? Sie geht hier irgendwo spazieren . “ Fräulein Stübken schlug den Schleier zurück von dem schäbigen Pelzbarettchen , unter dem ihr Gesicht gelblich mit blau-roten Wangen hervorlugte , tupfte sich mit dem Taschentuch die Thränen , die ihr die Kälte herausgepreßt , aus den Augen und sagte , Tante Emilie mit einem eigentümlichen Lächeln ansehend : „ Da werden Sie wohl wo anders suchen müssen , Frau Schönberg ; im Park ist Fräulein May nicht . “ „ Aber – natürlich ! Sie geht ja alle Tage her ! “ „ Ach ja , früher , aber nun schon lange nicht mehr . Sie geht jetzt jeden Tag in die Stadt hinunter , nach der Prinzeß Luisenstraße zu ; wissen Sie die ? “ „ I nä , Fräuleinchen ! – Was soll sie denn da ? “ Fräulein Stübken trat , vor Kälte zitternd , von einem Fuß auf den anderen , und das Lächeln auf ihrem Gesicht , so ein recht boshaftes Lächeln , schien auch festgefroren . „ Was sie da thut ? Sie besucht eben das Fräulein Jeannette Hochleitner – ich denke mir , sie singen da miteinander , vielleicht üben sie etwas zur Weihnachtsüberraschung ein für den Herrn Oberförster . “ „ Das könnte sein “ , gab Tante Emilie schnell gefaßt zu , ob sich gleich innerlich in ihr alles vor Entsetzen empörte , „ da werde ich mich hüten , sie zu stören . “ Fräulein Stübken lächelte noch mehr . „ Geniert es Sie , Frau Schönberg , wenn wir Sie begleiten ? “ Tante Emiliens Wohlwollen für die Hausdame des Oberförsters hatte sich plötzlich in einer Weise abgeschwächt , daß sie es kaum zu einem höflichen „ Bitte schön “ brachte ; das Lächeln und der Ton der Berichterstatterin hatten ihr in Aennes Seele weh gethan . Das erbitterte Mädchen an ihrer Seite merkte es und begann aus einer anderen Tonart zu sprechen . „ Ich habe schon immer kommen wollen , um Ihnen das zu erzählen , Frau Schönberg “ , hub sie an , „ die ganze Stadt klatscht davon , die Hochleitner ist doch kein Umgang für Fräulein May ! So eine , die – na , ich darf nicht darüber reden ! Die Silberschließerin von Ihrer Durchlaucht , die hat sie selbst gesehen droben im Schloß , wo das Theater längst geschlossen war . Ich habe nur immer geschwiegen , weil ’ s so gehässig aussieht , so als ob – na , mir kann ’ s ja egal sein , am ersten Januar gehe ich nach Berlin in eine andere Stellung ! Aber , sehen Sie , ich bin drei Jahre beim Herrn Oberförster gewesen , und das Hauswesen und die Kinder sind mir ans Herz gewachsen , und da thut ’ s einem weh , wenn die Leute so reden . Wie ich von meiner Freundin , der Frau Sekretär Busse , höre – die wohnt nämlich auch in dem Hause , wo die Hochleitner gemietet hat , und sieht da alles ein- und ausgehen , die Lakaien des Herzogs mit Blumensträußen und die Kollegen und Kolleginnen vom Theater und so weiter – - wie ich höre , was die sagt . , Du , Stübken , um Gottes willen , was hat denn nur Mays Aenne alle Tage zu der Hochleitner zu laufen ? ’ da habe ich Mund und Nase aufgesperrt , hab ’ s nicht glauben wollen und – dann hab ’ ich ’ s selbst gesehen ! War bei der Sekretärin eingekehrt nach dem Spazierengehen mit den Kindern , nur einen Augenblick , denn sie hat unsere Kinder so lieb ; also ich sitze da am Fenster mit meiner Tasse Kaffee , die mir die Bussen eben gebracht hat , da sehe ich eine Gestalt herkommen . Hat sich einen dichten Schleier vor das Gesicht gebunden , als ob man Aenne May nicht auch so erkennen müßte – an ihrer Taille . Wer hat denn solche Figur in Breitenfels ? Und obendrein der Marderbesatz , den ihr der Herr Oberförster auf das Tuchjäckchen hat nähen lassen ! – Und es dauerte denn auch gar nicht lange , da kommt oben durch die Decke das Klavierspiel und das Singen , ganz reguläre Uebungen , und zuletzt ordentliche Lieder , und vergnügt sind sie dabei , alle Augenblick hat ’ s ein Lachen gegeben , und – sagen Sie selber , Frau Schönberg , es ist doch unpassend im höchsten Grade ! “ Sie waren gerade auf dem Schloßplatz angelangt bei diesen Worten , da richtete sich die kleine Tante so hoch auf , daß Fräulein Stübken vor Schreck das Wort in der Kehle stecken blieb . „ Aenne thut nie etwas Unpassendes , verstehen Sie , liebes Fräulein ? Und was Ihre Andeutungen über das Fräulein Hochleitner anbetrifft , so rate ich Ihnen , vorsichtiger damit zu sein und – machen Sie doch lieber den Mund zu , es ist Ostwind , der könnte Ihnen leicht eine Halsentzündung bringen . Guten Abend . “ [ 103 ] Fräulein Stübken ! “ Und den Mantel , den ihr der Wind auseinander geweht , fest um sich ziehend , ließ Tante Emilie die Erstarrte stehen und schritt dem May ’ schen Hause zu , äußerlich eine Heldin , innerlich verzagter als je . Sie trat übrigens nicht in das Haus ein , sie wandte sich vielmehr vor der Thür um und ging langsam unter seinen Fenstern zurück der Stadt zu , sie mußte wissen , ob es Wahrheit sei , was sie da eben erfahren . Aenne war an diesem Tage wie an jedem andern gleich nach dem Essen ausgegangen , dem Wunsch der Mutter , daheim zu bleiben , war sie nicht nachgekommen , hatte ihn kaum gehört . Aber wenn auch , sie wäre doch gegangen , sie brauchte diese ungestörten Stunden , um mit sich selbst ins Reine zu kommen , um fest zu werden in dem , was sich