, trotz des Conflictes , der zwischen ihnen und dem Gouverneur schwebte und an jedem Tage an Schärfe und Ausdehnung gewann . Freiherr von Raven schien diesen Conflict für heute gänzlich zu ignoriren . Er empfing die Gäste , wie alle Uebrigen , mit vollendeter Artigkeit , aber auch mit jener kühlen Zurückhaltung , die ihm eigen war und stets eine unsichtbare Schranke um ihn zog . An seiner Seite machte die Baronin Harder die Honneurs des Hauses und nahm mit großer Befriedigung wahr , daß sie und ihre Tochter im Vordergrunde des allgemeinen Interesses standen . Beide Damen hatten bisher noch keine Gelegenheit gehabt , an dem Gesellschaftsleben von R. theilzunehmen , das erst jetzt mit dem beginnenden Herbste seinen Anfang nahm . Erst mit dem heutigen Feste traten sie in die Kreise ihrer neuen Heimath , die ihnen zum Theil noch fremd waren und in denen ihre nahe Verwandtschaft mit dem Gouverneur ihnen gleichfalls den ersten Platz anwies . Es war natürlich , daß sie den Mittelpunkt für die sämmtlichen Gäste bildeten , aber während die Baronin all die Artigkeiten und Aufmerksamkeiten in Empfang nahm , die der Dame des Hauses gebührten , feierte die Schönheit und Anmuth ihrer Tochter wahre Triumphe ; die junge Baroneß war fortwährend umringt , gefeiert , bewundert , und besonders die jüngeren Herren wagten einen förmlichen Sturm , um die Zusage irgend eines Tanzes zu erhalten . Raven blickte bisweilen zu den Gruppen hinüber , die sich immer wieder von Neuem um sein reizendes Mündel bildeten , aber es lag nur ein halbes Lächeln auf seinen Lippen . Er sah , mit welchem Vergnügen , aber auch mit welcher Unbefangenheit sie die Huldigungen entgegennahm , die ihr von allen Seiten dargebracht wurden . In der That waren Triumphe und Huldigungen das beste Mittel , die Ungeduld zu beschwichtigen , mit der Gabriele die Annäherung eines Einzigen erwartete , während immer neue Gestalten vor ihr auftauchten und eine unendliche Menge von Namen an ihrem Ohre vorüberschwirrte . Georg Winterfeld war längst im Saale , aber sie hatte kaum einige flüchtige Worte mit ihm wechseln können . Er hatte eben erst ihre Mutter und sie begrüßt , als der Oberst herantrat , um seine beiden Söhne vorzustellen , und die Aufmerksamkeit der Damen vollständig für sich und die jungen Officiere in Anspruch nahm . Einige hochgestellte Persönlichkeiten , die gleichfalls zu den näheren Bekannten des Hauses gehörten , gesellten sich dazu , und der junge Beamte , der völlig fremd und isolirt in diesem Kreise war , mußte sich zurückziehen , wollte er nicht aufdringlich erscheinen . Es war ihm noch nicht möglich gewesen , sich Gabrielen wieder zu nähern ; sie befand sich fortwährend in unmittelbarer Nähe des Freiherrn und ihrer Mutter und nahm mit Beiden an dem Empfange der Gäste Theil . Aber jetzt galt kein längeres Zögern ; bereits erklangen die ersten Tacte der Musik , und Georg , der sich um jeden Preis noch eine Begegnung für den heutigen Abend sichern wollte , gab die Zurückhaltung auf . Er trat heran und bat Baroneß Harder , ihm einen Tanz zu gewähren . Gabriele hatte das vorhergesehen und dafür gesorgt , daß wenigstens einer der Tänze frei blieb . Sie sagte sofort zu ; der Freiherr , der soeben mit dem Hofrath Moser sprach , hörte die Zusage , er wandte sich um und sah die Beiden befremdet an . „ Ich dächte , Du hättest keinen einzigen Tanz mehr zur Verfügung , “ sagte er . „ Ist wirklich noch einer davon frei ? “ „ Das gnädige Fräulein war so gütig , mir den zweiten Walzer zu versprechen , “ erklärte Georg . Der Freiherr runzelte die Stirn . „ In der That , Gabriele ? So viel ich weiß , hast Du diesen Tanz vorhin dem Sohne des Oberst Wilten verweigert . “ „ Allerdings , aber ich hatte ihn bereits vorher dem Herrn Assessor versprochen . “ „ So ? “ sagte Raven langsam . „ Nun , wer der Erste war , hat allerdings das Vorrecht . Baron Wilten wird es sehr bedauern , zu spät gekommen zu sein . “ Es war ein seltsam forschender Blick , mit dem der Freiherr bei diesen Worten das Antlitz Gabrielens streifte und der dann auf Georg haften blieb . In diesem Moment erschien der Cavalier , dem es gelungen war , die Zusage des ersten Tanzes von der jungen Baroneß zu erhalten , und bot ihr den Arm . Georg verneigte sich und trat zurück . Es kam jetzt eine lebhaftere Bewegung in die Gesellschaft . Der jüngere Theil derselben fluthete nach dem Ballsaal hin , aus dessen weitgeöffneten Thüren die Musik erklang , während die Aelteren sich in den übrigen Gemächern zerstreuten . Der Empfangssaal begann sich zu leeren , und die Baronin Harder war soeben im Begriff , ihren Platz dort zu verlassen , als ihr Schwager zu ihr trat . „ Sie kennen den Assessor Winterfeld näher ? “ fragte er halblaut . Die Baronin machte eine bejahende Bewegung . „ Ich sagte Ihnen ja bereits , daß wir im Sommer in der Schweiz seine Bekanntschaft machten . “ „ Kam er oft in Ihr Haus ? “ „ Ziemlich oft . Ich habe ihn stets gern empfangen und hätte das auch hier gethan , wenn Sie sich nicht so bestimmt dagegen ausgesprochen hätten . “ „ Ich liebe es nicht , die jungen Beamten in meine Privatkreise zu ziehen , “ entgegnete der Freiherr schroff , „ und ich begreife überhaupt nicht , Mathilde , wie Sie in Ihrer damaligen Zurückgezogenheit dem ersten besten Fremden den Zutritt in Ihr Haus und den unbeschränkten Verkehr mit Ihrer Tochter gestatten konnten . “ „ Es war ein Ausnahmefall , “ vertheidigte sich die Baronin . „ Der Assessor hatte uns einen großen Dienst geleistet , als wir auf dem See in Gefahr geriethen . Sie wissen es ja , daß er mich und Gabriele – “