Sympathie , ja mit Ehrerbietung . Das Blut der Borgia begehrte täglich in dir aufzuleben und dich zurückzufordern . Doch , siehe , nun bist du frei geworden . Die Deinigen alle sind verstummt und bewohnen die Unterwelt , woher keine Stimme mehr verwirrend zu den Lebenden dringt . « Lucrezia seufzte schwer . Es war ein tiefer Schmerzenston und zugleich ein Aufatmen der Erleichterung und Entbürdung . Und dann kam , wie das Blut aus einer Wunde sprudelt , ein reuiges Klagen , ein verzweifeltes Sichgehenlassen , ein nacktes Geständnis dessen , was sie von jeher für Cäsar gesündigt und von ihm erlitten . Don Alfonso erfuhr nichts Neues . Aber Angela , deren Gegenwart Lucrezia unter der Übermacht ihres Gefühles vergaß oder für nichts achtete , wechselte die Farbe und erduldete für die andere alles Entsetzen des Frevels und alle Qualen der Schande . Jetzt umfing Lucrezia , vor dem Herzog niederstürzend , seine Knie , ergriff seine Hände und bedeckte sie mit Küssen . » Ich bin die Maria Magdalena « , schluchzte sie . » Mein Herr hat mir vergeben , und jetzt ist kein Teilchen meines Wesens mehr , das nicht sein eigen wäre ... Ich habe das Leben verwirkt , dein Gebot übertretend , aber du schenkst es mir ! Und nun darf es nicht mehr mein , sondern es soll das deinige werden ! ... « » Herr « , sagte sie unversehens mit einer schmeichelnden Gebärde , » ich habe ein Anliegen an Euch . « Der Herzog glaubte , sie wolle ihm von Strozzi reden , und zog die Brauen zusammen . » Gestattet mir « , bat sie , » daß ich von nun an den Bußgürtel trage ! « Don Alfonso lächelte . » Ich erwartete ein anderes Ansinnen « , sagte er . » Und welches ? « fragte sie . » Eure Fürsprache , Madonna « , erwiderte der Herzog , » für einen Schuldigen , der seinen Kopf aufs Spiel gesetzt und ihn verloren hat . « » Wen meint Ihr ? « fragte Lucrezia ehrlich verwundert . Herkules Strozzi war ihrem Gemüte gänzlich entfallen , seit er ihr durch den Tod des Bruders entbehrlich und gleichgültig geworden war , und der Herzog empfand die Genugtuung , daß der stolze Römerkopf nicht im Gedächtnisse seines Weibes , noch weniger aber in ihrem Herzen hafte , ja , daß Strozzi unmöglich jemals den geringsten Wert für Lucrezia besessen haben konnte . Das stimmte ihn gnädig , so strenge er sonst jeden Ungehorsam zu ahnden pflegte . Er betrachtete sein Weib , das er nun als ein gesichertes Eigentum besaß , mit einer Art von Rührung . Noch nie hatte er sie schöner gesehen . Die Goldhaare , die sich während ihres leidenschaftlichen Bekenntnisses gelöst hatten , ringelten sich um ihre vollkommenen Schultern , und die zartblauen Augen brannten feurig . Er hob eine ihrer blonden Lockenschlangen zum Munde und küßte sie mit Inbrunst . Dann sagte er , als der Mann der Ordnung , der er war : » Ruhet vor dem Mahl ein wenig , Herzogin , und rufet Eure Frauen , daß sie Euch zurechtmachen . Denn , wenn Ihr so seid , werde ich auf das Licht und die Luft , die Euch umgeben , eifersüchtig . « Angela zitterte vor Empörung , daß Lucrezia in unglaublicher Selbstsucht ihren Mitschuldigen vergaß , und in ihrem innern Jammer warf sie sich vor , daß auch sie ihren unglücklichen Blinden in seinem Kerker vergesse . Es war ein ungerechter Vorwurf , den sie sich machte , denn sie drückte , bildlich gesprochen , ihre Stirn , und deren Gedanken ohne Unterlaß und bis zum Schmerze an die Eisenstäbe seines Kerkerfensters . Als sie bei Kerzenschein neben der Herzogin am Spätmahl saß , überwältigte sie dies Jammergefühl , und da sie Lucrezia die Speisen , welche sie dem Herzog zärtlich vorlegte , kosten und ihm roten Neapolitaner , zuerst davon schlürfend , kredenzen sah , war es ihr , als trinke Lucrezia Menschenblut . » Base « , flüsterte sie ihr zu , » vergeßt Ihr das verwirkte Haupt ? « Lucrezia erschrak und erinnerte sich . Des Herzogs Schulter mit den zarten Fingern berührend , fragte sie leichthin : » Schenkst du mir den Strozzi , Alfonso ? « Der Herzog , der eben aus weichem Brot ein kleines Geschütz knetete , warf es weg , lehnte sich in seinen Stuhl zurück und sann ein wenig . Dann sprach er : » Herrin , da ich auf Strozzi gerechterweise nicht eifersüchtig sein kann , und seine Anbetung Eurer Person eine Schuld ist , die er mit allen Männern teilt , so bleibt mir nur sein Ungehorsam gegen mein ausdrückliches Gebot zu bestrafen . – In der andern Waagschale liegt Euer Fürwort , Madonna , und die ungewöhnliche Fachtüchtigkeit des Mannes . In Wahrheit , es widerstrebt mir , ihn aus einer Welt wegzuräumen , welche so viel Geschmeiß unnützer und nichtiger Menschen ernährt . Betrachtet den Fall , meine Kluge . Es ist unmöglich , den Menschen zu begnadigen , ohne daß ich ihn vorher richte . Richte ich ihn aber , so kann ich es nicht verantworten , einen so frevelhaften Ungehorsam meiner ersten Magistratsperson zu verzeihen . Eines aber kann ich – ihn vergessen . Sendet nach ihm , Herzogin , heute noch ! sogleich ! « Er rief einen Diener und gab ihm den Befehl . » Sprecht zu ihm , Lucrezia ; prüfet ihn ! Bringet ihn dazu , daß er aus Ferrara vor der nächsten Sonne verschwinde . Er gehe , wohin es sei – nach Florenz , wenn er will , da er florentinischen Ursprungs ist . Sein Wissen bürgert ihn überall ein . Nicht einmal aus Italien verbanne ich ihn ; er tue , als sei er niemals nach Ferrara zurückgekehrt . Wisset , ich begegnete ihm durch einen ärgerlichen Zufall an der Zollstätte des Südtors , wo ich