würde mich auch niemals dieses ererbten Glanzes Leuten gegenüber bedienen , die auf äußere Stellung kein Gewicht legen . Nur da , wo mir die Anmaßung , der Uebermut des begüterten Adels entgegentritt , da klopfe ich auf mein Ahnenschild , daß es klingt . « Er stand einen Moment schweigend mit untergeschlagenen Armen vor ihr . » Ich möchte wohl fragen : › Warum zeigst du diese Augen erst in Schönwerth , Juliane ? ‹ « fragte er langsam . Sie wandte die Augen , die ihn so beredt und glänzend angesehen , erschrocken weg . » Darf ich nun um eine definitive Entscheidung bitten ? « fragte sie unsicher und mit einer peinlichen Verlegenheit ringend . » Darf ich für Leo Mutter und alleinige Erzieherin zugleich sein , und wirst du beim Hofmarschall dahin wirken , daß auch er mir freie Hand läßt ? « setzte sie wieder gefaßt und dringend hinzu . » Er wird Schwierigkeiten machen , « antwortete Mainau und strich sich mit der Hand über die Stirn ; » aber das soll mich nicht abhalten , dir unbeschränkte Vollmacht zu erteilen ... Wir werden ja sehen , wer in deiner Natur siegt – ob die selbstgewählte Lebensaufgabe mit ihren vielen Schattenseiten , oder – die Weltdame , die Tochter der Prinzessin Lutowiska . « » Ich danke dir , Mainau , « sagte sie fast kindlich froh und herzlich , indem sie seine letzte , sehr ironische Bemerkung ignorierte . Er griff nach ihrer Hand , um sie zu küssen – sie wandte sich ab und schritt rasch nach der Thür . » Ist nicht nötig bei guten Kameraden – wir werden uns auch so verstehen , « rief sie mit einem reizend heiteren Lächeln über die Schulter zurück und ging hinaus . 10. Frau Löhn hatte es jetzt schlimm , wie sie sich auszudrücken pflegte . Sie nickte zu dieser Behauptung stets mit dem steifgehaltenen Kopfe und stieß grimmig den tadellos sitzenden Hornkamm tiefer in ihr graues Zopfbündel . Ihre Kranke machte ihr schwer zu schaffen ; sie war sehr aufgeregt , weil ja die Frau Herzogin alle Tage – » selbst wenn der liebe Herrgott Spitzbuben regnen ließ « – am indischen Hause vorbeiritt . Seltsam – in den Hofkreisen hatte man sicher vorausgesetzt , Mainaus plötzliche Vermählung , » dieser halbverrückte , abenteuerliche Schritt « , werde seine Beziehung zum Hofe sofort lösen und die ehemalige Gunst in erbittertste Feindseligkeit wandeln – es kam ganz anders . Die Eingeweihten flüsterten sich zu , die Herzogin sei wie erlöst aus ihrer starren Haltung , seit sie wisse , daß die Verbindung im vollsten Sinne des Wortes eine Konvenienzheirat sei , die auch der alte Hofmarschall tödlich anfeinde und allmählich wieder zu lösen hoffe . Um was diese Scharfsinnigen aber nicht wußten , das war eines der tiefen Rätsel der Frauennatur , die im stolzen Herzen der Aristokratin , wie in dem der Grisette schlummern – die Herzogin hatte den schönen , übermütigen Mann nie leidenschaftlicher und demutsvoller geliebt , als nachdem er sie so furchtbar , so eklatant gestraft , ja , moralisch fast mit Füßen getreten hatte ... » Der Rotkopf « , wie die neue Herrin des Schönwerther Schlosses von Hofdamenlippen genannt wurde , war kein Gegenstand der Eifersucht mehr , seit die Herzogin im Fluge durch den » Nonnenschleier « gesehen und keinerlei Reize entdeckt hatte . Während die erste Frau durch prachtvolle Toiletten und ihre pikante , Lebenslust und Vergnügungssucht atmende Erscheinung ein Schmuck , ein jederzeit umschmeichelter Gast des Hofes gewesen war , hatte Mainau die zweite gar nicht einmal vorgestellt . Er bewohnte nach wie vor , oft auf mehrere Tage allein , wie ein Garçon , seine elegante Mietwohnung in der Residenz und sprach unbefangen von seiner bevorstehenden Reise nach dem Orient ... Das alles genügte , um die Herzogin zu überzeugen , daß mit dem vollzogenen Strafakt der glühende Rachedurst des leidenschaftlichen Mannes für immer gelöscht und das weitere Geschick des dazu benutzen Werkzeuges ihm sehr gleichgültig sei . Nun ritt sie wieder fast täglich durch den Schönwerther Park , und zwar in sehr gehobener Stimmung . Seit die Erzieherin das Schloß verlassen , was auf Mainaus Befehl schon wenige Tage nach der Besprechung mit Liane geschehen war , kam auch der Hofprediger öfters als je nach Schönwerth – er erteilte Leo selbst den Religionsunterricht ... Es hatte einen schlimmen Auftritt zwischen Onkel und Neffen gegeben ; die Dienerschaft war der Meinung gewesen , die Splitter müßten umherfliegen , so wütend hatte der Stock des Kranken das Parkett bearbeitet – eine völlig nutzlose Erhitzung , denn eine halbe Stunde später war Leos Schlafzimmer neben das der jungen Frau verlegt worden , und von diesem Augenblicke an trat sie in alle Rechte der Mutter ein und wurde als solche im Hause streng respektiert . Denn obgleich die Schloßleute sich zuraunten , der Hofmarschall könne die junge Frau nicht ausstehen , und » der junge Herr mache sich doch auch gar nichts aus ihr « , so verhehlten sie sich dabei nicht , daß man ihr die Gräfin auf zehn Schritte ansehe und nie den Mut finde , ihr unhöflich zu widersprechen . Anfangs staunten sie freilich , wenn diese » Zweite « , so schweigsam und lautlos wie die weiße Frau , plötzlich unter ihnen erschien , um nach » dem Rechten « zu sehen ; aber sie gewöhnten sich um so schneller an » diese Eigenheit « , als auch die sonst so spröde Beschließerin widerspruchslos ihre Leinenschränke vor den grauen , prüfenden Augen der Herrin öffnete . Liane vermied seit jenem Gespräch , mit Mainau allein zu sein , und ihm fiel es nicht ein , sie zu suchen . Er hatte auch nie wieder Gelegenheit gehabt , sich über ihre Augen zu wundern . Selbst bei den anregendsten Gesprächen und Debatten zwischen ihm und dem Hofprediger am Theetisch sah sie so still auf ihre schönen , unermüdlich an einem Teppich stickenden Hände