ganzes Empfinden mich betrügen , oder Du könntest , was Du von weltlichen Dingen anzuordnen hast , keinem verläßlicheren Freunde anvertrauen . Aber ich schreibe Dir von Hab und Gut , und Du , meine einzige Habe , mein höchstes Gut , bist mir fern , bist in täglicher Gefahr . O , denke , wo Du auch immer weilest , denke , daß ich an jedem Morgen und an jedem Abende vor Deinem Bilde , unter Deinen Augen meine Gebete für Dich zum Himmel sende , denke , daß mein Leben beschlossen ist , wenn es dem Herrn über Leben und Tod gefallen sollte , das Deinige als ein Opfer auf dem Altare des Vaterlandes zu begehren . « Sie hatte ein paar Myrtenblätter auf den Rand des Briefes festgenäht und ein Herz darum gezeichnet . » Hier haben meine Lippen , Dein gedenkend , dieses Blatt berührt ! « hatte sie darunter geschrieben , und die Spur ihrer Thränen war auf dem Papier sichtbar , die Worte waren halb verlöscht . Aber der ganze Brief und vor Allem diese Weichheit des Schlusses brachten keine gute Wirkung auf ihren jungen Verlobten hervor . Renatus hatte seine Braut nicht wiedergesehen , seit er vor seinem Abmarsche zu dem russischen Feldzuge Abschied von ihr genommen hatte . Die Heeresabtheilung , bei welcher er stand , hatte bei dem Ausbruch des Befreiungskrieges ihre Marschroute nach Deutschland im Norden von Berlin gehabt . Seit mehr als einem Jahre war er auf einen brieflichen Verkehr mit seiner Verlobten angewiesen gewesen , und ein solcher hat immer sein Bedenkliches , wo es sich nicht um völlig gefestete und klar bestimmte Verhältnisse handelt . Daß Renatus es nicht zulässig gefunden , seinen Vater von der Wahl in Kenntniß zu setzen , welche er getroffen hatte , war gleich Anfangs ein Anlaß zur Verstimmung zwischen ihm und seiner Verlobten geworden . Hildegard hatte ihn der Schwäche angeklagt , ihm vorgehalten , daß er seines Vaters Ruhe mehr als ihren Frieden liebe , und da sie wie die meisten Frauen mit einseitiger Beschränktheit nicht von sich selber abzusehen und keinen Anspruch außer dem ihrigen für berechtigt anzuerkennen vermochte , hatte Renatus ihr mit Grund den Vorwurf der Eigensucht gemacht . Von ihm , um dessen Leben sie sorgte , auf den alle ihre Gedanken gerichtet waren , getadelt zu werden , das hatte sie nicht ertragen können , und von den Anklagen gegen Renatus zu den schwersten Selbstbeschuldigungen übergehend , um ihn wieder zu versöhnen , war sie im Laufe der Zeit allmählich in eine Sprache der gefühlsseligen Leidenschaft gerathen , die sich noch gesteigert hatte , seit der Freiheitskrieg begonnen und die Anschauungs- , Empfindungs-und Ausdrucksweise gar vieler Menschen sich durch die großen Aufregungen bis zur Uebertreibung gesteigert hatte . Renatus hatte sich von dieser Gefühlsrichtung seiner Braut nie wohlthätig berührt gefunden . Er liebte ein frisches , kräftiges Wesen , vielleicht gerade weil er dessen selbst ermangelte , und das Leben des Soldaten auf dem Marsche und im Felde war wider sein eigenes Vermuthen sehr nach seinem Geschmack . Er hatte sich auf dem russischen Feldzuge in Entbehrungen und Anstrengungen erproben lernen , er hatte den großen Augenblick mit erlebt , in welchem sein General das ihm anvertraute Corps von der Bundesgenossenschaft mit dem Landesfeinde losgerissen hatte , und von dem erhabenen Schwunge der begeisterten Volksbewegung weit über sich selbst hinausgetragen , hatte auch Renatus endlich aus der Hoffnung auf die Befreiung seines Vaterlandes sein höchstes Ziel gemacht , ohne daß seine Liebe für Hildegard dadurch beeinträchtigt worden wäre ; aber sie verstand es nicht , sich seinen Stimmungen und Zuständen , wie er es begehrte , anzupassen . Mitten in der stolzen Aufregung des Kampfes , von Tag zu Tag auf wildem Kriegspfade fortschreitend , immer nur des nächsten Augenblickes und oft selbst dieses nicht sicher , sehnte er sich nach dem freudigen Zuspruche eines tapferen Herzens . Wie jeder Jüngling zum Helden geworden war , so wollte er ein Heldenweilb in der Geliebten finden , und Hildegard war zu einem solchen nicht geschaffen . Es half Renatus nicht , daß er sich vorhielt , wie muthig sie in den Reihen der anderen Frauen und Jungfrauen sich der Pflege der Kranken und Verwundeten unterzogen hatte . So oft er einen Brief von ihr erhielt , peinigten ihn die klagende Liebe , die fromme Verzagtheit , ja , selbst die entsagende Gottergebenheit ihres Wesens , die es doch allesammt nicht hinderten , daß sie feste Plane für ihre eheliche Zukunft entwarf und eine Art von Herrschaft über seine Empfindungen auszuüben strebte , welche ihn stets daran erinnerte , daß er sich doch eigentlich sehr früh gebunden habe . Peinlicher aber als eben der heutige Brief war ihm noch niemals ein anderer gewesen . Es lähmte ihm jeden Aufschwung , es verdüsterte ihm den ohnehin trübe genug gestimmten Sinn , von Hildegard , wie er es in seinem Innern nannte , im voraus die Todtenklage um sich anstimmen zu hören . Es schien ihm eine üble Vorbedeutung am Abende vor der Schlacht zu sein . Er hätte so viel lieber ein fröhliches Glückauf , einen siegesgewissen , zukunftssicheren Ruf von ihr vernommen ; und vollends die enge Freundschaft , in welche die Frauen zu dem Grafen Gerhard getreten waren , und deren Entstehen und Wachsen er seit vielen Monaten bemerkt und immer ungern gesehen hatte , gereichte ihm heute zu besonderem Verdrusse . Er konnte es in dem eingezäunten Gärtchen nicht mehr aushalten ; er kam sich ohnehin wie an Händen und Füßen gebunden vor . Er stand auf und verließ den engen Raum . Das ganze Dorf lag voll von Truppen . Es war viel Landwehr dabei , und der Dialekt seiner Heimath schlug mehrmals an sein Ohr . Er meinte , er müsse irgendwo bekannte Gesichter erblicken , eine Anrede erfahren : und sie wäre ihm willkommen gewesen . Aber Niemand achtete auf ihn , es hatte Jeder mit sich selbst genug zu thun .