Luft . Da flog , von einem leisen Luftzug getragen , einer jener weißen flockigen Herbstfäden , wo die Allee sich bog , von der Wiese ihnen entgegen und legte sich um Beider Brust , indem er , von ihrer Bewegung festgehalten , sie umschlang . Beide waren durch ein Spiel der Natur an einander gefesselt . Adelheid hob den Arm , um den Faden vom Hals der Fürstin los zu machen , aber - es war die Wirkung und die That des Momentes , jene Einwirkung unsichtbarer Geister , die wir umsonst erklären , und , wenn erklärt , so wäre es nichts - die Thränen stürzten aus den Augen der Königin und sie drückte Adelheid an ihre Brust . Niemand sah es , es war weite sonntägliche Einsamkeit im Park . Die Sonne , obgleich sie Alles sieht , ist eine schweigende Zeugin , die Käfer schwirrten , die Frösche ächzten ihr monotones Lied in den feuchten Wiesen ; vom Kirchthurm läuteten die gedämpften Glocken zum Begräbniß einer alten Frau . Die Lippen der Fürstin berührten Adelheids Wangen : » Ach , liebes Mädchen , wer weiß , was morgen kommt ! « Es war da in dem Augenblick mehr zwischen ihnen vorgegangen , als Worte aussprechen . Die Königin sprach : » Sie schickte mir der allgütige Vater im Himmel zu einer Stunde , wo ich Trost bedurfte . Was man so gefunden , lässt man so leicht nicht wieder von sich . « Die Emotionen haben ihr ewiges , unverjährbares Recht , unter den goldenen Decken der Schlösser wie unter den Schilfdächern der Hütten ; aber hier dürfen sie austoben bis zur Erschöpfung , dort ist ihnen ein Maß gesteckt . Luise war wieder die Königin geworden , als sie weiter gingen , aber von einer Huld , welche die Majestät überstrahlte . Sie zeigte nach dem Pavillon mit chinesischem Dach , auf einer kleinen Höhe vor ihnen : » Dort wollen wir einen Augenblick ausruhen . « Ihr Gespräch , bis sie den Punkt erreicht , war lebhaft , aber es floß ruhig hin . Adelheids Aeußerungen mussten die ganze Aufmerksamkeit der Fürstin erregt haben . Sie hatte sie oft forschend angeblickt . Als sie auf der ländlichen , von Blüthenästen geflochtenen Bank Platz genommen , sagte Luise : » Sie sind noch so jung , und schon solche Erfahrungen ! « Adelheid erröthete . » Sie kamen , wie Sie mir sagten , nie aus der Residenz , Sie lebten nur in guten Häusern , unter respektabeln Familien , und zuweilen blitzt es aus Ihren Reden , als wüssten oder ahnten Sie die Verworfenheit der schlechten Menschen . Ich glaubte , das wäre uns nur aufgespart , die wir von oben so Vieles sehen , was Ihnen unten verborgen bleibt . Wie die Motten nach dem Licht , so flattern uns Die zu , welche für ihre ungeordneten Begierden unten keinen Platz fänden . Wir müssen sie dulden , weil - ach , aus vielen Gründen ! während die stillen , sittlichen , bürgerlichen Kreise ihnen die Thür verschließen dürfen . Man thut daher sehr Unrecht , uns zu beneiden , liebe Mamsell . Wir , die wir andern Pflichten zu gehorchen haben , könnten die Niederen beneiden , welche diese Rücksichten nicht kennen . Sie dürfen nach ihrem Penchant leben und ihre Freunde sich unter den Rechtschaffenen und Guten nach ihrem Gefallen aussuchen . « - » Ihre Majestät , ich meine , es giebt Rücksichten und Pflichten in jedem Lebenskreise . « - » Ganz gewiß , aber es ist leichter , in den Hütten ein stilles Glück sich zu bereiten und doch keine Pflicht zu vergessen , als wenn unsre Wiege dem Throne nahe stand . « Die Fürstin sprach es mit dem bewegt feierlichen Tone , der keinen Widerspruch zulässt . Ihr Auge sah dabei wie verklärt in die Ferne . Wo ihre Gedanken waren , ließ sie die Zuhörerin nicht lange errathen : » Auch ich habe einen Blick in dieses Glück gethan . Es waren die schönsten , glänzendsten Stunden meines Lebens . Damals , liebes Kind , hielt ich es auch für das höchste Glück , was das höchste Wesen unterm Sternenzelt einer Sterblichen gewähren könne , Königin zu sein über ein glückliches Volk . « Die Gedanken der Königin verfolgten die berühmte Huldigungsreise , welche sie nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms III. mit ihrem Gemahl gemacht . Luise letzte sich an der Erinnerung . Sie malte einzelne jener schönen Züge , von denen uns die Zeitgenossen berichten . Die Erscheinung des Königs und der Königin , einer jungen , von Liebreiz und Güte umflossenen , in Provinzen , wo auch die ältesten Greise sich nicht erinnern können , je eine Königin gesehen zu haben , glich der Erscheinung von Schutzgöttern des Vaterlandes , von erhabenen Genien der Gerechtigkeit und Milde , die überall wo sie sich zeigen , unüberwindliche Eroberer , jedes Herz gewinnen . Eine Reise war es gewesen fortwährender Triumphe , nein , eine ununterbrochene Reihe von Familienfesten . Da brannte die Sonne herab , daß man die Augen nicht aufthun konnte , und doch wich Keiner vom Platze , bis er seine Königin mit Augen gesehen . Da waren neunzehn weißgekleidete Mädchen an ihren Wagen gesprungen . Eines hatte der Königin zugeflüstert : Wir sind eigentlich zwanzig , aber die Eine ist nach Haus geschickt . Warum denn , liebes Kind ? - Weil sie so hässlich ausgesehen . Da hatte Luise nach der armen Hässlichen geschickt und sprach am längsten und freundlichsten mit ihr . - Und jener alte Bauer , der sie so gern sehen wollen , und immer wieder von den Andern und den Gensd ' armen zurückgedrängt war , die Königin hatte ihn wohl gesehen und heranrufen lassen , und noch sah sie ihn , wie der Greis sein Haupt entblößte und stumm , aber unverwandten Blickes , die Landesmutter anschaute . In dessen Herzen , wusste sie ,