den Beichtstuhl des » neuen Heiligen « Bonaventura von Asselyn flüchtete , aber sie erfuhr alles Geschehene , als sie von einem Einkaufsausgang nach Hause kam . Lucinde hatte ihr schon lange den Rath gegeben , Pitern etwas zu tyrannisiren . So oft er ihr nun seitdem auf der Treppe begegnete , wobei eine rasche Handbewegung , manchmal das Verlangen , ihm einen Knopf am hingehaltenen Hemdärmel sofort auf der Treppe anzunähen , schon zur Gewohnheit geworden war , zeigte sie ihr Schmollen . Piter hatte jetzt nur zu viel mit seinem » Programm « zu thun , sonst würde ihm dies Ausweichen unerträglich gewesen sein . Schon weckte er durch seine Leidenschaft Spott und » Hohngelächter « und Zweifel des Neides , besonders bei den stillen Charakteren Weigenand Maus und Aloys Effingh , die schon vor längerer Zeit über seine Entzückungen die harmlosen , aber bedeutsamen Worte fallen ließen : Nur nicht zu üppig , Kattendyk ! ... Lucinden schonte Piter um Treudchens willen . Auch sprachen ja Benno von Asselyn und Thiebold de Jonge mit einer höchst respectvollen Scheu von der Gesellschafterin seiner Mutter . Benno war zu gewissenhaft , um die für Bonaventura ' s Lebensstellung nicht passende Leidenschaft Lucindens zu verrathen . Auch mußte er anerkennen , daß durch die fast schimpfliche Entfernung aus der Dechanei Lucinde vollkommen berechtigt war , auch ihm gegenüber jenen Humor aufzugeben , dessen Ausbrüche ihn erst dämonisch abgestoßen , zuletzt gefesselt hatten . Die Wahrheit des einen Wortes , das Lucinde Benno beim ersten Begegnen am Theetisch der Frau Walpurga zugeflüstert hatte : » In Kocher am Fall hab ' ich Bitteres erlebt ! « durfte er nicht anzweifeln . Wohl bemerkte sein scharfes Auge , daß Lucinde auch hier schon mit dem ganzen Hause und den Schwächen desselben spielte ; aber Koketterie war es nicht , als sie ihn eines Abends bat , sich ihres vernachlässigten Latein anzunehmen ; sie wolle , sagte sie , die Bekenntnisse des Augustinus , die Geschichte seines Lebens-Trahimur , in der Ursprache lesen . Zu Thiebold ' s Erstaunen über dies » Zauberweib « kaufte ihr Benno ein Lexikon , verschaffte ihr Uebungsbücher und mußte sich gestehen , daß die Art , wie sie ihm dafür das Geld schickte und ihren Dank in einem Briefe bezeigte , einen graziösern Geist verrieth , als er ihrer Schroffheit zugetraut hatte . Das Geld kam auf der » Schreibstube « Nück ' s an und war dort in seiner Abwesenheit dem Principal übergeben worden . Als Nück die Veranlassung dieser Geldsendung aus dem Kattendyk ' schen Hause erfuhr und mit eigenthümlich zwinkernden Augen auch den ihm von Benno dargereichten Brief gelesen hatte , erfuhr letzterer , daß die Wirkung , die Lucinde hervorbrachte , immer allgemeiner wurde . Wo man nur auf das Kattendyk ' sche Haus zu sprechen kam , wurde nach Lucinden gefragt . Schön erschien sie allen , den Frauen etwas unheimlich . Auch Männer brauchten zuweilen den Ausdruck , sie hätte zu viel Geisterhaftes . Nur über ihre beispiellose Frömmigkeit waren alle übereinstimmend . Eines Tages erfuhr Benno von Thiebold , daß Nück an dem seit einiger Zeit häufiger von ihm besuchten Theetisch seiner Schwiegermutter Lucinden halblaut ein Wort gesprochen hätte , das dieser die seit einiger Zeit immer nur bleichen Wangen purpurn überfärbte . Es war von einer schon zunehmenden Gewöhnung Lucindens an das Leben im Hause und in der Stadt die Rede und von ihrer frühern übergroßen Verschüchterung . » Sie sind eine Jerichorose ! « hatte Nück geflüstert . Thiebold verstand diese Vergleichung nicht . Im Benno wollte er » nachschlagen « , was sie bedeute . Als ihm Benno die Erklärung gab : Eine Jerichorose ist ein rankenartiges Gewächs mit einer wunderbar gestalteten und duftenden Blume , die zeitweilig ganz ledern , welk und verkommen aussehen kann , legt man sie aber in heißes Wasser , so quellen ihre Blätter auf und sind , wenn sie auch seit Jahr und Tag vertrocknet schienen , plötzlich wieder so frisch , als wenn die Blume zum ersten mal blühte ... da wetterte Thiebold über den Außerordentlichen , der gerade zugegen gewesen war und die Jerichorose nur » lateinisch « , d.h. gelehrt gefaßt und gesagt hätte : Die heilige Botanik hat es mit zweierlei Jerichorosen zu thun . Die eine ist die der Legende : Maria auf der Flucht nach Aegypten steigt von dem Esel und da , wo ihr Fuß den Wüstensand berührt , sprießt die Jerichorose auf . Die andern sind diejenigen Rosen von Jericho , die bei Sirach vorkommen in der für die heilige Botanik so classischen Stelle ... Viel lieber hätte Thiebold gewünscht , man hätte verweilt bei der vollständigern Beziehung dieser Vergleichungen auf ein Wesen , das für die ganze gebildete Gesellschaft der Stadt immermehr einen eigenthümlich verschleierten Reiz gewann . Der verhängnißvolle Festtag erschien ... Die Vorbereitungen zu dem Abend sistirten bei Pitern den ganzen geschäftlichen Ex- und Import . Heute galt es den Triumph seiner durchbrochenen Mauern , neugeschaffenen Kamine , portièrenverdeckten Thüren . Auch hatte er schon in der Dienerschaft seit lange manche Reformen angebahnt . Die alten hatte er zwar nicht entfernen können , aber sie für den einzuführenden bessern Ton » unschädlich gemacht « . Kathrine Fenchelmeyer behauptete sich in der Küche , trotzdem daß Thiebold eines Abends gesagt hatte : » Eigentlich mit Geist kochen kann nur ein Mann ! « eine Behauptung , worüber ein fünfstündiger Streit unter den Freunden entstand , der für Pitern so interessant und anregend wurde , daß er sich das neue Buch » Geist der Kochkunst « kaufte . Ueberhaupt gab er viel Geld für diejenige Literatur aus , die ihm in schönen Einbänden hinter einem Glasschrank zu besitzen nöthig schien , um jenes gewisse Etwas eines der Kaufleute zu gewinnen , die so » merkwürdig beschlagen « sind in allem , was die Zahl der Stecknadeln anbetrifft , die eine birminghamer Maschine in einer Stunde hervorbringen kann . Auf jedes Buch ,