unendlichen Barmherzigkeit - Schweigen Sie ! unterbrach Bonaventura die auswendig gelernte und statt der Antwort auf die scheinbar überhörte Frage vorgetragene Litanei eines Gebetbuches . Unterlassen Sie jeden Versuch zu diesen fluchwürdigen Freveln und beten Sie die eben von Ihnen begonnenen Worte drüben an den Stufen der heiligen Afra-Kapelle ! ... Er mußte sich sagen - sein Amt schrieb es ihm vor - der Glaube erleuchtete auch die heilige Afra , die ursprünglich ganz auf den Wegen dieser Frau wandelte , erleuchtete eine Margaretha von Catona , auf welche bis in ihr einunddreißigstes Jahr gleichfalls jene Worte des Propheten paßten , die er zum ersten Gruß zur Frau Schummel gesprochen , und die dennoch eine Büßerin wurde und nicht nur in ihrem Grabe mit unverwestem Leichnam liegt , sondern sogar im Gegentheil , worüber sie heilig gesprochen worden ist , einen eigenthümlich » angenehmen Geruch verbreitet « ... Und über Lucindens Lebensgänge zu forschen , verließ ihn alle Kraft . Auch war Frau Schummel schon verschwunden - ohne Absolution , wie gewöhnlich . Auf das Wort : » Heilige Afra « , das Bonaventura mit einer segnenden Handbewegung gesprochen , hatte sie selbst im Knieen geknixt und erhob sich . Sie hoffte , mit der Zeit ihr erworbenes Vermögen in ungestörter Ruhe und endlicher Versöhnung mit den öffentlichen Thatsachen genießen zu können . Leichtere Fälle kamen dann , die Bonaventura ' s erschüttertem Gemüthe Erholung gestatteten ... Er übereilte nichts ... er ließ jedem Zeit , sich auszusprechen ... Einigen , die zu redselig wurden , sagte er mit Sanftmuth , daß die bewilligte Zeit bald vorüber wäre , sie möchten ein nächstes mal kommen und dafür sorgen , daß sie vom Meßner den Vortritt erhielten . Soll es denn so sein ? rief es wie ein Weheschrei in ihm auf , als dann endlich drei Stunden vorüber waren . Darf es eine Institution geben , die uns der Sünde gegenüber nur zu Hörenden macht , nur zu Belauschern dieses bunten , entsetzlichen Lebens ? Soll das Bedrängte nicht sofort Entsatz erhalten von jedem , der davon nur die leiseste Kunde vernimmt ? Soll eine in Erfahrung gebrachte Wahrheit nicht sofort laut verkündigt , ein Verbrechen durch uns zur Bestrafung gebracht werden ? ... Wie viel Hülfeschreie verhallten nun schon so in seiner Brust ! ... Wozu das alles ! seufzte er ... Wozu ? Wozu ? Ein feierliches Hochamt in einem entlegneren Theile des großen Baues hatte begonnen ... Niemand kam mehr , um an sein Ohr zu gelangen ... Aber noch saß er , als blutete er aus tausend Wunden ... Ein Erzittern , ein fieberhaftes Frösteln fühlte er bis tief in sein Allinnerstes ... Im Begriff sich jetzt zu erheben , faltete er sein Tuch zusammen . Schon hatte er den Drücker der Thür in der Hand , um sein enges Gefängniß zu verlassen , schon sah er im Geist gewohntermaßen den Meßner vor sich , der voll Ehrfurcht und mit einem nie so reich gewesenen Ertrag von » Beichtpfennigen « , wie sich jetzt ein solcher seit der Erhebung dieses gefeierten Priesters zum Domherrn ergab , ihn empfing und zur Sakristei geleitete ... Als er mit einem Fuße schon aus dem Beichtstuhl war , bemerkte er , daß der Meßner einen Zuspätgekommenen , der an der linken Seite des Stuhles knieete , entfernen wollte ... Es war ein Mann aus dem untersten Volke , mit einer Blouse über dem Rock . Ein Filzhut bedeckte das nicht sichtbare Antlitz ... nur ein krauses , struppiges , röthlich blondes Haar sah er . Der Betende schien sich nicht wollen stören zu lassen ... Bonaventura winkte dem Meßner und trat in den Stuhl zurück ... Mächtig schollen die Klänge des Hochamts , heute sogar , wie oft , begleitet von einer Instrumentalmusik . Sie wogten durch das hohe Gewölbe und dennoch blieb in diesem entlegenen , dunkeln Winkel die geflüsterte Zwiesprache innerhalb des Stuhles deutlich vernehmbar . Eine heisere , fremdartig betonende Stimme war es , die mit ihm sprach ... Bald erkannte er , daß sich ihm ein ruheloses Gemüth offenbaren wollte ... Er erkannte , daß er mit einem Verbrecher sprach ... Eine Zeit lang hörte er ruhig zu . Der Ton schien von einer nicht gänzlich verwahrlosten Seele zu kommen , aber auch von einem Gemüthe höchster Beschränkung ... Der Mann sprach von einer unterirdischen Erscheinung , von einem Marienbilde unter der Erde , das ihm oftmals zurufe : Thue Buße ! ... Es hätte ihm schon einmal die Warnung vor einem Manne gegeben , der dann auch richtig neulich hätte den Kopf hergeben müssen ... Hammaker ? sprach Bonaventura zu sich ... Der Mann erzählte , er wäre unter Verbrechern aufgewachsen , hätte bitter gebüßt , lange Jahre in Frankreich in Kerker und Banden gelebt , sich im Vaterland » etabliren « wollen - immer war das Deutsche von französischen Worten unterbrochen - aber neue Verführung wäre gekommen , selbst das Heiligste hätte ihn nicht zurückgeschreckt - er hätte ein Grab erbrochen ... Bonaventura bebte auf ... Nun erscheine ihm auch , sagte die Stimme , der Todte , den er auf die nackte Erde geworfen , und fordere von ihm zurück , was er ihm genommen , und doch wäre es nichts gewesen , qu ' une bagatelle - Schriften , die er nicht lesen könne ... Bonaventura hörte schon nicht mehr ... Die Sinne vergingen ihm ... Bei der ersten Ahnung , mit einem Verbrecher zu sprechen , hatte er sein Antlitz ganz verhüllt , hatte die ganze , volle Vorschrift der Regel des Beichthörens auf sich wirken lassen und sich so verborgen , daß der Geständige in seinem Muthe nicht wankend werden sollte ... Nun diese neue Entdeckung ! War das Bickert , der Knecht aus dem Weißen Roß ? Der Leichenstörer , den die Häscher seit Monaten suchten ? Bickert , der mehr gefunden im Sarge des alten Mevissen , als Bonaventura dem Onkel Dechanten vorgelegt ? Schriften , die an