während der zehn Jahre , wo Du zu arm warst , Dir eine ordentliche Köchin zu halten , eine Frau vorgezogen , mit der Du lateinisch reden konntest und die Dir dabei ein Essen hingestellt hätte , das kein Schwein verdauen könnte ? “ „ Nein , gewiß nicht , meine teure Bertha ! " be ­ gütigte der Gemahl , dem das Wort Schwein in dieser Anwendung abermals einen Schauder verursachte , „ man kann indessen Beides vereinigen , wenn man nur will ! Ich fordere nicht von Dir , daß Du der latei ­ nischen oder griechischen Sprache mächtig seist , auch nicht , daß Du unserer Küche Deine treffliche Leitung entziehst — aber Du hättest manches niedrige Hausgeschäft Deinen Dienstboten überlassen können , das Du nur deshalb selbst besorgtest , weil es Dir Vergnügen machte und Du Deine Zeit nicht besser ausfüllen mochtest . Das muß anders werden ; bisher hattest Du den Vorwand , unsere kümmerlichen Ver ­ hältnisse zwängen Dich zu den Arbeiten einer Magd . Von nun an fällt dieser Grund weg , denn ich werde Dir in der Stadt eine anständige Dienerschaft halten und Du kannst Dich alsdann so weit bilden , als es die Kreise , in welchen ich leben will , verlangen . “ Bertha ließ ungeduldig den Löffel in die Suppe fallen , daß sie hoch aufspritzte , und Leuthold blickte sie wieder kopfschüttelnd an , er tat einen tiefen Seufzer , als wollte er sagen : „ ’ S ist Alles vergebens , “ wäh ­ rend Bertha ihren Zorn an der duftenden Brühe ausließ , die sie mit heftigen Bewegungen wieder in die Suppenschüssel zurückgoß , nachdem sie den Löffel ab ­ geleckt und neben sich gelegt hatte . „ Wenn Du das je vor Fremden tust , so hast Du Dich mit dieser einzigen Kleinigkeit zu einer ungebildeten Frau gestempelt und mich blamiert ! “ sagte er ingrimmig . Bertha schlug mit der Faust auf den Tisch , daß die Gläser klirrten . „ Jetzt hab ’ ich aber wirklich genug ! Soll ich nicht einmal mehr essen dürfen , wie ich will ? So lange Du arm warst , und ich mein kleines Aussteuerkapital gehorsam in die Wirtschaft einbrockte0 , um Dir eine anständige Kost zu verschaffen , da war ich Dir recht , da hattest Du nur schöne Worte für mich — und jetzt , wo Du reich bist und ich nichts mehr habe , bin ich Dir auf einmal nicht mehr gut genug und ziehst Du plötzlich ganz andere Saiten auf ! Gott bewahre mich — da hat man ja keine frohe Stunde mehr und am Ende wirfst Du mich noch zum Hause hinaus , wenn ich Dir ’ s nicht recht mache . Im Stande wärst Du ’ s , das seh ’ ich nun ein . O , hätte ich das gewußt ! “ Sie schwieg , weil Lene mit dem Braten erschien , aber ein paar große Tränen rollten ihr in die Suppen ­ schüssel herab , als sie diese dem Mädchen reichte . „ Welch übertriebenes Geschwätz , “ sagte endlich Leuthold , „ sei so gut und schneide das Fleisch , mich hungert ; — Du weißt , daß ich ein anständiger Mann bin , der Gewaltmaßregeln vermeidet , wo er kann . Ich hoffe , Du wirst mich nicht durch störrisches , albernes Benehmen dazu zwingen ! Du wirst die Pflichten anerkennen und erfüllen , die unser Reichtum Dir auferlegt . “ „ Pflichten , Pflichten ? Ich denke , wenn ich reich bin , kann ich mich erst recht meines Lebens freuen und erst recht tun , was ich will — statt dessen soll ich mich in Allem genieren und mir doppelten Zwang auferlegen . Das ist gerade , wie wenn Du mir statt des alten Sofas da ein neues besseres hinstelltest , ich dürfte mich aber dann zur Schonung des kostbaren Überzugs nicht mehr darauf setzen ; da hätte ich ja lieber das alte behalten , auf dem ich mich wenigstens behaglich ausstrecken konnte ! “ Leuthold sah sie lächelnd an . „ Das Ausstrecken auf dem neuen Sofa ist Dir unverwehrt , ich wünsche nur , daß Du zuvor die schmutzigen Schuhe ablegtest , die Du trägst . Verstehst Du das ? “ Diese Erklärung beruhigte Bertha so weit , daß sie ein ansehnliches Stück Fleisch in großen Brocken hinabzuschlingen vermochte . Der Gatte sah ihr dabei von der Seite mit einer eigentümlichen Mischung von Ärger und Humor zu . „ Du wirst Dich jetzt auch daran gewöhnen müssen , mit der linken Hand die Gabel zu halten , “ sagte er endlich . „ Herr Jesus ! “ fuhr Bertha wieder auf , „ was liegt denn an einer solchen Kleinigkeit ! “ „ Sehr viel , meine Liebe ! Solche an sich gering ­ fügige Formsachen bezeichnen den Bildungsgrad , wie der Quecksilberstand im Thermometer den Wärmegrad : eine Linie auf oder ab ist schon von Bedeutung . Wenn Du die Gabel mit der ganzen Faust packst wie eine Heugabel , das Messer weglegst und mit der rechten Hand die Bissen zum Munde führst , — so weiß jeder Gebildete , daß Du nicht in vornehmer Gesellschaft zu speisen gewöhnt bist und sagt : ‚ Es ist eine ordinäre Frau ! ‘ — Ich gebe zu , es ist eine Geringfügigkeit an sich und für jeden denkenden Menschen eine Lächerlichkeit . Aber es hat doch einen Sinn und Zweck : solche peinlichen Formen sind kleine stillschweigende Erkennungszeichen , durch die sich der Feingebildete von dem Halbgebildeten unterscheidet . Gerade weil sie an sich so unbedeutend sind , bemerkt sie der Uneingeweihte gar nicht und eignet sie sich daher nicht an . Steckt er aber in Silber und Gold — die Unkenntnis dieser Dinge verrät ihn als Parvenü . Wer sich in Kreise aufschwingen will , in denen er , wie Du , nicht erzogen ist , der muß ihnen vor Allem ihre konventionellen