Auf der Rückseite des Kreuzes aber stand ein mutmaßlich von Eccelius selbst herrührender Spruch , darin er seinem Stolz , aber freilich auch seinem Schmerz Ausdruck gegeben hatte . Dieser Spruch lautete : » Wir wandelten in Finsternis , bis wir das Licht sahen . Aber die Finsternis blieb , und es fiel ein Schatten auf unsren Weg . « Unter denen , die sich das Kreuz gleich am Tage der Errichtung angesehen hatten , waren auch Gensdarm Geelhaar und Mutter Jeschke gewesen . Sie hatten denselben Heimweg und gingen nun gemeinschaftlich die Dorfstraße hinunter , Geelhaar etwas verlegen , weil er den zu seiner eignen Würdigkeit schlecht passenden Ruf der Jeschke besser als irgendwer anders kannte . Seine Neugier überwand aber seine Verlegenheit , und so blieb er denn an der Seite der Alten und sagte : » Hübsch is es . Un der Schmetterling so natürlich ; beinah wie ' n Zitronenvogel . Aber ich begreife Hradscheck nich , daß er sie so dicht an dem Turm begraben hat . Was soll sie da ? Warum nicht bei den Kindern ? Eine Mutter muß doch da liegen , wo die Kinder liegen . « » Woll , woll , Geelhaar . Awers Hradscheck is klook . Un he weet ümmer , wat he deiht . « » Gewiß weiß er das . Er ist klug . Aber gerade weil er klug ist ... « » Joa , joa . « » Nu was denn ? « Und der sechs Fuß hohe Mann beugte sich zu der alten Hexe nieder , weil er wohl merkte , daß sie was sagen wollte . » Was denn , Mutter Jeschke ? « wiederholte er seine Frage . » Joa , Geelhaar , wat sall ick seggen ? Eccelius möt et weten . Un de hett nu ook wedder de Inschrift moakt . Awers een is , de weet ümmer noch en beten mihr . « » Und wer is das ? Line ? « » Ne , Line nich . Awers Hradscheck sülwsten . Hradscheck , de will de Kinnings und de Fru nich tosoamen hebb ' n. Nich so upp enen Hümpel . « » Nun gut , gut . Aber warum nicht , Mutter Jeschke ? « » Nu , he denkt , wenn ' t losgeiht . « Und nun blieb sie stehn und setzte dem halb verwundert , halb entsetzt aufhorchenden Geelhaar aus einander , daß die Hradscheck an dem Tage , » wo ' s losgehe « , doch natürlich nach ihren Kindern greifen würde , vorausgesetzt , daß sie sie zur Hand habe . » Un dat wull de oll Hradscheck nich . « » Aber , Mutter Jeschke , glaubt Ihr denn an so was ? « » Joa , Geelhaar , worümm nich ? Worümm sall ick an so wat nich glöwen ? « 17. Kapitel Siebzehntes Kapitel Als das Kreuz aufgerichtet stand , es war Nachmittag geworden , kam auch Hradscheck , sonntäglich und wie zum Kirchgange gekleidet , und die Neugierigen , an denen den ganzen Tag über , auch als Geelhaar und die Jeschke längst fort waren , kein Mangel blieb , sahen , daß er den Spruch las und die Hände faltete . Das gefiel ihnen ausnehmend , am meisten aber gefiel ihnen , daß er das teure Kreuz überhaupt bestellt hatte . Denn Geld ausgeben ( und noch dazu viel Geld ) war das , was den Tschechinern als echten Bauern am meisten imponierte . Hradscheck verweilte wohl eine Viertelstunde , pflückte Veilchen , die neben dem Grabhügel aufsprossen , und ging dann in seine Wohnung zurück . Als es dunkel geworden war , kam Ede mit Licht , fand aber die Tür von innen verriegelt , und als er nun auf die Straße ging , um wie gewöhnlich die Fensterladen von außen zu schließen , sah er , daß Hradscheck , eine kleine Lampe mit grünem Klappschirm vor sich , auf dem Sofa saß und den Kopf stützte . So verging der Abend . Auch am andern Tage blieb er auf seiner Stube , nahm kaum einen Imbiß , las und schrieb und ließ das Geschäft gehn , wie ' s gehen wollte . » Hür , Jakob « , sagte Male , » dat ' s joa grad , as ob se nu ihrst dod wihr . Süh doch , wie he doa sitt . He kann doch nu nich wedder anfang ' n. « » Ne « , sagte Jakob , » dat kann he nich . « Und Ede , der hinzukam und heute gerade seinen hochdeutschen Tag hatte , stimmte bei , freilich mit der Einschränkung , daß er auch von der voraufgegangenen » ersten Trauer « nicht viel wissen wollte . » Wiederanfangen ! Ja , was heißt wieder anfangen ? Damals war es auch man soso . Drei Tag und nich länger . Und paß auf , Male , diesmal knappst er noch was ab . « Und wirklich , Ede , der , aller Dummheit unerachtet , seinen Herrn gut kannte , behielt recht , und ehe noch der dritte Tag um war , ließ Hradscheck die Träumerei fallen und nahm das gesellige Leben wieder auf , das er schon während der zurückliegenden Wintermonate geführt hatte . Dazu gehörte , daß er alle vierzehn Tage nach Frankfurt und alle vier Wochen auch mal nach Berlin fuhr , wo er sich , nach Erledigung seiner kaufmännischen Geschäfte , kein anderes Vergnügen als einen Theaterabend gönnte . Deshalb stieg er auch regelmäßig in dem an der Ecke von Hohen-Steinweg und Königsstraße gelegenen » Gasthofe zum Kronprinzen « ab , von dem aus er bis zu dem damals in Blüte stehenden Königsstädtischen Theater nur ein paar hundert Schritte hatte . War er dann wieder in Tschechin zurück , so gab er den Freunden und Stammgästen in der Weinstube , zu denen jetzt auch Schulze Woytasch gehörte , nicht bloß Szenen aus dem Angelyschen