Der arme Anton Sechstes Capitel . Der arme Anton . Die Woche verging mir langsamer als gewöhnlich , trotzdem ich die Collegien regelmäßig besuchte und mich sogar in den müßigen Stunden ernstlich mit meinen Studien beschäftigte . Ich sehnte den Sonntag herbei , welchen ich , wie verabredet , auf der Oberförsterei zubringen sollte ; nebenbei erwartete ich ungeduldig neue Nachrichten über die geheime Verbindung und deren Zwecke , doch wurde die Zeit dadurch nicht beflügelt ; im Gegentheil , sie schien immer träger zu entrinnen . Mehrfach begegnete ich Bernhard ; sein Antlitz war stets ernst und undurchdringlich ; er grüßte höflich , aber förmlich und keine Muskel seines Gesichts verrieth , daß er sich unseres Uebereinkommens erinnere . Anders war es mit mir ; ich fühlte , daß bei seinem Anblick das Herz mir schneller schlug und der Wunsch rege wurde , entweder gar nicht an die Pforten des gefährlichen Geheimnisses geführt , oder vollständig in dasselbe eingeweiht zu sein . Mein Geist befand sich in einer ununterbrochenen Spannung und wahrhaft feenhafte Bilder umgaukelten mich , wenn ich , berauscht durch die Aussicht auf das sich mir darbietende Feld für eine ruhmvolle politische Thätigkeit , mir in Gedanken meine unzweifelhafte Vereinigung mit Johanna ausmalte . – Der Sonntag war endlich angebrochen . In unbeschreiblicher Pracht entstieg die Sonne dem Siebengebirge ; ihre Strahlen bildeten blendende Reflexe auf den kreisenden und wirbelnden Fluthen des Rheinströmen , auf den Dächern der Häuser , auf den Kirchthurmspitzen und auf den Lichtseiten der Bäume , wie um alle in ihrem Bereich befindlichen Gegenstände zur Feier des Tages nach ihren besten Kräften festlich zu schmücken . Es war eben ein Morgen , welchen man , auch ohne den Kalender zu Hülfe zu nehmen , als einen Sonntagmorgen hätte erkennen müssen . Schon vor Tagesanbruch hatte ich mich auf den Weg begeben . Der Wunsch , so bald als möglich in Johanna ' s liebe blaue Augen zu schauen , beflügelte meine Schritte , und so fröhlich und leichten Herzens wanderte ich auf dem Ufer des Rheines dahin , als wären Kummer und Sorgen für mich auf ewig aus der Welt verbannt gewesen . Als ich die Stadt verließ , herrschte noch überall die tiefste Stille ; nur hin und wieder stimmte ein befiederter Säuger sein Morgenlieb an , oder es begegneten mir auch vereinzelte Fischer , welche die Erfolge ihrer nächtlichen nassen Arbeit mühsam heimwärts schleppten . Je weiter ich aber wanderte , um so lebhafter wurde es ringsum . Die Menschen erwachten mit der Natur , und das Nachdenken , welchem ich mich anfänglich hingegeben hatte , verwandelte sich allmälig in jene heitere Sorglosigkeit , in welcher man so gern geneigt ist , Alles in rosenfarbigem Lichte zu betrachten , mit versöhnlichen Gefühlen über die Mängel und Gebrechen der menschlichen Gesellschaft hinwegzusehen und nur das für möglich und wahrscheinlich zu halten , was man am meisten wünscht . Wäre auf diesem Spaziergang Bernhard mit seinen Vorschlägen vor mich hingetreten , dann würde ich schwerlich ohne Widerrede auf dieselben eingegangen sein . Ich befand mich eben in einer Stimmung , in welcher mir der Friede als der höchste Segen erschien und ich es für ein Verbrechen hielt , denselben leichtsinnig zu unterbrechen . Um daher meine Heiterkeit nicht zu trüben , vermied ich es , über das nachzudenken , was mir von Bernhard anvertraut worden war . Ungestört und unbeeinträchtigt durch ernste Bilder wollte ich den herrlichen Morgen genießen , und nach allen Richtungen hin schweiften meine Blicke unablässig , um immer neue Eindrücke in mich aufzunehmen , immer neue Gegenstände zu entdecken , an welchen sich mein von jugendlichem Frohsinn überfließendes Herz erfreuen konnte . Ich ergötzte mich innig an dem munteren Treiben der kleinen Thierwelt , welche nach einer lustig durchschwärmten oder auch behaglich verträumten Nacht das Ufer des Stromes so anmuthig belebte , hier um sich , nach einem letzten Scheideblick auf das lachende Strahlenantlitz der Sonne , in einem geeigneten Winkelchen in trägen Schlummer zu versenken , dort durch einen herzhaften Trunk aus den kühlen Fluthen sich zu den Tages Mühen und Freuden zu stärken und zu rüsten . Ich ergötzte mich an den Hasen , die eh ' sie ihr Versteck aufsuchten , noch einmal auf der staubigen Straße mit dem Ausdruck der Müdigkeit rasteten und dann bei meiner Annäherung mit scheinbar schwer , fälligen Bewegungen seitwärts im dichten Kraut verschwanden ; ich ergötzte mich an den mancherlei Vögeln , die familienweise bald zu dem Strom hinabflogen , bald schwirrend sich erhoben und laut jubelnd nach allen Richtungen hin über das Land vertheilten ; an den Schmetterlingen und den Libellen , die , an Halmen und Blumen hängend , ihre ausgespannten Schwingen den warmen Sonnenstrahlen darboten , um den sie in ihren Bewegungen hindernden Thau von denselben forttrinken zu lassen . Dazu schallte von beiden Seiten des Rheins aus Dörfern nah und fern , das Geläute , welches zu den Frühmetten rief , gar feierlich zu mir herüber ; und wo mein Weg an Gehöften vorüberführte , da gewahrte ich , daß sonntäglich geputzte Kirchgänger dem Ruf des bekannten Glöckleins Folge leisteten , oder die Pferde nach der Schwemme geritten wurden . Ferner bemerkte ich kleine Bauerjungen , die kaum wagten , sich zu rühren , aus Furcht , daß die neue Jacke mit dem hohen Kragen oder die Schleife des rothgeblümten Halstuches , mittels dessen ihr Genick steif gebunden worden war , Schaden leiden könnten , während die kleinen Mädchen coquet ihre gefältelten Schürzchen glatt strichen , die kattunenen Aermel in Puffen emporzupften und dabei vielleicht der Zeit gedachten , in welcher sie , wie jetzt die erwachsenen Dorfschönen , von den mit bunten seidenen Bändern im Knopfloch geschmückten Burschen zum Tanz geführt werden würden . Die mir begegnenden Bauerburschen , zwischen den Lippen eine recht grellfarbige Blume oder auch eine mit prächtigen Quasten behangene kurze Pfeife haltend , boten mir stets einen » schönen guten Morgen « und fragten mich auch Wohl , als Antwort auf