An den abgeschirrten Batterien , an den Reihen aufgestellter Bayonnette vorüber schritt er zum Dorfe hinaus . Es war dort , wie hier ! Ueberall Hast und Lärmen , überall Gehen und Kommen , überall das Dröhnen der Schritte von neu heranziehenden Truppen und das Rollen der Geschütze und der Munitionswagen . Dazwischen Gruppen von ermüdeten , am Boden liegenden Ankömmlingen , die schlafend fast mitten im Wege dalagen und jeden Augenblick von Pferdehufen getroffen werden konnten . Die Sonne war schon untergegangen , der Himmel bewölkte sich mehr und mehr , es dunkelte früh . Aus den Wiesen und Wassern stiegen die Nebel auf und drückten den Rauch von den zahllosen Beiwachtfeuern nieder , an denen die Soldaten sich ihr Abendbrod , und für wie viele unter ihnen mußte es das letzte Abendbrod sein , bereiteten . In der Ferne ertönte Trommelwirbel , von verschiedenen Seiten erschallte in Zwischenräumen die Signaltrompete . Weit hinten am Horizonte stiegen zwei weiße Leuchtkugeln in die Höhe . Was bedeuteten sie ? Er ging zwecklos vorwärts ; er hatte mitunter keinen festen Gedanken , so Vielerlei , so Schweres zog ihm durch den Sinn , und dazwischen fragte er sich immer wieder : was bedeuten die beiden weißen Leuchtkugeln ? Den Tod für Viele ganz gewiß ! gab er sich endlich selbst zur Antwort , und wie er denn so einsam dahinzog auf der weiten , weiten , nachtbedeckten Ebene , einsam unter den Hunderttausenden , die morgen das blutige Spiel beginnen mußten , über die in wenig Stunden das Todesloos gezogen werden sollte , wie er hier an einem Schlafenden vorüberkam , dort fröhliches Lachen und Singen vernahm , dachte er : Wer von Euch wird morgen noch singen und scherzen ? Wer von uns wird schlafen gehen für immer ? - und es kam ihm gar nicht furchtbar vor , zu diesen Letzteren zu gehören . Was blühte ihm denn in der Zukunft ? Was hatte er von ihr zu erwarten ? Quälende Verhältnisse , wohin er sich auch wendete , Verpflichtungen und Sorgen aller Art ! Und wofür das ? Hatte er den Verfall seines Familienbesitzes und Vermögens verschuldet ? Hatte er Vittoria in das von Arten ' sche Haus geführt ? Er mochte gar nicht an sie denken . - Und Hildegard ? Nun , Hildegard hatte sich in ihre künftige Trauer so hineingelebt , daß sie wohl vorbereitet sein mußte , ihr Schicksal zu tragen , wenn ihre Ahnungen sich verwirklichten . Die Briefe hatten lange Zeit gebraucht , bis sie an ihn gelangt waren . Jetzt , dachte er sich , mußten sie Alle schon in Richten beisammen sein . Er sah sie deutlich vor sich : Vittoria mit ihrem Sohne , der nicht mehr sein Bruder sein sollte , und die Gräfin und Hildegard und ihre Schwester . Er sehnte sich nicht dorthin . Ihm bangte vor dem verwaisten Schlosse , und je länger seine Gedanken dort verweilten , um so schmerzlicher drängte sich ihm der immer wiederkehrende Frageruf in die Seele : Vittoria , warum hast Du mir das angethan ? - Er fühlte sich allem Anderen gewachsen , nur Vittoria verachten zu müssen , in Valerio nicht mehr einen Bruder zu besitzen , heimliche Unehre eingedrungen zu sehen in das würdige Haus seiner Väter , das zerriß ihm das Herz , und die Zornesthränen in den Augen zerdrückend , sagte er sich : Ich bin also der Letzte unseres Hauses , unseres Namens ! Falle ich morgen , so ist unser altes Geschlecht erloschen und dahin ! Aus seiner Entmuthigung riß diese Vorstellung ihn empor . Er wollte nicht mehr untergehen ! Er war es denen schuldig , die vor ihm gewesen waren , ihr Geschlecht und ihren Namen aufrecht zu erhalten für die Zukunft , er schuldete sich seinen Ahnen . Er wollte leben bleiben . Morgen wollte er die Frage an die geheimnißvollen Mächte thun , welche das Schicksal der Menschengeschlechter lenken . Verschonte ihn dieses Mal die Schlacht , so sollte ihm das ein Zeichen sein , daß Gott das Fortbestehen des Hauses und des Namens derer von Arten in seiner Weisheit angeordnet habe . Der morgende Tag sollte ihm zu einer Entscheidung auch für sich selber werden . Gefaßter , als er es verlassen hatte , kehrte er in sein Quartier zurück . Er fand Platz an dem Tische und setzte sich nieder , um nach Hause zu schreiben , denn die Anfragen des Justitiarius bedurften einer Antwort ; als er sich aber anschickte , sie zu geben , fiel es ihm erst ein , wie in seines Vaters letztwilligen Anordnungen gar keine Rücksicht auf den doch so möglichen Fall genommen war , daß Renatus bei seines Vaters Tode nicht mehr am Leben gewesen wäre , und obschon diese Zuversicht des Freiherrn auf des Sohnes Stern für diesen eben so erhebend als rührend war , sagte er sich doch , daß es eine Gewissenssache für ihn sei , eine Entscheidung zu treffen , eine Entschließung zu fassen . Der Freiherr hatte mit seinem Testamente den ihm untergeschobenen Sohn eines Fremden offenbar von dem Antheile an dem von Arten ' schen Erbe ausschließen wollen , so weit er dies vermochte , ohne die ihm und seiner Ehre angethane Kränkung kundzugeben . Daß er seinem Sohne erster Ehe den möglichst vollständigen Besitz des Hauses zu erhalten suchte , da die Artenschen Güter kein Majorat waren , konnte an und für sich selbst in den Kreisen , in welchen die Familie lebte , keinen Verdacht gegen Vittoria und gegen die Abstammung Valerio ' s erregen , die trotz der freiherrlichen Verfügung noch immer günstiger zu stehen kamen , als es bei der Vererbung eines Majorates für sie der Fall gewesen sein würde . Der Freiherr hatte also , nach seines Sohnes Meinung , den Erbantritt Valerio ' s nicht völlig ausschließen wollen . Das Fortbestehen seines Namens und Geschlechtes hatte ihm höher gestanden , als die Befriedigung seiner beleidigten Ehre . Starb Renatus