Reinhold ist maßlos heftig , wenn ein gewisser Punkt berührt wird ; ich konnte und mochte ihm meine Ansichten darüber nicht verhehlen , und wir geriethen zum ersten Male in unserem Leben ernstlich in Streit . Er verweigerte es daraufhin , mein Gast zu sein ; ich habe ihn erst heute Mittag wiedergesehen . “ Ella erwiderte nichts . Sie fragte auch nicht , was den Anlaß zum Streite gegeben , fühlte sie doch nur zu gut , daß sie in dem für so leichtsinnig , übermüthig und herzlos gehaltenen Schwager den energischsten Schutz ihrer Rechte gehabt hatte . „ Ich habe noch einmal das Aeußerste versucht , “ sagte er dicht an ihre Seite tretend , „ obgleich ich wußte , daß es umsonst sein werde . Aber Sie – Ella ? Konnten Sie ihn nicht halten ? “ „ Nein , “ entgegnete die junge Frau . „ Ich konnte nicht – und ich wollte auch nicht mehr . “ Statt aller Antwort wies Hugo nach dem schlafenden Kinde hinüber ; sie schüttelte heftig den Kopf . „ Um seinetwillen habe ich mich überwunden und den Mann , der sich um jeden Preis von mir losreißen wollte , gebeten zu bleiben . Ich wurde zurückgewiesen ; er ließ es mich fühlen , welch eine Fessel ich ihm bin – so mag er denn frei werden ! “ Hugo ’ s Blick ruhte forschend auf ihrem Antlitz , das wieder jenen Ausdruck von Energie zeigte , der diesen Zügen einst so fremd gewesen war , langsam zog er ein Billet hervor . „ Wenn Sie denn vorbereitet sind – ich habe Ihnen einige Zeilen von Reinhold zu bringen . Er übergab sie mir vor einigen Stunden . “ Die junge Frau fuhr zusammen . Die eben noch gezeigte Festigkeit wollte nicht Stand halten , als sie auf dem Couvert die Handschrift ihres Gatten erblickte , nur seine Handschrift , wo sie sich mit Todesangst an die Hoffnung geklammert , er werde selbst kommen und wäre es auch nur , um Abschied zu nehmen . Mit bebender Hand nahm sie den Brief und erbrach ihn ; er enthielt nur wenige Zeilen . „ Du bist Zeugin des Auftrittes zwischen Deinem Vater und mir gewesen und wirst es daher begreifen , daß ich sein Haus nicht wieder betrete . An meinem Entschlusse ändert jene Scene nichts ; sie beschleunigt nur meine Abreise , denn die Tactlosigkeit Deiner Eltern hat der Sache eine Oeffentlichkeit gegeben , die es mir nicht wünschenswerth erscheinen läßt , auch nur eine [ 447 ] Stunde länger in H. zu bleiben , als unbedingt nothwendig ist . Ich kann Dir und dem Kinde nicht persönlich Lebewohl sagen ; denn ich setze nicht wieder den Fuß über die Schwelle , von der man mich in solcher Weise fortwies . Meine Schuld ist es nicht , wenn die zeitweise Trennung , die ich erzwingen wollte , jetzt zu einer dauernden wird und sich im gewaltsamen Bruche vollzieht . Du warst es , die mir die Bedingung stellte , entweder zu bleiben , oder für immer zu gehen . Nun denn , ich gehe ! Vielleicht ist es das Beste für uns Beide . Lebe wohl ! [ 459 ] Der Capitain mußte wohl wissen , was der Brief enthielt , denn er stand dicht an Ella ’ s Seite , augenscheinlich bereit , sie zu stützen , wie damals im Theater , aber diesmal verrieth die junge Frau keine Schwäche . Sie blickte stumm nieder auf die eisigen Abschiedsworte , mit denen ihr Gatte sich lossagte von Weib und Kind . Mit welcher Hast ergriff er den Vorwand , den die Härte ihres Vaters und ihre eigenen Worte ihm boten , mit welchem Aufathmen schüttelte er die belästigenden Bande ab ! Unvorbereitet traf sie der Schlag freilich nicht mehr . Seit jener letzten Unterredung kannte sie ihr Schicksal . „ Er ist bereits abgereist ? “ fragte sie , ohne das Auge von dem Briefe zu erheben , den sie noch immer in der Hand hielt . „ Vor einer Stunde . “ „ Und – mit ihr ? “ Hugo schwieg ; er hatte kein ‚ Nein ‘ auf diese Frage . Ella erhob sich scheinbar ruhig , aber sie stützte sich doch schwer auf das Bettchen des Knaben . „ Ich wußte es . Und jetzt – lassen Sie mich allein ! Ich bitte Sie . “ Der Capitain zauderte . „ Ich kam gleichfalls , um Ihnen Lebewohl zu sagen , “ entgegnete er . „ Meine Abreise war ohnedies bestimmt , und jetzt , nach der Entfernung meines Bruders , hält mich hier nichts mehr . Ich mache keinen Versuch , das erneute Vorurtheil des Onkels gegen mich zu brechen , aber von Ihnen , Ella , wollte ich ein Abschiedswort mit hinaus nehmen . Werden Sie es mir verweigern ? “ Die junge Frau schlug langsam das Auge empor , es begegnete dem seinigen , und wie einer unwillkürliche Regung folgend , streckte sie ihm beide Hände hin . „ Ich danke Ihnen , Hugo . Leben Sie wohl ! “ Er schloß mit einer raschen Bewegung die Hände in die seinigen . „ Ich habe Ihnen immer nur Schmerz bringen können , “ sagte er leise . „ Von mir kam die erste Nachricht , die Ihren Frieden rettungslos zerstörte ; sie kam zu spät , und heute war es wieder meine Hand , die Ihnen die letzte brachte . Aber wenn ich Ihnen wehe that , Ella , wehe thun mußte – bei Gott ! leicht ist es mir nicht geworden . “ Seine Lippen ruhten einen Moment lang auf ihrer Hand , dann ließ er sie fallen und verließ rasch das Zimmer ; wenige Minuten darauf war er im Freien . Es war ein rauher , echt nordischer Frühlingsabend . Einförmig plätscherte der Regen nieder ; schwer und dicht hing der Nebel in den Straßen ; selbst die Flammen der Laternen