Ich glaube , er enthält das Honorar – zu so ungewöhnlicher Zeit , Leo – ich fürchte – “ Der Doktor hatte das Kouvert bereits erbrochen und überflog die Zeilen . „ Ja , auch er lohnt mich ab , “ sagte er ruhig und warf den Brief und etwas Papiergeld auf den Tisch . „ Grämst Du Dich darüber , Tante ? “ „ Ich ? Nicht einen Augenblick , Leo , wenn ich weiß , daß Du Dir die Undankbarkeit dieser urtheilslosen Menschen nicht zu Herzen nimmst . … Ich glaube unerschütterlich an Dich und Deine Kunst und – an Deinen Stern , “ sagte die sanfte Frauenstimme warm und überzeugungsfroh . „ Die Steine , die Mißgeschick und Uebelwollen Dir zeitweilig unter die Füße werfen , beirren mich nicht – Du machst Deinen Weg . “ Sie zeigte in die offene Thür des Eckzimmers . „ Sieh ’ Dir Dein Stübchen an ! Wie ungestört und unbehelligt wirst Du hier denken und arbeiten können ! Ach , und wie freue ich mich der Zeit , die wir noch traulich zusammenleben werden , wo ich noch für Dich sorgen darf – “ „ Ja , Tante – aber die Einschränkungen , die Du in Folge des mißlichen Umschwungs meiner Verhältnisse während der letzten Monate allmählich eingeführt hast , müssen aufhören . Ich leide nicht mehr , daß Du stundenlang auf dem kalten Steinfußboden der Küche stehst . Wenn möglich , rufst Du noch heute unsere alte Köchin zurück . Du kannst das unbesorgt . “ Er griff in die Brusttasche , nahm eine schwere Börse heraus – sie strotzte von Goldstücken – und schüttete ihren Inhalt auf den Tisch . Die alte Frau schlug stumm und in freudiger Ueberraschung die Hände zusammen über das rollende Gold auf ihrer einfachen Tischdecke . „ Es ist ein einziges Honorar , Tante , “ sagte er mit hörbarer Genugtuung . „ Die schwere Zeit ist vorüber . “ Bei diesen Worten wandte er sich ab und trat auf die Schwelle des Eckzimmers . Man sah , die Tante hatte Manches auf dem Herzen , aber sie fragte mit keiner Silbe , welcher Kur und welchem Patienten er diese große Geldsumme verdanke . Käthe benutzte den günstigen Moment , um die Leiter hinabzugleiten . Wie schlug ihr das Herz , wie brannten ihre Wangen vor Beschämung darüber , daß sie diese intimen Erörterungen mit angehört hatte ! Dort die Thür führte direct in den Flur . Da hinaus konnte sie unbemerkt entkommen ; selbst die Tante Diakonus sollte glauben , sie habe längst das Schlafzimmer verlassen und kein Wort von Allem gehört , was gesprochen worden . Verstohlen flog ihr Blick hinüber in das Eckzimmer , wo die Beiden eben an den Schreibtisch traten . In diesem Augenblicke hörte sie den Doktor sagen : „ Sieh da , die ersten Frühlingsblumen ! Hast Du gewußt , daß ich die hübschen blauen Blümchen so gern habe ? “ Ein Ausruf des Staunens unterbrach ihn . „ Ich nicht , Leo – Käthchen , Deine junge Schwägerin , hat die Blumen in das Glas gestellt . … Nein , bin ich zerstreut und vergeßlich ! “ Die alte Dame eilte herüber , aber schon drückte Käthe draußen die Thür hinter sich zu und schlüpfte durch den Flur ins Freie . Nun ging sie langsam und beruhigt unter den Fenstern hin . Durch die nächsten schimmerten schwach die bunten Bouquets der schief und unvollendet herabhängenden Bettgardine ; dann kam sie zu den zwei Fenstern mit den hübschen Filetvorhängen im Zimmer der Tante . Ein Fensterflügel stand offen , und der Hyacinthen- und Narcissenduft wehte heraus . Plötzlich schob eine schöne kräftige Männerhand ein weißes Glas mit blauen Blumen auf den Sims , zwischen die Töpfe ; es war ihr kleiner Frühlingsstrauß , den der Doktor von seinem Schreibtische entfernte und hierher brachte . Sie fuhr heftig zusammen . Flüchtig und unbedacht , wie sie war , hatte sie sich in ein sonderbares Licht gestellt . Daß sie die Blumen auf seinen Tisch gesetzt , mußte er offenbar für die Tactlosigkeit , die Zudringlichkeit eines unbesonnenen jungen Mädchens halten . Sofort blieb sie stehen , und den feuchten Glanz unterdrückter Zornesthränen in den Augen , streckte sie die Hand zum Fenster empor – diese Bewegung machte den Doktor aufsehen . „ Wollen Sie die Freundlichkeit haben , mir die Blumen herauszugeben , Herr Doktor ? Sie gehören mir ; ich hatte sie für einen Moment aus der Hand gelegt und dann vergessen , “ sagte sie , mühsam ihre Aufregung unter angenommener Ruhe verbergend . Im ersten Moment schien es , als erschrecke er leicht beim Klange der Stimme , die ihn so unerwartet ansprach , es war ihm doch wohl unlieb , daß Käthe ihn beobachtet hatte , aber er unterdrückte augenblicklich die unangenehme Empfindung und sagte freundlich : „ Ich werde Ihnen die Blumen bringen . “ Diese tiefe gelassene Stimme entwaffnete sie sofort – er hatte ihr nicht wehe tun wollen . Gleich darauf kam er die Stufen herab . Mit dem prächtig niederwallenden Bart , der breiten Brust und den gemessen edlen Bewegungen war und blieb er eine Gestalt , die man sich eigentlich nur in Uniform denken mochte , und wenn auch nur im grünen Waidmannsrocke . Er reichte dem jungen Mädchen das Glas mit einer höflichen Verbeugung . Sie nahm die Blumen heraus . „ Es sind die ersten , kleine , vorwitzige Dinger , die nicht schnell genug in die scharfe Aprilluft herauskommen können , “ sagte sie lächelnd . „ Man muß sich vielmal bücken und sie mühsam zusammensuchen , freut sich dann aber auch mehr daran , als an einem ganzen Treibhaus voll Blumen . “ – Nun erst war sie beruhigt ; nun glaubte er ganz gewiß nicht mehr , daß sie auf die neue Verwandtschaft hin seinen Schreibtisch plump vertraulich attaquiert habe . Jetzt erschien auch die Tante am offenen Fenster . Sie entschuldigte sich