte , als er ihn zum Eintritte in die Dienste des Königs von Westfalen überreden wollen . Er hatte Renatus damals , um ihn vom Kriegsdienste abzuhalten , den einzigen Erben seines Familiennamens genannt , und als dieser ihn an seinen Bruder Valerio erinnert , hatte der Graf mit einem bösen Lächeln ihm entgegnet : » Vittoria ' s Sohn wird einmal auf Deine Großmuth angewiesen sein ! « Renatus hatte das lange nicht vergessen können ; dann hatten die Ereignisse der letzten Jahre jene Aeußerung aus seiner Erinnerung verwischt , und jetzt trat sie wieder mit voller Klarheit in sein Bewußtsein zurück . Es überlief ihn heiß und kalt . Graf Gerhard wußte also um Vittoria ' s Untreue und er rechnete auf sie ; denn daß er , der seine eigene , wahre Ehre nicht geachtet hatte , kein Bedenken haben würde , fremde Ehre Preis zu geben , wo sein Vortheil es erheischte , darauf meinte der Freiherr seinen Oheim wohl zu kennen . Wie der flammensprühende Krater eines mit Vernichtung drohenden Vulkans that es sich vor seinen Blicken auf . Ihm graute davor , und doch konnte er sein Auge nicht davon losreißen . Je länger er darüber nachsann , desto weniger wußte er sich Rath . Er dachte daran , sein Testament zu machen und Valerio ganz ausdrücklich zu seinem Erben zu ernennen , denn immer wieder fühlte er es , er liebte diesen Knaben brüderlich . Aber sein Vater hatte dies doch offenbar nicht eigentlich gewollt , und auch in Renatus sträubte sich das Arten ' sche Blut dagegen , ganz abgesehen davon , daß die Einsetzung Valerio ' s ohne Frage einen Erbschaftsstreit und mit ihm die Enthüllung von Vittoria ' s Ehebruch heraufbeschwören konnte , den der Freiherr vor der Welt zu verbergen beabsichtigt hatte . Dann wieder fand Renatus sich geneigt , Hildegard zu seiner Erbin zu bestimmen . Indeß der Name seines Geschlechtes wurde damit nicht erhalten . Die Freundschaft , welche Graf Gerhard für die mittellose junge Gräfin hegte , konnte gegenüber der Erbin des Arten ' schen Besitzes leicht in eine wärmere Empfindung übergehen , und Renatus hielt es gar nicht für unmöglich , daß Hildegard , um ihr Werk der vermeintlichen Bekehrung an dem Grafen Gerhard zu vervollständigen , sich selbst zum Opfer bringen könne . Er hatte heute ein unaussprechlich bitteres Gefühl , so oft er an sie dachte . Er wußte nicht , war es Mißtrauen , war es Eifersucht , was ihn also quälte ; aber er vermochte das letztere nicht recht zu glauben , denn heute konnte er es sich nicht verbergen : er liebte sie eigentlich nicht , er hatte sie niemals wahrhaft geliebt . Es war eine Aufwallung , eine Uebereilung gewesen , daß er sich ihr anverlobt hatte , ihr ganzes Wesen sagte ihm immer weniger zu , und wie ein Angstschrei rang sich , ohne daß er es wußte , aus seinem beklommenen , geänstigten Herzen der laute Ausruf : Freiheit , Freiheit ! empor . Er erschrak , als er ihn gethan hatte . Seine Kameraden , die noch plaudernd beisammen saßen - die beiden Schläfer waren während seines einsamen Ganges auch wieder munter geworden - wendeten sich nach ihm um . Das wird in diesem Augenblicke noch Mancher außer Ihnen rufen , lieber Arten , sagte der Hauptmann ; und frei werden wir werden auf die eine oder die andere Art , wenn Jeder von uns morgen Alles an Alles setzt ! fügte er hinzu . Die Unterhaltung der Anderen gerieth dadurch ins Stocken ; sie waren sammt und sonders ernsthaft geworden . Der Hauptmann zog einen Brief aus der Brusttasche und sprach : Es wird morgen eine Schlacht geschlagen werden , wie die Weltgeschichte noch keine aufzuweisen hat . Wer sie von uns überleben wird , das steht in des Allmächtigen Hand . Lassen Sie uns einander das Versprechen leisten , daß die Ueberlebenden Kunde von den Todten in die Heimath senden . Er hielt einen Augenblick inne , zeigte den Anderen den Brief , den er danach wieder in die Brusttasche steckte , und setzte mit weicher Stimme hinzu : Ich habe eine Frau und zwei Kinder zu Hause . Falle ich und Sie können meiner Leiche habhaft werden , so schicken Sie diesen Brief an meine Frau . Gehe ich verloren in der Masse , nun , so meldet wohl Einer von Ihnen ihr das Geschehene , damit es ihr menschlicher und früher als durch die Todtenliste zukommt . Ich stehe , soweit es nöthig und mir möglich ist , Jedem von Ihnen zu dem traurigen Gegendienste bereit . Man sagte einander das Begehrte mit ruhigem Worte zu . Die Lieutenants waren junge Edelleute und gleich Renatus unverheirathet . Der Hauptmann war bürgerlicher Herkunft . Er war bedeutend älter als die Anderen , und hatte in dem Regimente von der Pike auf gedient . Renatus wußte , daß er ohne Vermögen sei , daß er seiner Familie nichts weiter zu vererben habe , als seinen unbescholtenen Namen und die Erinnerung an seine Liebe und an seine Treue ; aber wie schwer dem Hauptmanne das Herz auch sein mochte , Renatus beneidete ihn , weil so einfache , natürliche Verhältnisse